«Es mangelt an Fairness gegenüber uns BewohnerInnen dieser Stadt»

Wer hinter der kürzlich gegründeten «Allianz lebenswerte Stadtentwicklung» steckt und was sie erreichen will, berichten Monica Amgwerd von der Gartenstadt Friesenberg, Erika Haltiner von der IG Freiräume Zürich-West, Christian Häberli von der IG Grubenacker, Markus Kaiser vom Komitee «Gegen den Höhenwahn» und Heinz Oeschger vom Verein Zukunft Hochschulgebiet Zürich im Gespräch mit Nicole Soland.

 

Weshalb haben sich gleich acht Organisationen – Arbeitsgruppe Städtebau und Architektur Zürich asaz, Gartenstadt Friesenberg, IG Freiräume Zürich-West, IG Grubenacker, Verein Zukunft Hochschulgebiet Zürich, IG Pro Rütihof, Komitee «Gegen den Höhenwahn» und Wunderkammer Glattpark – zur «Allianz lebenswerte Stadtentwicklung» zusammengetan?

Christian Häberli: Unter unseren Gruppierungen bestand bereits ein loser Kontakt über unsere Internetseiten. Im Rahmen dieses Austausches haben wir festgestellt, dass wir zwar in unterschiedlichen Quartieren daheim sind, aber überall mit demselben Thema konfrontiert werden.

 

Das da wäre?

Häberli: Ob Friesenberg oder Thurgauerstrasse, Hochschulquartier oder Hardturm, Brunaupark oder Hofacker – irgendwo wird verdichtet, und irgendwann erfahren die Menschen, die dort leben, auf unterschiedlichen Wegen von dieser Verdichtung und sind schockiert. Sie fragen sich, was hier eigentlich abgeht, und so startet ein Prozess: Einige machen die Faust im Sack, andere gehen juristisch vor wie die Menschen im Brunaupark, im Rütihof oder – bereits erfolgreich – im Hochschulquartier, wieder andere machen Referenden wie die IG Freiräume beim Hardturm oder die IG Grubenacker zur Thurgauerstrasse.

 

Und deshalb haben Sie ein Manifest (siehe Kasten) verfasst?

Häberli: Die geschilderten Prozesse haben alle ihre Berechtigung, nur: So kommen wir nicht weiter. Vielmehr riskieren wir, dass alles blockiert wird beziehungsweise dass je nachdem, wer sich wo durchsetzt oder eben nicht, ein städtebauliches Flickwerk entsteht: Hier wird gebaut, da wird ein Projekt auf Jahre hinaus verhindert… Eine echte städtebauliche Entwicklung ist so nicht möglich. Um dieser Gefahr entgegenzuwirken, haben wir uns zusammengetan. Zurzeit bilden acht Gruppierungen die «Allianz lebenswerte Stadtentwicklung», und mit noch einmal so vielen Gruppen sind wir im Gespräch. Unser gemeinsamer Fokus ist unser Manifest mit seinen zehn Thesen.

 

In den ersten beiden Thesen fordern Sie Augenmass bezüglich des Wachstumsziels und mehr Partizipation: Warum ist Ihnen das so wichtig?

Markus Kaiser: Was uns alle verbindet, ist die Empfindung, dass es in der Zürcher Stadtentwicklungspolitik an Fairness gegenüber uns BewohnerInnen dieser Stadt mangelt. Für uns ist zen­tral, wie man mit den Leuten umgeht. Wir wünschten uns einen fairen Prozess und die Chance, gemeinsam einen guten Weg zu finden. Stattdessen lässt sich die Politik einseitig von den Investoren einspannen. Es ist wie im Curling: Die Investoren setzen die Steine, und die Stadt macht den Weg frei, indem sie fleissig «bäselet». 

Monica Amgwerd: Wachstum und Verdichtung betreffen die Menschen in den Quartieren in ihren existenziellen Bedürfnissen. Also sollen die Menschen in diesen Fragen auch mitbestimmen können. Dieses über-die-Köpfe-hinweg-entscheiden seitens der verantwortlichen Personen an den Schreibtischen von Stadtentwicklung und Stadtplanung hat etwas Empathieloses, Autoritäres.

Erika Haltiner: Wir kommen aus unterschiedlichen Quartieren unserer Stadt, in denen es sich unterschiedlich lebt. Wenn wir uns jedoch an Projekten bei uns stören und uns zu wehren beginnen, heisst es von der Stadt stets, das seien bloss «Partikulärinteressen».

