«Es gibt viele Faktoren, die wichtiger sind als Leistung»

Meret Böhni ist Fussballaktivistin und Gründerin des FC Wiedikon Frauen. Letztes Jahr ist sie mit ihrem selbstorganisierten Team in der 3. Liga aufgestiegen. Simon Muster im Gespräch mit der Mittelfeldspielerin über feministische Fussballkultur.

 

Meret Böhni, in einem Interview mit ‹20 Minuten› haben Sie einmal gesagt, es sei Ihnen manchmal peinlich, darüber zu sprechen, dass Sie Fussball spielen. Warum spielen Sie trotzdem?

Meret Böhni: Das habe ich damals darauf bezogen, dass Fussball in meinem Umfeld oft einen primitiven Ruf hat. Ich interessiere mich aber für jenen Teil der Fussballkultur, der viel weniger mediale Aufmerksamkeit erhält.

 

Was genau ist das Bild, das medial vermittelt wird?

Im Allgemeinen wird im Männerfussball die krasse Leistungskultur hervorgehoben, für schwächere Spieler gibt es wenig Verständnis. Auch  die Fankultur wird oft als primitiv dargestellt, was zum Teil auch zutrifft, wie Schlägereien, Sexismus und Rassismus im Kontext von Männerfussball zeigen. Auch wird immer betont, wie wichtig Hierarchien im Fussball sind. Das merken wir als selbstorganisiertes Team oft. Die Leute gehen davon aus, dass wir den Sport nicht richtig verstanden haben, nur weil uns niemand von der Seitenlinie her anleitet.  

 

Wie kann ich mir ein selbstorganisiertes Fussballteam vorstellen?

Alle Aufgaben, die bei der Frauenfussballabteilung des FC Wiedikon anfallen, werden von SpielerInnen übernommen, fast die Hälfte von ihnen hat eine Aufgabe. Eine Person vertritt uns etwa im Vorstand, zwei sind HaupttrainerInnen und zwei SpielerInnen leiten das AnfängerInnentraining. Zwei übernehmen die Sponsoringanfragen, jemand betreut die sozialen Medien. Zudem übernimmt an jedem Match eine andere Person die Rolle und die Aufgaben einer Trainerin. Unsere Entscheidungen treffen wir wann immer möglichst basisdemokratisch. Aber es gibt natürlich auch bei uns Hierarchien, das ist nicht zu leugnen. Ich zum Beispiel habe als Spielertrainerin Macht über gewisse Dinge im Team, die andere nicht haben. Etwa erstelle ich mit einer anderen Spielerin zusammen für jedes Spiel eine Vorstellung für die Aufstellung, die dann von einer anderen Person noch gutgeheissen wird.

 

Stimmt es, dass die SpielerInnen sich selber einwechseln können?

Ja, das stimmt. Wir wollen, wann immer möglich, auch schwächere SpielerInnen integrieren. Da gibt es aber auch Situationen, bei denen wir auf dem Spielfeld realisieren, dass wir bereits überfordert sind und wir nicht eine neue Person integrieren können. Das kann zum Teil auch chaotisch werden. Dafür haben wir in der letzten Teamsitzung jetzt eine gemeinsam Lösung gefunden. 

 

Sie haben vorhin eine Fussballkultur erwähnt, über die wenig berichtet wird. Ist es diese Kultur, die Sie zum Fussball gebracht hat?

Nein, nicht wirklich. Bei uns zu Hause wurden auch Männerfussballturniere geschaut. Meine ersten Berührungen mit dem Sport hatte ich beim Kicken im Quartier mit den Nachbarskindern. Da war es auch lange kein Thema, dass Mädchen mitspielten oder dass die Teams gemischt sind. Danach habe ich einen klassischen Weg für den Frauenfussball durchlaufen. 

Zuerst nahm ich an einem Fussballkurs der Stadt Zürich teil, später, als ich alt genug war, bin ich dann dem FC Blue­stars Zürich beigetreten. Da habe ich bereits realisiert, dass ich als Frau benachteiligt werde. Mein Bruder konnte beim Quartierverein FC Wiedikon spielen und ich nicht, weil dieser damals noch keine Frauenabteilung besass. Mit einer Freundin zusammen habe ich mich dann 2017 mit dem Präsidenten des FC Wiedikon zusammengesetzt und die Frauenabteilung aufgebaut, unter der Bedingung, dass wir die Verantwortung übernehmen. Das ist bis heute meine Erfahrung im Frauenfussball: Es gibt keinen aktiven Widerstand, aber auch keinen aktiven Support.

