- Im Gespräch
«Eine Welle reicht – und das Boot ist weg»
An der Via Roma auf Lampedusa gibt es drei Open-Air-Bühnen mit Live-Musik, ein Freiluftkino, Gelaterias. Am Ende der Strasse kann man sich einen Cocktail holen und über den Hafen schauen – direkt auf die Frontex-Mole, wo gerade Geflüchtete ankommen. «Diese Parallelität muss man erst verarbeiten», sagt Geesche Wilts. «Einer der schönsten Orte der Welt, gleichzeitig absolutes Leid.»
Sie sind Archäologin und erforschen die Gegenwart. Wie passt das zusammen?
Die Archäologie verfügt über Methoden, um aus kleinsten Spuren zu lesen. Das lässt sich auf die Gegenwart übertragen. Wir erforschen sogenannte Non-Places – Orte des Übergangs, die politisch unsichtbar gemacht werden sollen. Wir geben diesen Orten Sichtbarkeit, indem wir genau dokumentieren, was dort passiert.
Wie finden Sie die Boote?
Ich nutze Netzwerke vor Ort, lokale Nachrichten und Wetterdaten. Lampedusa hat 5000 Einwohner:innen, viele wissen mittlerweile, was ich mache. Der Wind zeigt mir, in welche Richtung Boote gedrückt werden.
Woran erkennen Sie die Herkunft eines Bootes?
Zum einen an den Bauweisen – die unterscheiden sich zwischen libyschen und tunesischen Booten. Zum anderen an der Verpflegung. Die Wasserflaschen und die Lebensmittel werden in der Region eingekauft, wo das Boot startet. In Tunesien gibt es ein Gesetz: In die Flasche muss eingeprägt werden, wann sie abgefüllt wird. Fehlt dieses Prägedatum, ist es oft eine libysche Flasche. Auch die regionalen Marken von Süssigkeiten lassen sich gut auseinanderhalten. Das ist Typologie – eine archäologische Methode. Wir ordnen Gegenstände anhand von optischen Kriterien nach Raum und Zeit ein. Ich wende diese Methode, die eigentlich für antike Keramik entwickelt wurde, auf PET-Flaschen an.
Tunesien als «sicheres Herkunftsland» – die Fakten
Am 10. Februar 2026 stimmte das EU-Parlament mit 408 zu 184 Stimmen für eine EU-weite Liste sicherer Herkunftsländer. Auf der Liste stehen Bangladesch, Kolumbien, Ägypten, Indien, Kosovo, Marokko und Tunesien. Die Regelung soll ab Juni 2026 angewendet werden.
Für Staatsangehörige dieser Länder können Asylanträge künftig in beschleunigten Verfahren als «offensichtlich unbegründet» eingestuft werden. Antragstellende müssen darlegen, warum ihr Herkunftsland in ihrem Fall nicht sicher ist.
Die Lage in Tunesien
Seit seiner Machtübernahme am 25. Juli 2021 regiert Präsident Kais Saied autoritär. Er setzte das Parlament aus, entliess die Regierung und regiert per Dekret. Nach Angaben von Human Rights Watch sassen Anfang 2025 über 50 Personen aus politischen Gründen in Haft, mindestens 14 droht die Todesstrafe.
Tunesien verfügt über kein funktionierendes Asylsystem. Im Juni 2024 untersagte die Regierung dem UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR die Bearbeitung von Asylanträgen – zuvor war das UNHCR die einzige Stelle im Land, die Asylanträge prüfte.
Ende Februar 2023 hielt Saied eine Rede, in der er von «Horden» irregulärer Migrant:innen und einer angeblichen demografischen «Verschwörung» sprach. Seither dokumentieren Menschenrechtsorganisationen eine Zunahme rassistischer Gewalt. Im Raum Sfax leben zeitweise bis zu 20 000 Migrant:innen aus Subsahara-Afrika in provisorischen Camps. Reporter:innen und NGOs berichten von niedergebrannten Zelten und Aussetzungen in Grenzregionen zu Libyen und Algerien – teilweise ohne Wasser, Nahrung oder Schuhe.
Der EU-Deal
Im Juli 2023 stellte die EU Tunesien bis zu einer Milliarde Euro in Aussicht – davon 105 Millionen Euro sofort für Grenzmanagement und Küstenwache. Ziel war es, irreguläre Migration nach Europa zu reduzieren. Die Einstufung als sicheres Herkunftsland wird in diesem Zusammenhang gesehen: Einerseits sollen Menschen in Tunesien an der Ausreise gehindert werden, andererseits tunesische Staatsangehörige schneller aus der EU abgeschoben werden.