 

Aber es gibt heutzutage doch bei jedem grösseren Projekt Informationsveranstaltungen für die AnwohnerInnen sowie weitere Formen partizipativer Prozesse. Und dass die Stadt nicht über private Grundstücke verfügen kann und deshalb an der Thurgauerstrasse nicht in erster Linie mit den EigenheimbesitzerInnen des Grubenackerquartiers zusammen plante, leuchtet doch ein.

Häberli: Wenn die Stadt von Anfang an davon ausgeht, man könne die Menschen von der Grubenackerstrasse gar nicht alle einbeziehen, dann ist das ein schwaches Argument. Man hat es ja gar nicht erst versucht.

Amgwerd: Bei uns am Friesenberg haben die Stadt und der Vorstand der Familienheim-Genossenschaft FGZ vier Jahre lang ohne echten Einbezug der GenossenschafterInnen geplant. Dann wurden die FGZ-Mitglieder ‹informiert›, wobei die Stadt und die FGZ ihnen keinen reinen Wein eingeschenkt haben: Praktisch niemand hat damals verstanden, wie stark am Friesenberg verdichtet werden soll, dass nämlich neun von elf Gartenstadt-Quartieren zum Abriss freigegeben werden. Erst als unter den BewohnerInnen Flyer mit klaren Informationen die Runde machten, wurde den Leuten das wahre Ausmass der Verdichtung klar – und sie fielen aus allen Wolken. Der demokratische Anstand, wonach man BürgerInnen und GenossenschafterInnen transparent informiert, wurde hier verletzt.

Haltiner: Die Stadt setzt offensichtlich alles daran, 100 000 BewohnerInnen zusätzlich in Zürich unterzubringen, doch es wurde nie öffentlich darüber diskutiert, ob die ansässige Bevölkerung das überhaupt will. Es werden Hochhäuser gebaut, weil man meint, damit könne man verdichten, und dafür werden obendrein geltende Richtlinien ignoriert.

Heinz Oeschger: Gestaltungspläne sind heute ein Mittel, um die Bau- und Zonenordnung auszuhebeln. So waren sie aber ursprünglich nicht gedacht: Sie dienten lediglich dazu, schwierige Grundstücke vernünftig zu überbauen, und nicht dazu, den Immobilienentwicklern zu noch höheren Renditen zu verhelfen.

 

Fassen wir zusammen: Die Stadt macht zwar Informationsveranstaltungen in den Quartieren, trotzdem sind die BewohnerInnen geschockt, sobald konkreter wird, was gebaut werden soll: Hat die Stadt ein Kommunikationsproblem?

Häberli: Nein, sie hat ein Demokratieproblem – und vor allem ein Haltungsproblem. Was in Zürich als «partizipativer Prozess» verkauft wird, verdient diesen Namen nicht. Die Stadt lädt zwar die Bevölkerung ein und tut so, als sei ihr an einem demokratischen Prozess gelegen, doch der Ablauf solcher Veranstaltungen ist immer gleich: Alle dürfen ihre Ideen und Wünsche anbringen, doch dann passiert – nichts. Es ist eine Scheindemokratie: Man lässt die Leute «mitarbeiten» und «mitreden» und macht danach das, was man immer schon vorhatte, ohne auf die Wünsche der Leute einzugehen. Wir von der Grubenackerstrasse mussten erst drei Jahre lang Druck machen, bis es Mitwirkungsveranstaltungen gab. Aus manchen Protokollen wurde alles herausredigiert, was noch ein bisschen Ecken und Kanten hatte. Kurz: Man verkauft die Leute für dumm und lässt nur gelten, was die eigenen Fachleute sagen. Deshalb haben wir uns mit Jürg Sulzer schliesslich eine eigene Fachperson geholt.

Amgwerd: Auch wir haben den Eindruck, dass es eine Strategie unserer Genossenschaft und der Stadt ist, scheindemokratische «Mitwirkungsverfahren» durchzuführen, die den GenossenschafterInnen keine echte Mitsprache geben. So lassen sich die Leute ruhig stellen, und der Vorstand und die Stadt planen und entscheiden, wie es ihnen gefällt. Dazu ist es relevant zu wissen, dass es auch in unserer Genossenschaft zuweilen personelle Überschneidungen zwischen Vorstand und Amtspersonen gibt.