 

Was macht dann den Fussball so interessant, wenn es nicht das kompetitive Element ist?

Für uns gibt es viele Faktoren, die wichtiger sind als Leistung, etwa die Gemeinschaft im Team, und eine faire und inspirierende Fussballkultur zu schaffen. Fussballerisch ist das Tollste, dass wir SpielerInnen integrieren können, die vor einem halben Jahr erst angefangen haben – und jetzt mit uns in der 3. Liga spielen. Es ist einfach ein tolles Gefühl, wenn wir Dinge auf dem Platz umsetzen können, die wir im Training geübt haben, und zu sehen, wie sich unser Spiel seit Beginn verändert hat. Natürlich weiss ich nicht, wie ich die Frage nach einer Saison beantworten würde, in der wir alle Spiele verloren hätten (lacht).

 

Das tönt nach einer komplett anderen Fussballkultur, als dass sie in Männerfussballteams gelebt wird. Dort gibt es mit der Figur des Trainers eine Person, die alles bestimmt. Wie fallen die Reaktionen bei den Männerteams beim FC Wiedikon auf eure Organisationsform aus?

Nach der letzten Saison, als sowohl das erste Männerteam wie auch wir aufgestiegen sind, haben wir gemeinsam ein Fest organisiert. Seither ist die Unterstützung spürbarer. Aber es gibt auch immer wieder Bedenken uns gegenüber.

 

Was für Bedenken?

Verschiedene. Ein Punkt ist sicher, dass viele von uns Fussball politisch verstehen. Einige haben wohl auch das Gefühl, dass wir den Fussball nicht genug ernst nehmen. Ihnen fehlt bei uns die Leistungsorientierung. 

 

Das ist spannend. Im Männerfussball wird immer wieder der Anspruch geäussert, Fussball und Politik zu trennen. Ihr seht das anders.

Fussball ist aus meiner Sicht eminent politisch, gerade weil ihn so viele Menschen spielen und so viel Geld damit umgesetzt wird. Die Hürden, die wir alle nehmen mussten, um überhaupt Fussball spielen zu können, haben viele in unserem Team politisiert. In meiner Bachelorarbeit habe ich zudem eine weitere politische Dimension im Fussball untersucht: die Verteilung von öffentlichen Fussballplätzen in der Stadt Zürich. Diese sind zwar öffentlich finanziert, werden aber nur einer kleinen Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die Plätze werden nicht nach dem Prinzip der Gleichstellung verteilt. Das ist ein politisches Problem: Viele Steuergelder, die in den Sport fliessen, werden nicht gleichermassen an die Gesellschaft verteilt.

 

Ein Fussballteam als politische Organisationsform?

Ja und nein. Am Anfang haben wir als Fussballteam gemeinsam politische Aktionen veranstaltet. Irgendwann wurde mir bewusst, dass das nicht geht. Bei uns sollen alle beitreten können – unabhängig davon, welche politische Einstellung sie vertreten. Aus dieser Erkenntnis heraus ist auch der feministische Fussballverband entstanden, damit wir ein politisches Gefäss haben, um unsere politischen Forderungen unabhängig vom FC Wiedikon zu platzieren. Trotzdem haben wir natürlich dadurch, dass wir selbstorganisiert sind und an den Frauenstreik gehen, eine Form der politischen Ausrichtung. Doch unsere Entscheidung unterscheidet sich im politischen Charakter nicht von der Entscheidung eines Männerfussball­teams, das nicht an den Frauenstreik gehen will. Ihre Passivität ist genauso politisch wie unser Engagement.

 

Welches sind die aktuellen Themen, an denen ihr beim feministischen Fussballverband arbeitet?

Wir sehen viele Baustellen. Ein erster Schritt war, dass wir in der breiten Öffentlichkeit Themen platzierten, die sonst nicht vorkamen. In den sozialen Medien posten wir Por­träts von SpielerInnen, um den Reichtum und die Vielfalt des Frauenfussballs aufzuzeigen und die Sichtbarkeit zu erhöhen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Vernetzungsarbeit. Diese läuft heute im Frauen- wie im Männerfussball über den Schweizer Fussballverband – und der ist fast ausschliesslich männlich. Es gibt auch Vernetzungstreffen für Frauen im Fussball, aber auch diese sind meistens männerdominiert.

