«Entweder ich male oder ich bin unglücklich»

Nach den Ausstellungen im Kunstmuseum Winterthur mit Werken von Gerhard Richter in jüngerer Vergangenheit – «Streifen auf Glas» und «100 Selbstbildnisse» – widmet jetzt auch das Kunsthaus Zürich dem berühmtesten lebenden deutschen Maler eine grosse Einzelausstellung mit dem Fokus auf die Landschaft.

 

Wer sich der empfohlenen Richtung des Ausstellungsparcours widersetzt, trifft zuerst auf den Film «Meine Bilder sind klüger als ich» von Victoria von Fleming aus dem Jahr 1992. Eine Art kommentierte Biografie, worin der 1932 in Dresden geborene Maler auch die sich hartnäckig haltenden, überlieferten Bonmots wie «manche Amateurfotos sind besser als der beste Cézanne» relativiert und so von einem Absolutheitsanspruch befreit. Einprägsam ist seine Reaktion auf die wiederkehrende Frage «Was haben Sie sich dabei gedacht?» Er vergleicht sich mit Albert Einstein, der, wenn er an Gleichungen arbeitet, sich auch «nichts dabei denkt, sondern rechnet». Was als Einordnung für die Ausstellungsbetrachtung hilft, wird für einmal bei der Kataloglektüre annähernd zum Widerspruch, dominieren hier doch die kunstakademischen Interpretationen, die jetzt für den gemeinen Kunstgenuss nicht zwingend mitgedacht werden müssen.

Über sein handwerkliches Können besteht keinerlei Zweifel, das hat er bereits als Propagandamaler stalinistischer Ausprägung in seiner ersten Lehrzeit in der DDR unter Beweis gestellt. Das daraus erwachsene als hoch eingeschätzte, eigene Selbstwertgefühl ist schon Anfang der 1960er-Jahre ausgeprägt, als er im Folgestudium in Düsseldorf gemeinsam mit Kommilitonen wie Sigmar Polke und Konrad Lueg (Fischer) beschliesst, der alles dominierenden US-amerikanischen Pop-Art von Andy Warhol und Roy Lichtenstein etwas entgegenhalten zu müssen. Natürlich die eigene Kunst. 

 

Totale Freiheit

Das Stardasein inklusive des dazugehörenden unter Beobachtung Stehens, begleitet Gerhard Richter schon seit Jahrzehnten. Kein Wunder, hält er sich selber mit Fragen rund um diesen Status längst nicht mehr auf, sondern tut einfach, was ihn reizt. Bis zu seiner Erklärung im vergangenen Herbst, er würde nicht mehr weiter malen, mit einem fulminanten Ausstoss von 50 Bildern pro Jahr. Seine Situation war in etwa für Jahrzehnte vergleichbar mit jener, um lokal zu bleiben, von Viktor Giacobbo, dem die Publikumsherzen auf der Bühne des Casinotheaters zufliegen, ohne dass er dafür auch nur ein Wort zu sagen oder einen Finger zu rühren braucht. Wenn es im positiv konnotierten Sinn egal ist, was er tut – weil eh alles davon gefeiert wird –, bleiben die Möglichkeiten, das eigene Tun entweder als ausgereizt also sinnlos wahrzunehmen oder dann im Gegenteil, diesen Support als totale Freiheit zu deuten, die jede Wahl, jedes Experiment möglich macht. Ob sich die Kritik oder die Wissenschaft über den in der Folge frei wechselnden Launen und/oder Stilbrüchen die Zähne ausbeisst, ist nicht sein Pro­blem. Er macht einfach weiter, weil: «Entweder ich male oder ich bin unglücklich.»

Die Landschaft, die als Thema jetzt über der von Hubertus Butin und Cathérine Hug kuratierten Ausstellung steht, wird für den Hausgebrauch etwas forciert wirkend von Gerhard Richters Restwerk zu separieren versucht. «Seestück (Grau)» (1969), «Stadtbild PX» (1968) oder «St. Gallen» (1989) sind im Mindesten so abstrakt, dass zuletzt auch ein Punkt auf einer Leinwand als Landschaft angesehen werden könnte. Der gewählte Fokus ist eindeutig als Alleinstellungsmerkmal zu sehen, das die Häuser der Koproduktion – Kunsthaus Zürich und Kunstforum Wien – im internationalen Museumswettbewerb als gewichtige Grössen behauptet. Denn Gerhard Richter wollen alle ausstellen, bis hin zum MoMa.

Was in den 80 ausgesuchten Gemälden und nochmals 60 präsentierten Karten, bemalten Fotografien und Zeichnungen hingegen sehr schön herauslesbar wird, ist, dass Richters Drang zu Malen – ob mit dem Zufall im Gepäck oder ohne – auch in den Resultaten komplett frei von einer Mode oder der Wiederholung des ewiggleichen Erfolgsrezepts ist. Schönheit malt er, weil sie schön ist. Experimente führt er durch, weil ihn das Resultat selber Wunder nimmt. Dass sich SammlerInnen mit ihren Geboten bis in Sphären galaktischer Beträge gegenseitig hochschaukeln, muss ihn genauso als hinzunehmende Begleiterscheinung wie all die Umstände des erklärten Startums letztlich weder sonderlich interessieren noch in der künstlerischen Vielfalt für das eigene Fortkommen beeinflussen, will er darüber nicht verrückt werden. Eine vom Rummel befreite Gleichmütigkeit führt auch beim Betrachten seiner Werke zum individuell zufriedenstellendsten Ergebnis.

 

«Gerhard Richter. Landschaft», bis 25.7., Kunsthaus Zürich. Katalog bei Hatje Cantz, 48 Franken.

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