Haltiner: Als wir das Kraftwerk 1 aufzogen, erklärte uns die Stadt, wenn wir dort draussen am Stadtrat wirklich bauen wollten, seien wir «selber schuld». Unterstützung vonseiten der Stadt? Fehlanzeige. Stattdessen verhökerte sie noch ihre letzten Landreserven dort draussen. Und jetzt, wo wir uns gegen die Hardturm-Hochhäuser wehren, wirft man uns vor, wir würden «trötzele».

Kaiser: Es geht nicht nur darum, dass die Stadt mit den Leuten redet, sondern wie sie das tut: Wenn man sich nicht ernst genommen fühlt, bringt das «informiert-werden» nichts.

 

Im Manifest fordern Sie mehr Klimaschutz, weniger Hitzeinseln und mehr Grünraum: Auch darauf achtet die Stadt doch bereits.

Amgwerd: Grünräume müssen konsequent erhalten werden. Wichtig ist auch ein anderer Aspekt: Global verursacht die Zementherstellung mehr CO2 als der gesamte Flugverkehr. Aber in der Stadt Zürich scheint man sich dieser Problematik nicht bewusst und reisst munter ganze Quartiere ab und baut sie wieder neu, meistens mit Beton. Angesichts des Klimawandels können wir uns das als Gesellschaft nicht mehr leisten. Es ist Zeit für «Beton-Shaming». 

Oeschger: Welche Folgen das Bauen am Hang in Bezug auf die Kaltluftströme hat, die eigentlich nachts die Innenstadt abkühlen sollten, ist bekannt. Mit dem bereits gebauten Riegel der FGZ an der Schweighofstrasse sind die Fallwinde vom Üetliberg her abgeschnitten worden, und die Kaltluftströme gelangen nicht mehr in die Ebene hinunter. Im Hochschulquartier sollte ein 60 Meter hoher und 600 Meter langer Riegel entstehen; auch das geht einfach nicht. Am Hang sollte man nicht verdichten, das weiss man sogar im Hochbaudepartement: Eine Ausnützungsziffer von mehr als 1,6 am Hang führt unweigerlich dazu, dass die Fallwinde abgewürgt werden. Und, ganz grundsätzlich: Wir brauchen keine Silos, die statt mit Getreide mit Menschen aufgefüllt werden.

Haltiner: Ökologisch gesehen sind Hochhäuser eine Pest, und zwar sowohl in Bezug auf den Materialverbrauch wie auch die Bauweise und den Energieverbrauch.

 

Sie erwähnen im Manifest noch das Drittelsziel: Als EigenheimbesitzerInnen und GenossenschafterInnen laufen Sie doch gar nicht Gefahr, wegen der Sanierung Ihres Hauses auf die Strasse gestellt und dann mangels zahlbarer Wohnungen aus der Stadt gedrängt zu werden?

Häberli: Unsere Allianz ist offen für alle, die sich für eine lebenswerte Stadtentwicklung einsetzen, egal, ob sie EigenheimbesitzerInnen, Mieterinnen oder GenossenschafterInnen sind und ob sie sich zu Gruppen zusammengefunden haben oder allein unterwegs sind.

Amgwerd: Wenn nutzbare Wohnungen abgerissen und neu gebaut werden, ist das nicht nur ökologisch fragwürdig – es kostet auch eine Menge Geld. Das macht neue Wohnungen teurer als alte, auch bei den Genossenschaften. Wenn die Miete statt 1200 Franken plötzlich 2000 Franken kostet, strapaziert das den Mittelstand. Dieser kann die steigenden Mieten zwar gerade noch verkraften, die schwächsten Haushalte jedoch können sich das nicht mehr leisten: Sie laufen Gefahr, aus der Stadt gedrängt zu werden, obwohl sie GenossenschafterInnen sind. Wenn man vergleichbar günstigen Wohnraum anbieten will, muss man billig bauen. Wenn man billig baut, leiden Qualität, Ökologie und letztlich auch die BauarbeiterInnen durch den Lohndruck nach unten. Dieses Ausquetschen der Arbeiter hat gerade bei Genossenschaften, die sich sehr sozial geben, einen äusserst schlechten Beigeschmack. Auch darum: nutzbare Bauten erhalten.

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