Dabei gibt es FussballaktivistInnen, aber die kämpfen alle an ihrer eigenen Front. Ich sehe das auch bei mir: Wir haben bei uns schon genug eigene Probleme. Es braucht eine viel stärkere Vernetzung, um wirksam zu sein. Wenn ich mich mit anderen AktivistInnen treffe, sehe ich immer, dass wir zwar alle mit denselben Herausforderungen konfrontiert sind, aber nicht wissen, an was die andere Person gerade arbeitet.

 

Ihr habt also im Cluballtag bereits genug Kämpfe, sodass manchmal die Energie fehlt, das grosse Ganze anzugehen?

Genau. Natürlich ist es sehr toll, mit dem feministischen Fussballverband ein Gefäss für die politische Arbeit zu haben, aber die allermeiste Energie stecke ich in den FC Wiedikon. Das ist auch bei den anderen AktivistInnen so. Auch das ist eine eminent politische Erfahrung: Wenn der Kampf gegen die Strukturen einem die Energie rauben, um eine Veränderung anzustossen.

 

Diesen Sommer fand die Männerfussball-Europameisterschaft statt. Dort fanden am Rande der Spiele grosse Diskussionen rund um Rassismus und Homophobie statt. Mein Eindruck ist, dass der Frauenfussball viel souveräner mit diesen Diskussionen umgeht als der Männerfussball.

In unserem Team werden die Diskussionen sicherlich souveräner geführt, aber das hat viel damit zu tun, dass wir uns Bildung zu den Themen angeeignet haben. Frauen sind im Fussball sowieso in einer Minderheitenposition und wenn dann eine weitere Minderheitenposition dazu kommt, kann man bereits an eine Erfahrung anknüpfen. Das hilft sicherlich, sich mit anderen Menschen in Minderheitspositionen zu solidarisieren. Wobei: Unser Team ist zwar sicher diverser als andere, jedoch nicht eine Repräsentation der Gesellschaft. Zum Beispiel haben wir in unserem Team einen hohen Bildungsstandard, wenig POC (People of Color, Anm. d. Red.) und keine Personen mit körperlichen Beeinträchtigungen. Da gibt es viel Bildungsarbeit, die noch geleistet werden muss.

 

In der Schweiz können Frauen seit 1970 Fussball spielen – also ein Jahr früher, als sie abstimmen konnten. Für Sie als Aktivistin, Fanin und Spielerin: Ist der Sport auf einem guten Weg?

Da der Frauenfussball aktuell in die Strukturen des Männerfussballs hineinwächst und das unter Gleichberechtigung verstanden wird, sehe ich die Zukunft nicht allzu rosig an. Jetzt wird der Frauenfussball in den höheren Ligen professionalisiert, das Niveau und die Trainings werden an den Männerfussball angepasst. Das ist längst überfällig und wichtig, aber dadurch könnten auch Machtgefälle übernommen werden. Es wäre eine verpasste Chance, wenn der Frauenfussball einfach die Qualitäten des Männerfussballs übernimmt, anstatt sie zu kombinieren, vielleicht auch in gemischten Teams. Aber beim Fussball ist die Geschlechterbinarität von Beginn weg aufgegleist, und das wird durch die Professionalisierung des Frauenfussballs weiter verstärkt.

 

Zoomen wir zum Schluss aus dem Lokalfussball heraus. Nächstes Jahr im Sommer findet die Frauen­fussball-EM in Grossbritannien statt, im selben Jahr also, indem die umstrittene Männerfussball-WM in Katar stattfindet. Eine Chance für den Frauenfussball?

Ja, ich glaube schon. Wenn ein Frauenfussballteam an einer EM erfolgreich ist, dann geht das meistens über den sportlichen Erfolg hinaus und führt zu Wellen, die im betreffenden Land für mehr Akzeptanz für den Sport führen. Das spüren insbesondere die Jugendabteilungen: Wenn das Schweizer Frauenfussballteam erfolgreich ist, melden sich mehr zum Training an. Zudem erhalten gewisse Themen wie die ungleiche Entlohnung mehr mediale Aufmerksamkeit. Wenn die Schweiz aber bereits in der Vorqualifikation ausscheidet, verschwindet der Frauenfussball wieder aus der Öffentlichkeit. 

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