«Es gäbe keine Schlepper ohne die Festung Europa»

 

Das nach Zürich eingeladene Konzentrat des im letzten September auf der Insel abgehaltene «Lampedusa In Festival» stiess trotz der sportlichen Herausforderung der Fülle der Programmpunkte auf grosse Publikumsresonanz. Das Angebot an Auseinandersetzungen mit einer Vielzahl von Teilaspekten der Migration nach Europa war formal wie inhaltlich erfreulich breit und dementsprechend lehrreich.

 

Ein Kränzchen gewunden gehört der Organisation dieses Zürich-Ablegers des im nächsten September bereits zum siebten Mal stattfindenden «Lampedusa In Festival» bezüglich der Auswahl der Filme, Beiträge, Gäste und der stets gewährleisteten und gut funktionierenden Übersetzung. Schwierigere Punkte waren die Überladung der Podien hinsichtlich der Anzahl Gäste und die kaum die Gespräche aktiv strukturierenden ModeratorInnen, was die Nachgespräche teilweise über Gebühr in die Länge zog, ohne dabei gleichzeitig den inhaltlichen Mehrwert zu steigern. Aber das sind bekannte Begleiterscheinungen bei basisdemokratischen Prozessen. Und dieses Festival ist das Resultat einer Basisbewegung. Einer aktiven Bevölkerung eines Eilandes, das gleichsam Sehnsuchtsort für Sonnenhungrige ist wie auch ein durch und durch überwachtes Gefängnis, in dem die rund 5000 Menschen zählende Bevölkerung zusehends die reibungslose Abwicklung der Flüchtlingsstrom-Problematik stört. Aktive Anreize des italienischen Staates zur Umsiedlung der Bewohnenden aufs Festland sind gemäss Aussagen von Mitgliedern des «Colletivo Askavusa» noch keine ruchbar geworden. Aber als blosse nochmalige Steigerung des bisher bereits angewendeten Grundzynismus der Obrigkeit würde eine solche Spitze an sich nicht schlecht zur aktuellen Entwicklung passen.

Im Film «Lampedusa 3 di ottobre» von Antonio Maggiore über die erste grosse Katastrophe mit über 350 Toten von vor eineinhalb Jahren wird dieser Zynismus der italienischen und damit der gesamteuropäischen Politik manifest. Sind grosse Fernsehstationen vor Ort, reisen Amtsträger sämtlicher politischer Ebenen an, geben in Interviews hoffnungsstiftend zu Protokoll, alles zu unternehmen, dass so etwas «nie wieder» vorkommen dürfe. Genauso wie die Kamerateams wieder verschwinden, enteilen auch die Verantwortlichen und mit der damit gewonnenen physischen Distanz scheint sie auch ihr Erinnerungsvermögen an die grossmundigen Versprechen augenblicklich zu verlassen.

 

Die öffentliche Darstellung

Vieles, das wurde in mehreren Programmpunkten klar, liesse sich durch eine veränderte mediale Begleitung der Migrationsströme über das Mittelmeer verändern. So etwa ist das einseitige Schlepper-Bashing in den Schlagzeilen ebensowenig zielführend wie die Gesamtheit der Problemstellungen korrekt wiedergebend. «Es gäbe keine Schlepper ohne die Festung Europa», machte ein enervierter Podiumsgast seinem Ärger Luft. Solange aber eine stoische Ignoranz gegenüber den tatsächlichen Ursachen für Fluchtgründe vorherrscht und Europa die MigrantInnen einseitig als Sicherheitsrisiko einstuft und sich darum mit allen erdenklichen Mitteln abzuschotten versucht, brauchen die Fliehenden Fluchthelfende. Mamadou Dabo, ein Aktivist der mitorganisierenden Autonomen Schule Zürich, der über sein Projekt der migrantischen Selbstorganisation in der Casamance in Senegal informierte, brachte die Zusammenhänge am deutlichsten auf den Punkt.