Laut EU-Kommission gingen die irregulären Grenzübertritte über die Zentralmittelmeerroute 2024 um 59 Prozent zurück. In welchem Ausmass dies direkt auf das Tunesien-Abkommen zurückzuführen ist, ist unter Expert:innen umstritten. Menschenrechtsorganisationen werfen der EU vor, durch die Kooperation Strukturen zu stärken, in denen es zu schweren Menschenrechtsverletzungen kommt.
Die Kritik
39 Seenotrettungs- und Menschenrechtsorganisationen – darunter Pro Asyl, Sea-Watch und SOS Humanity – forderten das EU-Parlament auf, Tunesien nicht als sicheres Herkunftsland einzustufen. Die Einstufung sei «keine Schutzpolitik, sondern Migrationskontrolle unter dem Deckmantel einer Asylreform».
Was machen Sie, wenn Sie ein Boot dokumentieren?
Ich schaue erst, was drum herum liegt. Die Menschen steigen aus und werfen ihre Sachen weg, weil sie nach der Überfahrt grösstenteils kaputtgegangen oder unfassbar eklig geworden sind. Ich fotografiere die Situation, wie ich sie gefunden habe. Nichts anfassen, nichts verändern.
Danach messe ich: vom Groben ins Feine. Grösste Länge, grösste Breite, dann die einzelnen Teile. Ich filme alles, damit ich es rekonstruieren und belegen kann. Ein Boot habe ich drei Jahre lang immer wieder dokumentiert, um zu sehen, wie es zerfällt. Das ist wichtig für Seenotretter – beispielsweise um zu wissen, ob und wo ein Boot bei der Rettung auseinanderbricht.
2023 dokumentierten Sie plötzlich viele selbstgebaute Metallboote aus Tunesien. Sie nennen diese Konstruktionen «Selbstmordmaschinen». Warum?
Weil sie extrem gefährlich sind. Wenn sie voll besetzt sind mit vierzig, fünfzig Personen, liegen sie so tief im Wasser, dass nur noch zehn bis fünfzehn Zentimeter über der Wasseroberfläche herausragen. Eine Welle reicht und das Boot läuft voll. Es ist kein Schlauchboot – wenn das durchbricht oder unter Wasser gedrückt wird, gibt es keinen Schlauch zum Festhalten. Das Boot sinkt wie ein Stein.

Haben Sie Erkenntnisse darüber, wie diese Boote untergehen?
Ich kenne Berichte von Überlebenden und Seenotrettern. Es gibt zwei Szenarien. Entweder bricht die instabile Struktur, es gibt einen Sog, das Boot verschwindet mit einem lauten «Blubb» und alle Insassen werden vom Meer verschluckt. Das andere Szenario: Das Boot läuft langsam voll, die Menschen tragen bereits Rettungswesten der Seenootrettung und treiben im Wasser. Das Wrack sinkt einfach unter ihnen weg. Keiner bemerkt den genauen Moment, in dem es verschwindet.
Warum wurden diese Boote plötzlich so häufig genutzt?
Die meisten Überfahrten nach Lampedusa starteten in dieser Zeit von der tunesischen Küste aus. In Tunesien herrscht eine stark rassistische Regierung, unter der auch die eigene Bevölkerung leidet. Deshalb waren 15 Prozent der Flüchtenden, die in Tunesien gestartet sind, selbst Tunesier. Gleichzeitig waren Metallboote plötzlich verbreitet, weil so viel über die Gefahren von Schlauchbooten bekannt war. Die Annahme war: Metall ist sicherer. Das war ein Irrglaube.
Ich habe 2023 versucht, mit Journalisten zu sprechen, damit Informationen über die Gefährlichkeit dieser Boote in die Medien kommen – auch in nordafrikanische Medien. Das hat funktioniert: Es hat sich herumgesprochen, dass Metallboote noch gefährlicher sind als Schlauchboote. Jetzt werden wieder Schlauch- oder Holzboote genutzt. Diesen Sommer gab es auch Palästinenser, die mit Jetskis übers Mittelmeer gefahren sind.
Was finden Sie sonst auf den Booten?
Viel Kleidung, Schuhe. Manchmal dominiert Schuhgrösse 36 – dann weiss ich: Eigentlich sollten die Insassen nicht auf einem Boot, sondern an einer Schulbank sitzen. Die meisten Flüchtenden sind Teenager, junge Erwachsene. Von Bangladeschis bis Sudan. Einmal fand ich ein Paket mit frischen Windeln, Milchpulver, einem Fläschchen. Ein anders mal eine Babydecke. Hellblau, mit einem Pinguin darauf. Und in der Nähe: eine Babyschwimmweste und den dazu passenden Badeschuh.
