Empathie abschaffen?

Der Winter geht weiter. Hier und offenbar in Belgrad. «Scheiss-Belgrad, verdammt nochmal!», fluchte neulich eine Frau neben mir im Zug. Sie war offenbar mit einem Hilfswerk vor Ort gewesen, um dort gestrandete Flüchtlinge mit dem Allernötigsten zu versorgen. «Eine Farce!», klagte sie ihrem Gegenüber. Die Menschen fänden in der bitteren Winterkälte kein Dach überm Kopf, da Lager geschlossen worden seien. Nun versteckten sie sich überall in der Stadt, es stehe ganz schlimm um sie. Und man dürfe nicht helfen! Denn ein neues Gesetz setze Flüchtlingshilfe mit Schlepperei oder Menschenhandel gleich. Sie hätten Lastwagen voll Schlafsäcken nicht verteilen können, denn man könne nicht Einzelne klandestin begünstigen. Das würde sofort von anderen bemerkt, und dann würden die sich die Köpfe einschlagen. Also ginge es nur in öffentlichen Ausgabe-Aktionen – aber dann flöge man auf! Mich fror.

 

Paul Bloom, Professor für Psychologie in Yale, wäre bei diesem Bericht wohl aus Prinzip nicht erschaudert. Im NZZ-Folio dieses Monats predigt er gegen die Empathie und für mehr Ratio, und auch Freundlichkeit, aber nicht Mitgefühl –Hilfe schon, aber nicht an Einzelne, sondern viele, denn es geht um die Moral und eine bessere Welt; darum am besten rational und eher mit Geld. Jedenfalls mache Mitgefühl die Welt nicht besser, sie sei ein «schlechter moralischer Ratgeber», wirke nur punktuell in unserer nächsten Umgebung, «rechnet nicht», stelle «den Einzelfall über die vielen», weil «Gefühle auf Menschen reagieren, nicht auf Zahlen. In der wirklichen Welt führt dies leicht zu der perversen Situation, dass uns das Leid eines Einzelnen mehr berührt als das Leid von tausend», was «keine rationale Einschätzung der Menge an Leid» bewirke. Hilfe handelt Bloom vor allem als Spenden ab, hier geisselt er eigennützige «Dauerglüher», die zum perpetuierten Lustgewinn tröpfchenweise gäben, so wie man Pralinen nasche. (Stellenweise klingt das einfach wie eine schludrige Übersetzung – aber hätte man das nicht bemerkt?)

 

Frappant ist die pseudohistorische und -politische Argumentation. Kontraproduktive Entwicklungshilfe soll aus «warmherziger Einmischung wohlhabender Westler» ent-standen sein. Dass Hitler mit Propaganda über Kriegsgreuel Deutschland gegen Polen aufhetzte, soll ein Bespielen von Mitgefühl gewesen sein. Heute soll es rationaler sein, angesichts Tausender elend sterbender Flüchtlinge zuerst einmal «empirische Fragen» zu klären, etwa «über die Anzahl von Migranten, die die wohlhabenden Länder aufnehmen können», oder wie viele von ihnen straffällig werden oder wie sie den Arbeitsmarkt verändern… Ich frage mich: Wozu taugt eine Ethik, die die Menschlichkeit nicht absolut setzt, sondern je nach Wirtschaftslage relativiert?

 

Vielleicht hat Professor Bloom als spätgeborener Amerikaner keinen Bezug zu den Gräueln des Zweiten Weltkriegs und kann sich darum nicht vorstellen, was seine Worte hierzulande evozieren. Die Welt wäre – z.B. während der Nazizeit – ohne Empathie sicher kein besserer Ort gewesen. Kein Mensch hätte sich vom Schicksal eines einzelnen Juden berühren lassen und ihn oder sie todesmutig versteckt, wenn er zuerst den Nutzen evaluiert hätte.

 

Die Redaktion des NZZ-Folio stört sich daran offenbar nicht. Die «unwillkommene Botschaft» wird kokett zelebriert; die Kombination mit der Fotoreportage über im Elend schlafende Flüchtlingskinder wirkt nachgerade zynisch. Ich finde das unverzeihlich – ganz besonders in diesem Winter der Zäune und Mauern, in Belgrad und überall.

 

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