Erst die Arbeit, dann die Partei

Kommende Woche geht das politische Leben in der Stadt Zürich wieder los: Endlich wird bekannt, welche Departemente die Stadtratsneulinge übernehmen, und im P.S. blicken wir im Gespräch mit Claudia Nielsen auf ihre Zeit im Gesundheits- und Umweltdepartement zurück. Doch auch Andres Türler (FDP) und Gerold Lauber (CVP) beenden ihre Karriere im Stadtrat und wurden in der Gemeinderatssitzung vom 18. April vom Ratspräsidenten Peter Küng (SP) gebührend verabschiedet.

 

 

Andres Türler war 16 Jahre lang Stadtrat; bei den Wahlen 2014 holte er am meisten Stimmen. Es sei nicht Türlers Art gewesen, «das gross in den Vordergrund zu stellen», sagte Peter Küng in seiner Rede im Rat, «aber es wäre auch nicht seine Art gewesen, auf einen Spruch zu verzichten». Laut Peter Küng pflegte Türler die Menschen schon mal in zwei Kategorien einzuteilen – die Humorvollen und die Humorbefreiten. Und an einem Anlass soll er beim Apéro gefragt haben: «Gibt es Tischkärtchen, oder kann man neben die Lustigen sitzen?» Ernsthaft: «Fleiss und Dossierkenntnisse, Hartnäckigkeit, Leidenschaft für die Sache und Humor schliessen sich glücklicherweise nicht aus», sagte Küng. Andres Türler habe sich für viele für Zürich wichtige Themen eingesetzt und auch viel bewirken können: Tram Zürich-West, Tram über die Hardbrücke, Ökologisierung des EWZ, um nur ein paar zu nennen. Küng erwähnte aber auch «Türlers Einsatz für die 2000-Watt-Gesellschaft in der wichtigen Anfangsphase, zuerst mit Bobby Neukomm und später mit Claudia Nielsen».

 

Im Stadtrat war Türler, parteipolitisch gesehen, 16 Jahre lang in der Minderheit – was aber weder für ihn noch für die Mehrheit ein gröberes Problem gewesen zu sein scheint: «Ihm ist das Kollegialitätsprinzip wichtig, und er hat es auch im Gemeinderat unmissverständlich vertreten», fasste Küng zusammen. Natürlich gelang Andres Türler trotzdem nicht alles nach Wunsch: «Die neuen Trams hätte er gern früher auf den Schienen gehabt, und dass er fürs EWZ andere Vorstellungen hatte als der Gemeinderat, ist ebenfalls kein Geheimnis.» Dass Türler in seinem Departement rasch und gut Fuss fasste, liege daran, dass er gut zuhören könne. Er sei ein guter Krisenmanager, der in schwierigen Situationen Ruhe bewahre. «Dass er sich, wenn Ruhe gerade nicht so nötig ist, auch gut aufregen kann, haben wir im Ratssaal auch schon erfahren», fügte Küng an: «Meistens sublimiert er seinen gerechten Zorn dann in träfe Sprüche.» Was Andres Türler nach seinem Abschied aus dem Stadtrat als nächstes anpackt, war in der NZZ vom 3. Mai zu lesen: Er wird eine Weiterbildung in Mediation belegen.

 

Gerold Lauber, den damals laut Stimmen aus seinem Schul- und Sportdepartement «niemand als Person gekannt» habe, wurde vor zwölf Jahren an seinem «ersten Schultag», wie der ‹Tagi› titelte, mit einer Limousine in Schwamendingen abgeholt und ins damalige Amtshaus am Parkring gefahren, erzählte Peter Küng: «Dort warteten seine neuen MitarbeiterInnen und standen Spalier.» Sowohl die Staatskarosse als auch die Spalier stehenden MitarbeiterInnen seien ihm «offensichtlich unangenehm» gewesen, «denn all das stand in krassem Gegensatz zur ihm eigenen Bescheidenheit». Später sei er dann aufgetaut, und sein Schalk und Humor seien zum Vorschein gekommen. Bescheidenheit und Schalk sind tatsächlich typische Eigenschaften Laubers, «genauso wie fundierte Sachkenntnis und betont unideologische Argumentation». Sowohl das Amt als Schulvorsteher wie auch jenes als Sportminister seien für Lauber «eine Herzensangelegenheit» gewesen, sagte Küng. Und nicht zuletzt geht Lauber als ausgesprochen guter und witziger Redner in die Geschichte des Zürcher Stadtrats ein.

