- Winterthur
«Es braucht mehr niederschwellige Angebote, um den Einstieg zu erleichtern»
Philippe Weber, was ist Ihr Fazit aus den Wahlen in Winterthur?
Meine Gefühle sind noch ein wenig gemischt. Ich freue mich, dass die SP zwei Sitze dazugewinnen konnte und wir unsere Position als stärkste Kraft wieder ausbauen konnten. Die AL hat ebenfalls einen Sitz gewonnen, die Grünen jedoch zwei verloren. Also immerhin ein Plus von einem Sitz für links. Wir sind noch weit weg von einer linken Mehrheit. Die grosse Verliererin der Wahlen ist die GLP, mit dem Verlust ihres Stadtratssitzes und einem Sitzverlust im Parlament. Natürlich mache ich mir Gedanken, wie es ausgegangen wäre, wenn die Zusammenarbeit mit der GLP wieder zustande gekommen wäre, schliesslich war ich eine der lautesten Stimmen gegen ein solches Bündnis. Ich bin aber überzeugt davon, dass es uns längerfristig hilft, wenn wir klar unsere Roten Linien ziehen. Ich war vor Kurzem in Yverdon. Unter dem Motto «Ligne droite vers l’avenir» traten dort SVP, FDP und GLP als rechtes Bündnis zu den Exekutivwahlen an. Ich werde mich weiterhin weigern, für eine solche Partei den Steigbügelhalter zu spielen. Sollte es bei der GLP zu einem Umdenken kommen, werde ich in meiner möglichen neuen Position immer offen für Gespräche sein.
Sie kommen vom ‹Land› genauer aus dem Weinland. Was war Ihr Umfeld, und wie wurden Sie politisiert?
Ich bin in Rheinau aufgewachsen. Damals hatte das Dorf etwa 800 Einwohner:innen. In der Psychiatrischen Universitätsklinik Rheinau arbeiteten viele Personen mit Migrationsgeschichten, deren Kinder waren meine Gspänli. Es war bei uns völlig normal, dass die Hälfte einer Schulklasse eine Migrationsgeschichte hat. Bis heute ist Rheinau eine linke Insel im stark bürgerlichen Bezirk Andelfingen.
Meine Eltern waren beide in der SP aktiv, ich bin ein typisches Sozenkind. Elmar Ledergerber war unser Samichlaus, Moritz Leuenberger ass nach seinem Bundespräsidentenreisli bei uns zuhause Znacht. Mein 5./6.-Klass-Lehrer war Kantonsratspräsident für die SP. Politik, besonders linke Politik, war für uns ein wichtiger Teil des Familienalltags. Als ich dann mit 14 nach Winti ins Gymi ging, war das eine neue Welt. Grossstadt, Aktivismus. Ich trat der Juso bei und war mit meiner Punkrockband in besetzten Häusern unterwegs. Ich verbrachte die Abende im ‹Widder›, bis um 22:00 der letzte Zug nach Rheinau fuhr. Einen Monat nach meinem 18. Geburtstag bin ich in meine erste WG nach Winti gezogen.
Welche inhaltlichen Schwerpunkte sehen Sie für die nächsten Jahre für die SP Winterthur? In den letzten Jahren war eine starke Fokussierung auf das Thema Wohnen sowie soziale Themen spürbar. ‹Grüne› Themen sind in den Hintergrund getreten, ebenso hat sich die SP im Bereich Kultur und Stadtentwicklung wenig profiliert.
Sich in diesen zwei Themen zu profilieren ist fast nicht möglich, solange das Departement von einem vielleicht etwas amtsmüde gewordenen Stadtpräsidenten besetzt ist, welcher in den nötigen Finanzfragen eine bürgerliche Mehrheit des Parlaments hinter sich hat. Der anstehende Wechsel macht mir Hoffnung. Natürlich hoffe ich auf Kaspar Bopp, aber ein Wechsel wird so oder so helfen. Die Stadtentwicklung ist ein Thema, welches mich persönlich sehr interessiert. Wir müssen dafür sorgen, dass die Stadt eine aktivere Bodenpolitik betreibt und dass wir mehr in den Quartieren präsent sind. Ich wohne in der Lokstadt. Als über den Gestaltungsplan dazu abgestimmt wurde, hatte man die Vision eines Vorzeigeprojekts. Die heutigen Bewohner:innen, vor allem zum Beispiel ältere Personen sind gar nicht zufrieden mit der Entwicklung. Bei solchen Themen müssen wir auch nach politischen Entscheidungen dranbleiben.
Die Grünen Themen sind nach wie vor wichtig, aber seit der erfolgreichen Netto-Null-Abstimmung auf politischer Ebene nicht mehr so prioritär: Die Stadt hat einen klaren Auftrag, welchen sie konsequent verfolgt. Wir sind da auf einem guten Weg, müssen aber insbesondere nach dem Wechsel im Umweltdepartement genau hinschauen. Wir haben den Luxus einer grossen Fraktion. Wir haben das Know-how und die Ressourcen, um bei allen Themen eine treibende Kraft zu sein.
Die SP ist in den letzten Jahren sehr stark gewachsen, aber die Zahl der Teilnehmenden an den Mitgliederversammlungen ist immer noch ähnlich wie vor vier Jahren. Wie wollen Sie neue Mitglieder dazu motivieren, sich stärker in der Partei zu engagieren?
Ich glaube nicht, dass die Anzahl Mitglieder an der MV das richtige Mass ist. Die MV sind von allen Beteiligungsmöglichkeiten wohl im Moment die unattraktivste. Da ist auf jeden Fall noch Luft nach oben, aber ich denke, auch die Ortsparteien und Sektionen müssen eine stärkere Rolle einnehmen und niederschwellige Angebote kreieren, welche den Einstieg ermöglichen oder vereinfachen. Ein Neumitglied muss sich unbedingt willkommen fühlen und es braucht Events, die auch ausserhalb der MV organisiert werden, eventuell spezifischer auf verschiedene Schwerpunkte ausgelegt. Der aktuelle Wahlkampf hat aber gezeigt, wie stark unsere Basis ist. Es gibt viele, die sich engagieren, auch wenn sie nicht an den MV teilnehmen.
Wenn Sie einen Joker hätten: Was würden Sie in Winterthur am liebsten sofort verwirklicht sehen?
Den vom Volk geforderten städtischen Mindestlohn, welchen die Handelskammer und andere bürgerlichen Verbände blockieren.