Empörung

 

Wisst ihr noch? Peperoni? Also ich meine, wisst ihr noch, als der Chef de Service aus der Serie ‹Motel› den Kochlehrling Peperoni küsste? Oder könnt ihr euch noch an die halbe nackte Brust von Silvia Jost mit dem ebenfalls halbnackten Jörg Schneider im Bett erinnern? Der ‹Blick› und das Volk schrien Skandal ob diesen Tabubrüchen. Die Empörung kochte in unerwartete Höhen, der Kameramann wurde während dem Dreh aus vorbeifahrenden Autos mit Gegenständen beworfen und die Schauspieler mussten sich rechtfertigen. Das war vor über 30 Jahren.

Aber daran musste ich zuerst nicht denken, als ich kürzlich im Gasthaus Kreuz in Egerkingen bei einem Kafi Crème sass.  Ich bereitete dort mit einer Arbeitskollegin eine Besprechung vor, die wir gleich bei einem Kunden haben würden, und weil wir früher fertig waren, machten wir dann noch eine Runde durch Egerkingen. Und erst als sie mir das Motel zeigte, das es heute noch gibt (und das von der Publicity in den 80er-Jahren offensichtlich nicht nachhaltig hat profitieren können), fiel mir endlich ein, dass das ja eben dieses Egerkingen war. Dieses traurige Autobahnkreuz Zürich-Bern-Basel, das 1984 durch die Serie «Motel» eine kleine Bekanntheit erlangte.

Seither werde ich Egerkingen leider nicht mehr los. Denn der Egerkinger Gemeinderat  hat entschieden, dass auf dem Schulareal künftig keine andere Sprache mehr gesprochen werden darf als Mundart oder Hochdeutsch, weil sich Schweizer Kinder sonst ausgegrenzt fühlen, wenn ihre Mitschülerinnen und Mitschüler in ihrer Muttersprache miteinander reden.  Die freisinnige Gemeindepräsidentin will damit Verständnis zeigen und ein Zeichen setzen für die Schweizer Kinder, denn es könne ja nicht sein, dass diese ausgegrenzt werden  (und hält gleichzeitig fest, dass die Problemkinder nicht nur die mit Migrationshintergrund seien).

Das ist keine bizarre Anekdote aus Solothurn, es ist ein weiterer – und diesmal wirklicher – Tabubruch in Egerkingen. Und ich wünschte mir, wir würden wie damals ebenso Zeter und Mordio schreien. Denn wenn es auch gut ist, dass es heute kein Skandal mehr ist, wenn sich zwei Männer küssen, so wäre es gar nicht gut, wenn ein solches Deutschverbot in 30 Jahren zur Normalität geworden ist.

Es geht in Egerkingen um nichts weniger als um ein Verbot, seine Sprache frei zu wählen. Das ist ein gravierender Eingriff in die Sprachenfreiheit, ein von unserer Verfassung geschütztes Grundrecht. Einschränkungen, so der Rechtsprofessor Markus Schefer in der NZZ, sind im Umgang mit Behörden oder auch in der Schule möglich. Allerdings nur dann, wenn schwerwiegende Probleme vorliegen und beispielsweise ein ordentlicher Schulbetrieb ohne das Verbot nicht aufrechterhalten werden kann. Das ist aber nicht der Fall und das weiss natürlich auch der Egerkinger Gemeinderat. Aber er wollte halt ein Zeichen setzen. Dabei hat er sich nicht nur in die Kompetenz der Schule eingemischt, die Vielsprachigkeit unseres Landes ignoriert und auch die Tatsache, dass Sprachverbote noch an keinem einzigen Ort und zu keiner einzigen Zeit auf dieser Welt jemals irgendwie gut gekommen wären – er hat vor allem ein Grundrecht ausser Kraft gesetzt.

Jetzt gibt es keinen ‹Blick›, der Skandal schreit und kein Volk, das sich wochenlang empört. In einem Umfeld, in dem man sanktionslos das Aufkünden von Völkerrecht und Menschenrechten fordern kann, ist so ein kommunaler Angriff auf ein Grundrecht keinen Aufschrei wert. In einem Umfeld, in dem Menschen zweiter Klasse geschaffen werden sollen, in dem der Grundsatz, dass vor dem Gesetz jeder Mensch gleich sei, verhandelbar ist, ist so ein Sprachverbot eine Nebensächlichkeit.

Ich habe vor einigen Jahren einmal behauptet, das mit der Empörung sei eine linke Marotte, die man überwinden sollte. Ich widerrufe mich. Empören wir uns. Wenn es sonst keiner tut, dann müssen wir.

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