 

Als Sportminister bleibt sein erfolgreicher Einsatz für die Leichtathletik-EM 2014 ebenso in Erinnerung wie die Gesamterneuerung der Sportanlage Heuried samt Eisbahn und Badi. Als Schulvorsteher steche die erfolgreiche Umsetzung des neuen Volksschulgesetzes hervor, sagte Peter Küng: «Das tönt vielleicht wie ein Selbstläufer, es handelt sich aber um die umfangreichste und komplexeste Reform in der 175-jährigen Geschichte der Stadtzürcher Volksschulen.» Unter Geri Lauber wurden aber auch Tagesstrukturen und Betreuungsangebote stark aus- und die Wartelisten auf Null abgebaut.

 

Dass nicht jede Reorganisation so geklappt hat, wie er es sich wünschte, ist auch klar; das gilt beispielsweise für die Behördenorganisation – wobei Küng anfügte, aus seiner Sicht sei die Reorganisation der Schule wichtiger als jene der Behörden. Am 10. Juni wird über die «Tagesschule 2025» abgestimmt. Mit Geri Lauber verliere der Stadtrat «ein Exekutivmitglied, das sich nicht in die Blöcke rechts oder links hat einspannen lassen», schloss Küng.

 

In diesen Reden im Gemeinderat hat Peter Küng die beiden abtretenden Stadträte treffend charakterisiert: Auch an Medienkonferenzen konnten sie genausogut ihren Humor und Schalk aufblitzen wie keinen Zweifel daran lassen, was Sache ist. Beide haben uns JournalistInnen nicht als «notwendiges Übel» behandelt, sondern sich die Gesichter und Namen gemerkt und auch mal einen Spruch gemacht. Da die Schule nicht unbedingt zu meinen Hauptthemen als Journalistin gehört, war ich längst nicht an jeder Medienkonferenz von Gerold Lauber – aber er hat mich stets mit Namen begrüsst. Und Andres Türler sprach mich einst auf meine «Wintertauglichkeit» an, als ich zu einer seiner Medienkonferenzen an einem kalten Wintermorgen mit recht viel Neuschnee wie üblich mit dem Velo fuhr.

 

Was mir bei der Verabschiedung der beiden Stadträte grundsätzlich wieder mal auffiel, sind die unterschiedlichen Welten, in denen Stadt- und GemeinderätInnen offensichtlich leben: Letztere müssen – so zumindest tönt es bisweilen in den Ohren der Aussenstehenden – anscheinend möglichst ihr ganzes Parteiprogramm in möglichst jede Vorlage reinquetschen und die Mitglieder anderer Parteien, und seis nur für die Galerie, verbal in die Pfanne hauen. Die Mitglieder des Stadtrats hingegen haben konkrete Projekte am Laufen, sie führen ihre MitarbeiterInnen und lösen praktische Probleme, kurz, sie haben Bodenhaftung. Das bringt es auch mit sich, dass die Parteizugehörigkeit eine umso kleinere Rolle zu spielen scheint, je länger jemand im Geschäft ist: Es geht nicht darum, um jeden Preis die gescheitere Idee zu haben, sondern schlicht darum, die anfallende Arbeit möglichst gut und innert nützlicher Frist zu erledigen. Wobei: Dass ich trotzdem schon richtig gespannt darauf bin, an welche Partei nächste Woche das Tiefbau- und Entsorgungsdepartement geht, versteht sich von selbst…

 

Nicole Soland

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