Erwartungen, Enttäuschungen

 

Eine Zahl überraschte mich nach dem deutschen TV-Duell vom Samstag. 54 Prozent seien laut Forschungsgruppe Wahlen der Meinung, dass Martin Schulz besser abgeschnitten hat als erwartet. Bei Angela Merkel waren es lediglich 11 Prozent. 77 Prozent fanden, Angela Merkel habe sich wie erwartet geschlagen. Die Zahlen von Merkel erstaunen nach zwölf Jahren Kanzlerschaft nicht. Man kennt sie. Und Martin Schulz eben nicht. Oder hat mindestens keine hohe Meinung von ihm. Für mich war es eigentlich eher umgekehrt. Ich fand das Duell war ein klarer Sieg für Angela Merkel.  Schulz schaffte es kaum zu punkten, seine (wenigen) Angriffe verliefen im Sand. Merkel wirkte vernünftig, souverän, besonnen. Schulz wirkte bemüht. Natürlich ist die Kanzlerin ideologisch und rhetorisch bemerkenswert flexibel und natürlich ist es als Koalitionspartner ein wenig schwierig, die eigene Regierung anzugreifen. Ich hätte allerdings mehr erwartet: Schulz gilt ja als guter Rhetoriker, als eloquent, als klug. Nach diesem TV-Duell ist mir der Schulz-Effekt, den ich nie verstanden habe, noch viel unverständlicher.

 

Gleichzeitig ist es interessant, was für einen Effekt Erwartungshaltungen haben und wie schnell sich Narrative verfestigen. Nehmen wir mal die Bundesratswahlen. Die FDP hat drei Kandidaten, die ideologisch relativ ähnlich sind und ungefähr die gleichwertigen Qualifikationen aufweisen. Mittlerweile ist Isabelle Moret medial als schlechte Kandidatin gebrandmarkt und der frühere Aussenseiter Pierre Maudet zum Geheimfavoriten geworden. Was ist unterdessen passiert? Isabelle Moret machte ein paar kommunikative Fehler. Sie sagte in einem Interview, sie sei die Kandidatin mit dem kleinsten Einkommen, was sich als nicht richtig herausstellte. Dann sagte sie, sie sei nicht Mitglied einer parlamentarischen Gruppe, war aber dennoch Mitglied. Ein paar Fraktionsmitglieder attestieren ihr – natürlich anonym – die totale Unfähigkeit. Und schon hat sich die Überzeugung überall gefestigt, Isabelle Moret habe sich total disqualifiziert. Nun hat sich ihr Konkurrent Ignazio Cassis kommunikativ auch nicht immer sonderlich geschickt verhalten. Dass er als Fraktionspräsident dennoch ein Kommissionspräsidium übernahm, zeugt von mangelndem politischem Rollenverständnis, dass er seinen italienischen Pass kurz vor der Wahl zurückgibt, von politischem Opportunismus. Mit seiner Aussage gegen Quotenfrauen verärgerte Cassis, dessen grösster Trumpf seine Tessiner Herkunft ist, die Frauen. Dennoch habe Cassis – so schreibt Daniel Foppa im ‹Tages-Anzeiger› – «keine grösseren Fehler gemacht». Einzig Pierre Maudet kam bis anhin relativ gut weg, was auch daran liegt, dass er zu Beginn ein wenig unter dem Radar der Medien war.

 

Die Frage stellt sich, warum Isabelle Moret bei den meisten schon als völlig untendurch gilt, obwohl ihr Konkurrent Ignazio Cassis auch in einige Fettnäpfchen getreten ist. Vielleicht am Geschlecht: An Frauen werden höhere Ansprüche gestellt. Und wehe, wenn sie diese nicht erfüllen. Aktuell auch zu beobachten bei Hillary Clinton, die mittlerweile bei vielen MeinungsmacherInnen als schlechteste Kandidatin aller Zeiten gilt, die am besten sich selbstgeisselnd und in Sack und Asche in ihr Haus in Chappaqua zurückziehen und für immer schweigen soll. Bei den ebenfalls glücklosen Kandidaten John Kerry und Al Gore wäre niemand je auf die Idee gekommen, dass die beiden sich schämen und verkriechen müssen. Tatsächlich scheint es mir, als ob Isabelle Moret medial am meisten Haue bezieht und kritischer und genauer unter die Lupe genommen wurde. Ihr Privatleben und die Kinderbetreuung waren ein Thema. Und immer wieder wurden anonyme Stimmen laut, die ihr grundsätzlich die Kompetenz absprechen, sogar als «blondes Bäbi aus der Romandie» wurde sie bezeichnet. Böse Stimmen gibt es immer bei allen, bei Cassis und bei Maudet wurden sie nie prominent erwähnt. Einige Moret-Kritiker sagten mir aber, dass sie vor allem störe, dass Moret bei all ihren Aussagen wieder zurückrudere. Das sei nicht souverän. Cassis sage zwar was Blödes, bleibe dann aber bei seiner Meinung. Ob das nun wirklich besser ist, wenn man stur auf dem Holzweg bleibt, statt umzukehren, wage ich mal zu bezweifeln. Moret soll jetzt, so hiess es in Medienberichten, einen sehr guten Auftritt beim Hearing in der Fraktion hingelegt haben. Vielleicht war das so, vielleicht hat sie vor allem die gesunkenen Erwartungen übertroffen.

 

So oder so: An der Ausgangslage hat sich, trotz kommunikativen Ungeschicklichkeiten, nicht viel geändert. Auch amtierende BundesrätInnen waren vor oder nach der Wahl kommunikativ nicht immer auf der Höhe. Man kann in einem Amt durchaus auch wachsen und man ist dann wenigstens professionell beraten. Alle wären im Prinzip fähig, das Amt auszuüben. Alle drei sind politisch typische Vertreter ihrer Partei. Trotzdem weichen alle drei in einzelnen Fragen von der Linie ab: Cassis setzt sich für eine Drogenlegalisierung ein, Moret ist für die staatliche Förderung von ausserschulischer Kinderbetreuung und Maudet hat als Regierungsrat in Genf mit der Operation Papyrus die Regularisierung von Sans-Papiers unter gewissen Bedingungen ermöglicht. Sie sind also typische FDP-Vertreter, aber keine Parteisoldaten.

 

Das macht das Rennen meines Erachtens sowohl offen wie auch entspannt.  Die SP hat denn auch noch keine Entscheidung getroffen, ausser alle drei zu einem Hearing einzuladen. Keiner der drei wäre eine Katastrophe im Amt. Keiner der drei wäre aber für links auch wirklich ein Hoffnungsträger oder eine Hoffnungsträgerin. Müssen sie auch nicht sein. Wie sich Leute in einem Amt entwickeln, zeigt sich halt auch erst nachher und nicht vorher. Und ob die Bundesratsabstimmungen auch immer so verlaufen, wie sie medial kolportiert werden, wage ich auch zu bezweifeln.

 

Vom heutigen Stand der Dinge würde ich trotz allem Isabelle Moret wählen. Einfach aus dem Grund, dass wir die Unterrepräsentation von Frauen an den Schalthebeln der Macht nie beenden können, wenn wir nicht die Frauen wählen, die auch zur Wahl stehen. Es gibt immer bessere. Die stehen aber nicht zur Wahl. Ich schliesse aber nicht aus, dass der eine oder andere im Hearing meine Erwartungen übertrifft und damit meine Meinung ändert. Vielleicht sogar noch Martin Schulz.

 

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