Einkaufsneurosen

«Alles so schön bunt hier, ich kann mich gar nicht entscheiden!», klagte freudig einst Nina Hagen als Kommentar zum Farbfernsehen. Diese Gemütslage befällt mich öfters beim Einkaufen. Je älter ich werde, desto häufiger empfinde ich auch die Steigerung davon: «Mist, hab schon alles, kann gar nichts mehr kaufen!» Um meine Schuldigkeit an der Überflussgesellschaft wenigstens etwas zu mildern, greife ich wenn möglich auf Gebrauchtware zurück. Neu kaufe ich eigentlich nur Gartenerde, Unterwäsche, Schminke und Essen. Im Graubereich des Selbstbetrugs bewegt sich wohl meine Vorstellung, dass herabgesetzte Neuware nur halb so schlimm sei, weil sie wenigstens keinen Profit abwerfe. Denn gleichzeitig verurteile ich Brockis, die statt gebrauchten Kleidern unverkaufte Ramschware feilbieten …

Wie dem auch sei: Vom Pheromon des Ausverkaufs angelockt landete ich neulich wieder in der Venusfliegenfalle eines Kaufhauses. Aus einer Wühlkiste zu vier Franken barg ich einen Schminkstift. Nur sollte er an der Kasse dann doch vierzehn kosten – ein Wahnsinnsrabatt! Obendrein behauptete die Kassierin, die Kundinnen (also z.B. ich?) täten eben die Dinge extra umsortieren, um einen grösseren Preisnachlass zu schinden. Ausgeschlossen, dass Verkäuferinnen beim Auffüllen Fehler machen, weil sie im Stress evtl. selber übersehen, dass das rund um den Stift herum geklebte Etikett die Zahl 14 und nicht 4 zeigt. Nachdem ich mit der Kassierin ein wenig  herumgestritten hatte, verliess ich den Laden mit dem guten Gefühl, vier Franken gespart zu haben.

Definitiv geheilt wurde ich erst kürzlich auch vom Quartierladen-Unterstützungs-syndrom. Da kauft man treuherzig jahrelang angetütschtes Unbio-Gemüse aus Spanien und überteuerte Milchprodukte vom Schweizer Pfui-Konzern, nur damit die internationale Ladenkette ihren Foodwaste reduzieren kann – und dann das! Zwei Verkäuferinnen zusammen waren nicht in der Lage, auf zwölf Joghurts im Aktionsangebot auch noch den ausgelobten Rabatt von 25 Prozent zu berechnen. Nein: Ein Viertel von 95 Rappen sind nicht bloss zehn Rappen. Es gibt zusammen auch nicht neun Franken. Man könnte einen Taschenrechner nehmen, dann käme man auf Fr. 8.55. Oder nur neune von zwölfen tippen. Während die eine Kassierin beteuerte, das gehe alles nicht, weil sie sonst persönlich draufzahlen müsse, schleuste die andere an mir vorbei mehrere Kund:innen durch. Entnervt anerbot ich mich, die arme Ladenkette mit 45 Rappen zu subventionieren. Mein Sarkasmus weckte offenbar den Berufsstolz, und man berechnete nochmals neu. Macht Fr. 6.75! Jeder normale Mensch hätte zugegriffen, nur ich musste natürlich widersprechen: «Ich will kein Almosen, ich will den korrekten Preis zahlen! Sonst verliere ich das Vertrauen in Ihre kaufmännische Redlichkeit.» Damit löste ich einen Sturm der Entrüstung aus – nicht nur beim Personal, das mit himmelwärts gerollten Augen beteuerte: «Bitte, gute Frau! Lassen Sie uns in Ruhe, wir können nicht mehr!», sondern auch beim nachfolgenden Kunden, der raunzte, es sei Feierabend, er habe nun lange genug gewartet, und ich solle mit meinem Theater aufhören. Das will ich natürlich beherzigen. Wer bin ich denn, dass ich unterbezahlten Verkäuferinnen und überarbeiteten Büezern den Tag stehlen möchte!

Wie alle (vermeintlich) Zu-kurz-Gekommenen kriege ich nach wie vor den Hals nicht voll. Wenn es den halben Preis kostet, nehme ich zwei. Gibts einen Stückpreis, dann lege ich das längste und das dickste auf die Waage und nehme das schwerere. Steht auf der Packung 400g, dann suche ich eine, die mindestens 500g enthält. Ich tröste mich mit dem Gedanken, dass mein Verhalten wenigstens in Krisenzeiten sinnvoll wäre …