Erfrischend komischer Ernst

Die Schauspielerin und Regisseurin Viveta Lainioti wagte den Schritt in die Selbstständigkeit. Sie gründete mit «Epi Skinis» eine griechischsprachige Theaterschule in Zürich. «Speed Date» ist ihr rundum geglückter Erstling.

 

Zwölf Personen voller Erwartung darauf, den/die/das perfekte Gegenüber in einem Gesprächsrundlauf von wenigen Minuten finden zu können, ist ja als Anlage bereits urkomisch. Respektive dermassen angehäuft mit Fallhöhen, dass daraus eine prima Komödie geschrieben werden kann. Die Figuren, die sich der Autor Giorgios Iliopoulos für diesen Showdown ausgedacht hat, sind herzallerliebst verschroben alltäglich. Es ist die Grenzwertigkeit zwischen Übertreibung und Glaubwürdigkeit, von der das komische Fach zehrt. Tina (Eleni Rodopoulou) ist hauptsächlich gelangweilt, insbesondere von Menschen, die sie dazu bringen, sich zu langweilen. Petros (Vasilis Toris) gibt immer allen recht, stimmt immer allem zu und findet überall Gemeinsamkeiten. Lykourgos (Ioannis Papagiannakis) stellt sich, bereits etwas angejahrt, sein gesamtes Leben als ein sehr viel schöneres vor, wären die vampirischen Fähigkeiten nur weiter verbreitet. Ihm gegenüber hofft Alexandros (Angelos Tsitsas) schon/noch fast gar nichts mehr. Er hält sich für einen ausserirdischen Befreier und Weltenversöhner, der nur unverstanden ist. Auch Niki (Nansy Petsou) fühlt sich unverstanden und drückt allen ungefragt ihr Nichtlesbischsein mit grosser Vehemenz aus. Was nicht sein darf, ist auch nicht. Maira (Elina Rouseti) ist eine turboliberale Ellbogenkarrieristin, die sich nur in einem Bereich noch nicht durchsetzen konnte – dem mit der Fortpflanzung. Charitos (Christos Argyris) lehnt jegliche reale weibliche körperliche Proportion als zu unförmig, dick, abstossend ab, während ihm gegenüber Fani (Stella Vogiatzi) an den körperlichen Wunden einer überlebten Krebserkrankung leidet, ihr Selbstwertgefühl ist hin. Elli (Christina Georgiou) wiederum ist eine männerverschlingende Furie, die aber auf Liebesbekundungen mit Quällust reagiert, während der Supermacho Dimitris (Alexandros Fistouris) seine emotionale Leere mit Sexsucht zu füllen sucht. Diese Leere empfindet Kostas (Kostis Ve­rigos) gegenüber seiner Exfrau. Ohne sie kann er nicht funktionieren und seine Körperfülle tut auf dem Fleischmarkt das ihrige für sein Nichtfortkommen. Die etwas ältere Myrto (Sylvia Senn-Psycha) besteht fast nur noch aus Hoffnung, auf erlösende Weisheit, wie sie ihr Buddha vermittelt. Das Stück ist griechisch gesprochen mit deutschen und englischen Übertiteln, wobei die Räumlichkeiten des Comedyhauses dazu wirklich geeignet sind, weil sich das Auge nicht entschliessen muss, entweder zu lesen oder dem Schauspiel zuzusehen. Eine ominöse Kontrollstimme aus dem Off, realistischerweise wäre das ein Algorithmus, setzt (fehlerhaft, natürlich) Paarungen zur Direktkonfrontation zusammen. In Zwischenspielen stellen sich alle einzelnen Figuren genauer vor. Immer entlang einer vorgegebenen Prämisse, die ihre Aussagen vorab in eine Richtung lenkt. Jetzt, wo sie doch endlich einmal nur sich selber sein sollten.

 

Das Resultat ist rasant und letztlich veritabel hübsch tiefschürfend. Denn das Ich-Ich-Ich der Anlage Speed-Dating ist ja genau das, worunter alle Figuren tatsächlich leiden und was sie überhaupt dazu bewegt, eine Person für eine Partnerschaft zu suchen. Die Selbstdarstellung und Perfektion, die eh niemand erreichen kann, hängt insgeheim allen zum Halse raus – nur zugeben würde das nie jemand als erste oder erster. Natürlich sind die Figuren Abziehbilder im Sinn von latent grenzwertiger Übertreibung. Aber sie sind eben auch Abbilder von sich glaubwürdig in allzumenschlichen Knörzen suhlenden, sehr sensiblen Wesen, die am allerbesten darin sind, sich selber in die Tasche zu lügen. Sie wachsen einem irgendwie alle ans Herz.

 

«Speed Date», bis 27.3., Comedyhaus, Zürich.

 

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