Er will eine Fischzucht gründen und damit Arbeitsplätze wie Nahrungsmittel anbieten, die wegen der Verpachtung der Fischereigründe in- und ausserhalb der nationalen Seegrenze an ausländische Grosskonzerne für die Landbevölkerung praktisch weggebrochen sind. Neben den seit Jahrzehnten herrschenden Unruhen in diesem – an sich sehr fruchtbaren – Teil Senegals ist aber nicht nur der Zugang zu den Fischgründen versperrt, sondern werden auch weitere Grundlagen für ein landwirtschaftliches Auskommen systematisch untergraben. Mamadou Dabo nannte als Beispiel die aus Polen importierte Geflügelproduktion, die mit EU-Mitteln subventioniert im fernen Senegal zu Preisen angeboten werden können, die die Gestehungskosten im Land selber um ein Vielfaches unterbieten. Im liegt auch viel an der Feststellung, dass «alle einen Grund zur Flucht haben». Was wiederum in Richtung einer nötigen Veränderung der medialen Rezeption zielt. Den MigrantInnen zu unterstellen, sie würden fern jeglicher baren Not, einfach ins Land, in dem Milch und Honig fliessen, migrieren wollen, ist wiederum Ausdruck des vorherrschenden Zynismus. Und natürlich ein probates Mittel, in der Bevölkerung innerhalb des abgeriegelten Europas diffuse Ängste zu schüren. Was letzlich sogar gut ausgebildete Fachpersonen mitunter zu Äusserungen verleitet, sie sähen ihre Arbeitsstellen durch diese Migration im Kern gefährdet. Welch gefährliche Verdrehung und absichtliche Fehlinterpretation von Ursache und Wirkung.

 

Der Zynismus hat System

In einem der beiden Filme über den Grenzzaun zwischen Marokko und der spanischen Enklave Melilla, «Les messagers» von Hélène Crouzillat und Laetita Tura sowie «The Land between» von David Fedele, förderte eine an Schizophrenie grenzende Verdrehung der Tatschen zutage. Ein namenloser Guardia Civil, also der spanischen Grenzkontrolle, beklagt sich über die Sinnlosigkeit seiner Funktion. Sinngemäss übersetzt monierte er die seiner Funktion fehlenden Rechte, Mittel und Massnahmen zu ergreifen, jene MigrantInnen, die diese drei mehrfach übermannshohen Zäune bereits überwunden hätten, am Betreten spanischen Territoriums zu hindern. Und wenn sie einmal da wären, könne er sie ja gemäss geltendem Recht nicht wieder zurückschicken. Dem gegenüber steht eine grosse Vielzahl von Augenzeugenberichten von Flüchtenden aus der Subsahara, neuerdings aber vor allem aus Syrien (in Marokko!), die davon berichten, dass alle wieder auf die marokkanische Seite der Grenze komplimentiert würden, die weder die Polizeistation noch das Auffanglager erreichten. Von dieser unverkennbar illegalen Handhabe will der Grenzwächter selbstverständlich noch nie etwas mitbekommen haben, geschweige denn sie selber anwenden. Es trüge jedoch annähernd paranoide Züge, man würde sämtlichen migrantischen Gruppen unterstellen, ihre unisono gleichlautenden Beobachtungen fussten auf einer einzigen, grossen Verschwörung.

Immer wieder wurde am Rande der einzelnen Veranstaltungen darauf hingewiesen, dass hier das Mittelmeer zwar im Mittelpunkt des Interesses steht, sich aber beispielsweise im Roten Meer die exakt gleichen Dramen abspielten von Flüchtlingen, die in den Jemen migrierten. Hinsichtlich der Unterscheidung, ob das italienische Projekt «Mare Nostrum» oder das seither geltende Regime von Triton ‹besser› oder ‹schlechter› seien, herrscht Uneinigkeit. Dafür ist offensichtlich mehrfach aktenkundig geworden, dass sich eine Flucht in die Arme der italienischen oder spanischen Obrigkeit sehr viel einfacher gestaltet, als etwa in jene der griechischen. Die dortige Marine soll wiederholt Schiffe mit Flüchtlingen aktiv bis zur Unschiffbarkeit beschädigt haben, was zahllose weitere Todesopfer zur Folge gehabt hätte, wäre nicht die türkische Seite rettend herbeigeeilt.

Das ist ausser empörend nicht mehr erstaunlich, als dass beispielsweise das Fotoprojekt «Bejond Evros Wall» von Alberto Campi an der ewz-Selection vor zwei Jahren auf den harschen Umgang der griechischen Obrigkeit mit den Flüchtenden eindrücklich hinwies.

