- Kultur
Explosivoptik
Der Anblick eines kreisrunden horizontalen Regenbogens ist mit etwas Glück von blossem Auge zu erkennen und ein sowohl vorübergehendes als auch ein eindrückliches Ereignis. Die Sensation, was als Begriff sowohl die tiefe der Empfindung als auch die Rarität des Ereignisses umschreibt, war eines der zentralen Themen für den in den USA lebenden Kanadier Jack Goldstein (1945-2003). Tiefseekartographie, Weltallvermessung, Naturkatastrophen und menschliche Allmachtsfantasien sind Erstassoziationen, die einen beim Betrachten seiner ultrasteril wirkenden Gemälde heimsuchen. «Technology does everything for us so that we no longer have to function in terms of experience. We function in terms of esthetics», schrieb er Mitte der 1970er-Jahre in einer Art Manifest. Er gehörte zur ersten Künstlergeneration, die mit dem neuen Medium der Television aufgewachsen war. Ein auf das Bild gestütztes Medium, das die Konsument:innen zu verblöden droht, insbesondere die Jugend, ist als artverwandte Befürchtung genauso fünfzig Jahre später wieder aktuell. Jack Goldstein war Teil der sogenannten Pictures Generation, die Ende der 1970er-Jahre das Massenmedium Bild als kulturelle Struktur untersuchte und es sich als Rohmaterial für ihre neue Kunst aneignete, schreibt Kurator Lynn Kost im Saaltext. Statt der Verfremdung, Anreicherung, Ironisierung oder Verpolitisierung wie bei vielen seiner Kolleg:innen üblich, fokussierte sich Jack Goldstein im Gegenteil darauf, den Ästhetizismus seinerseits auf die Spitze zu treiben. Also durfte das Werk keine Zeugnis von einer Autorschaft mehr abgeben, wofür er zur artifiziellen Gleichmässigkeit eines Farbauftrags der Autolackiererei griff. «Goldstein wollte Bilder erschaffen, die wie Maschinenprodukte erscheinen: makellos, glatt und kühl, aber nie vollkommen perfekt», schreibt Kost weiter. Diese Komplettdistanziertheit, nochmals unterstrichen von der Manifestfeststellung, «an explosive is beauty before its consequences», ist mit ein Grund für das während der Betrachtung mitschwingende Befremden, das im musealen Kontext viel stärker in Erscheinung tritt, als während des Scrollens oder des Zappens. Insofern stellte er, wenngleich teils etwas kryptisch formuliert, just jene Fragen zur Disposition, die weit hinter und über die Behauptung, angeblich bloss Oberflächen zu fabrizieren, hinausreichen.
«Jack Goldstein: Pictures, Sounds and Movies», bis 31.5., Kunst Museum Winterthur, beim Stadthaus, Winterthur.