Bild: Xenia Zezzi

Etikett

Nur weil etwas als Sorge gelabelt wird, muss die Konsequenz daraus nicht positiv sein.

Eleni Haupt als grumpy old man hat sich zur Abwehr eine 60-prozentige Schwerhörigkeit ausgedacht. Liegt im Rahmen des Menschenmöglichen, wird also weniger grundsätzlich infrage gezogen als andere späte Freuden. Myriam Prongué beschreibt in «Biber oder das wilde Tierleben», wie sich die beiden Kinder Zizi (Monika Varga) und Tome (Robert Barandowski) – voll beschäftigt mit der eigenen Wichtigkeit und doch von der Furcht geplagt, ihr längst überschlagendes Erbe dann einmal doch noch verlieren zu können – in der angeblichen Meisterschaft überbieten, dem vermeintlich dementen, vermeintlich hilfsbedürftigen alten Papa nur die allerbeste Hilfestellung zukommen lassen zu wollen. Also in der Form und Ausgestaltung, zum Preis und den kleinen Freiheiten, die sie als die erwachsenen Kinder für angemessen ansehen. Vorhänge bilden Bühnenebenen, Schutzschilder für irrige Annahmen und Schleier, um die Schamesröte dahinter zu verbergen. Wobei letzteres den beiden Kindern überhaupt nicht in den Sinn gerät. Dass ein alter Tattergreis lebenslang ein Geheimnis wahren können sollte, dass sich sein Wohlergehen erst mit richtiggehend amüsanten Betätigungen mit der neuen Pflegerin (Beren Tuna) spürbar steigern lassen könnte und dass irgendeine Anspruchshaltung gegenüber potenziellem Manna vom Himmel längst keine sakrosankte Gewissheit darstellen muss, wäre im Unterschied zum realen Jetztverhalten der Kinder durchaus sehr leicht für diese erkennbar. Allein ihre angebliche Sorge müsste dafür einer tatsächlichen weichen. Und diese störte womöglich die stromlinienförmige eigene Lebenskorsage, in deren Schnüren sich beide längst selbst verheddert haben. Ursina Greuel stellt den Text wie immer vor die szenische Sensation. Im Fall dieses fragilen Austarierens einer Ambivalenz vollkommen zu Recht. Erst leicht gemacht, wirkt das Wegfriemeln eines hartnäckig klebrigen Etiketts so richtig zäh.

«Biber oder Das wilde Tierleben», bis 10.12., Sogar Theater, Zürich.