 

Sicherheit ist sehr relativ

Ein Film über tätliche rassistische Übergriffe in Florenz und Mailand von bereits mehrjährig dort ansässigen Migranten von Dagmawi Yimer, «Va Pensiero – Storie ambulanti», war in letzter Konsquenz regelrecht erschütternd. Zwei Marketender in Florenz wurden 2009 von einem Italiener gezielt erschossen, zwei weitere wurden dank ihrer raschen Reaktion und der folgenden Flucht körperlich schwer verletzt, überlebten indes. Nur: Wenn einer der portraitierten Männer zuerst eine langjährige und lebensgefährliche Odyssee über das Mittelmeer erfolgreich hinter sich bringt, sich in Italien auf vermeintlich sicherem Terrain befindet, sich ohne staatliche Zuschüsse eigenständig finanziert und wegen eines einzigen irregeleiteten Aggressors mit Schusswaffe in Reichweite ein ihn regelrecht paralysierendes Trauma erlebt, verliert man sogar als Zuschauer beinahe jeden Rest von Hoffnung. Da sitzt ein Mann in seiner Kammer in Florenz, hat also eigentlich geschafft, wovon viele andere bloss zu Träumen wagen, und getraut sich nach dem Überleben dieses tätlichen Übergriffs schlicht nicht mehr auf die Strasse, ist das zum in Tränen ausbrechen. Er hat alle Hindernisse überwunden, um zuletzt in einem Gefängnis im eigenen Kopf zu enden, aus dem es augenscheinlich keinen Ausweg gibt. Bitterer geht gar nicht. Immerhin hat der anwesende Gast Mohamaed Ba, der in Mailand auf offener Strasse niedergestochen wurde und eine Stunde lang an der Tramhaltestelle für alle einsehbar blutend am Boden lag, sein vergleichbares Trauma in Aktionismus umlenken können. Heute hält er Vorträge an Schulen, spielt engagiertes Theater und dankt insgeheim seiner starken Persönlichkeit, der er seinen einigermassen konstruktiven Umgang mit dem Trauma überhaupt verdankt.

 

Hoffnungsschimmer existieren

Das ganze Festival war ein einziges Wechselbad der Gefühle. Auf der tendenziell freudigen Seite waren es Originaltöne von Personen in Filmen oder sogar live anwesenden Gästen, deren Durchhaltewillen einen nur Respekt abverlangt. Aber auch eines der Projekte der migrantischen Selbstorganisation, ist ein in den natürlichen Grenzen zuversichtlich stimmendes Beispiel aktiver Veränderung, angestossen durch die Privatinitiative einer einzelnen Person. Der Geistliche Papa Latyr Faye ist in der Schweiz Seelsorger für grosse Gemeinschaft von Eritreern und Somaliern. Seine Handynummer zirkuliert seit nunmehr ungefähr zwölf Jahren ums Mittelmeer herum und Menschen in Seenot rufen ihn um Hilfe an. Mittlerweile ist er für den Friedensnobelpreis nominiert, aber materiell noch wichtiger, ist er Vorreiter und Vorbild für eine paneuropäische Organisation, die seit Oktober letzten Jahres unter dem Namen www.watchthemed.net ein 7/24-Stunden-Nottelefon etabliert und so die nicht überschätzbare Privatinitiative von Latyr Faye auf eine grössere Ebene zu transferieren versucht. Judith Gleitze, die für Borderline Europe in Sizilien stationiert ist, erzählte von den vielen Schwierigkeiten, eine solche Initiative nicht bloss zu starten, sondern vor allem zu etablieren. Neben den üblichen Schwierigkeiten der Mittel- und Personalbeschaffung für ehrenamtliche Tätigkeiten sind es die Marinen der zuständigen Länder, die nachgerade Willkür im Umgang mit Meldung von in Seenot geratenen Schiffen umgehen. Deshalb wird diese Korrespondenz seither immer mit Kopie ans UN-Hochkommissariat für Flüchtlinge verschickt, damit sich niemand in die Lüge, keinen Notruf erhalten zu haben, flüchten kann. Aber auch die psychologische Begleitung etwa der in Europa stationierten Helfenden ist eine nicht zu unterschätzende Herausforderung. Ganz zu schweigen von der Erarbeitung eines Art Handbuches des Umgangs mit den telefonisch eingehenden Meldungen, die die junge Organisation alleine ein ganzes Jahr an Arbeit kostete.

«Lampedusa In Festival», 12. – 15.2., Rote Fabrik, Zürich. www.lampedusainfestival.com

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