- Post Scriptum
Einen Tick besser
Vermutlich bin ich auch schon so eine Dinosaurierin, die vergangenen Zeiten nachtrauert. Dass nun aber auch wirklich die Sprache vor die Hunde gehen muss (Kopfschüttel greisen Hauptes)! Gewisse Textprofis scheinen sich in mutwilliger Schnurzigkeit darum zu foutieren, ob ihr Geschreibs noch irgendwelchen Sinn ergibt (hochgereckt der gichtgekrümmte Zeigefinger) oder einfach nur pseudoflott drauflosgequasselt ist – und sie haben leider eine beachtliche Reichweite. Selbstverständlich darf sich die Sprache wandeln, meinetwegen auch vereinfachen oder von mir aus mit Fremdsprachen mischen. Nur sollte all dies dort seine natürliche Grenze finden, wo es unverständlich wird oder sinnentstellend wirkt, weil es sonst den Hauptzweck der Sprache – die Verständigung – unterläuft. Nicht jede Regel ist nämlich per se verknöchert. Oder vielleicht wird gerade dieser Knochen eben wirklich gebraucht.
Zum Beispiel die Zeitformen: Die brauchte man in der Vergangenheit, hat sie soeben gebraucht, braucht sie heute wie morgen und wird sie wohl auch fürderhin brauchen – um ein Geschehen verständlich darzulegen. Nur sind sie gerade gar nicht Mode. Es grassiert das historische Präsens, ein Stilmittel aus Kriminalromanen und Reportagen, das Unmittelbarkeit suggeriert und Spannung vermittelt: Wir schauen der Hauptfigur sozusagen über die Schulter, identifizieren uns mit dem/der Schreibenden und tauchen in die Situation mit ein. Was in der leichteren Muse gut und recht ist, wirkt in der politischen Berichterstattung jedoch billig bis sensationslüstern und in Texten mit mehreren Zeitebenen verwirrend oder irreführend. Trotzdem scheint das heute Standard – und nicht etwa nur im ‹Blick›. Anderes Beispiel: Die Fälle, in der Schweiz mit Schwerpunkt beim Akkusativ (so schwer!). Ich sehe einen Baum. Wir teilen den Kuchen. Die Schnur ist einen Meter lang. Nur Sie, liebe SBB, sind «Ein Tick besser. Ein Tick grüner». Das ist Kauderwelsch. «Ein Tick» im Nominativ ist das Subjekt beider verkürzten Sätze. Der Slogan, den man immer noch allerorten lesen kann, hiesse folglich in voller Länge: «Ein Tick ist besser. Ein Tick ist grüner.» Ga? Gaga?
Trügerisch sind auch Fremdsprachen – bei aller Liebe. Wie einst das Französische, so ist heute das Englische Trumpf. Nichts gegen diese vortreffliche Sprache: Sie ist so viel bündiger und geschmeidiger als die deutsche. Kein Wunder will man sie ständig im Munde führen. Bei der verdeutschten Schriftlichkeit haperts aber. Gehypt (Hupe?), gelikt (Delikt?), downgeloadet (Daunen-Loden?) … hier stehen noch Integrationsleistungen aus. Als invasiver Neophyt hat leider das unselige «würde» zu gelten, dass sich aus einer kreuzfalschen Übersetzung von «would» ausgewildert und festgesetzt hat. «She said she would come tomorrow», heisst auf Deutsch ganz einfach: «Sie sagte, sie komme morgen». Nix würde, werde, käme!
Selbstverständlich ist Sprache lebendig und stetem Wandel unterworfen. Wenn eine Neuerung sich lange genug behauptet und weit genug um sich gegriffen hat, wird sie zur Norm. Heute sind dabei jedoch Kräfte am Werk, die diesen Wandel derart beschleunigen, dass er zur Erosion verkommt. Über viele Jahrhunderte galt, dass Schriftsprache strenger geregelt ist als Mundart, die nun mal spricht, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Die Überflutung mit weltweit vernetzten elektronischen Medien hat aber zu einer erdrückenden Masse kaum redigierter oder reflektierter, quasi-mündlicher Schriftlichkeit geführt, die nun sozusagen ins Hochdeutsche herüberstinkt – von jämmerlichen maschinellen Übersetzungen und KI-generiertem Seichtgeschwurbel einmal ganz zu Schweigen. Ich wünschte mir, dass wenigstens die Sprachprofis öfter mal den guten alten Duden googlen (gugeln?). Bestimmt würde dadurch die Welt in ihrer Sprachsphäre mehr als nur einen Tick besser.