Wie gehen Sie mit solchen Funden um?
Bei der Babydecke habe ich geweint. Aber das war eine Ausnahme. Normalerweise schalte ich dmein Herz ein, und das sagt mir: Ich kann Menschenleben retten, indem ich möglichst gut und genau dokumentiere. Ich bin nicht der Mensch, der das Leid ausblendet, aber ich kann niemandem helfen, wenn ich anfangen würde zu jammern. Mir geht es gut, sobald ich auf Lampedusa lande. Es ist ein zweites Zuhause. Hier kann ich den ganzen Tag sinnvolle Dinge machen. Es könnte mir nicht besser gehen.
Lässt sich anhand der Fundstücke auch eine soziale Hierarchie an Bord ablesen?
Eindeutig. Einmal fand ich eine Louis-Vuitton-Handtasche – auf einem massiveren Holzboot. Auf den schrottreifen Metallbooten finde ich eher Hinweise auf ärmere Personen, oft mit schwarzer Hautfarbe, westafrikanische Wachstücher zum Beispiel.
Es gibt also eine Klassengesellschaft auf dem Mittelmeer.
Ja. Die Überfahrt auf einem grossen Holzboot kostet ein Vielfaches von einem Platz auf einem Metallboot. Auch Rettungswesten oder Autoreifenschläuche kosten extra. Wer mehr Geld hat, kauft sich eine höhere Überlebenschance.
Autoreifenschläuche – reicht das, um zu überleben?
In der Regel nicht. Man kann damit nicht übers Mittelmeer schwimmen, es sei denn, man ist Profischwimmer. Es gibt einen dokumentierten Fall von einem elf- oder zwölfjährigen Mädchen, das auf zwei oder drei Reifen gelegen hat und als einzige überlebt hat, vier Tage lang im Meer. Aber das ist eine absolute Ausnahme.

Die Überfahrt kann auch gefährlich sein, wenn das Boot nicht sinkt. Was bedroht die Menschen noch?
Die Menschen verletzen sich an den scharfen Kanten der Metallboote, die Wunden entzünden sich. Das Metall wird heiss, rostet im Salzwasser. Sie haben Verbrennungen, wo ihr Körper das Boot berührt. Wenn jemand die Motoren nachfüllt, kleckert Treibstoff ins Boot. Die Verbindung von Treibstoff und Salzwasser kann hochgradig gefährliche chemische Verletzungen auslösen. Das passiert auf allen Bootstypen – Metallboote, Schlauchboote, Holzboote. Bei einem Drittel der Boote gibt es chemisch Verletzte, weil sich die Haut ablöst. Die Menschen skelettieren bei lebendigem Leib. Der Inselarzt Pietro Bartolo nennt das die «Schlauchbootkrankheit».
Mitte September 2023 kamen innerhalb von zwei Tagen über 7000 Menschen auf Lampedusa an – mehr als die Insel Einwohner hat. Matteo Salvini, damals Vizepremier und Verkehrsminister, sprach von einem «Kriegsakt». Sie waren vor Ort. Was haben Sie beobachtet?
Ich war zu diesem Zeitpunkt auf der Insel und konnte sehen, was tatsächlich geschah. Die Erklärung war eine andere als die von Salvini: Die selbstgebauten Metallboote können nur bei absoluter Windstille fahren. In diesen Tagen herrschten genau solche Bedingungen. Menschen, die seit Wochen auf eine Gelegenheit zur Überfahrt warteten, hatten die Wettervorhersage verfolgt und das kurze Zeitfenster genutzt. Gleichzeitig hatte die tunesische Regierung ihre rassistische Politik verschärft, der Druck auf Migranten nahm massiv zu. Die Entwicklung war absehbar. Ich hatte meine Forschungsreise ein halbes Jahr zuvor geplant, weil ich mit einer solchen Situation rechnete. In den Medien hiess es dennoch, niemand habe das voraussehen können. Aus meteorologischen Gegebenheiten und politischem Druck einen Kriegsakt zu konstruieren, finde ich zynisch.
Haben Sie Kontakt mit den Geflüchteten?
Kaum. Es gibt das Lager im Inneren der Insel, umzäunt, mit Wachposten. Die Menschen werden dahin gebracht, man sieht sie nicht, bis sie zwei, drei Tage später weggebracht werden. Manchmal treffe ich Menschen direkt am Ufer, unmittelbar nach der Ankunft. Sie sind völlig erschöpft und gleichzeitig erleichtert, überlebt zu haben. Mit dem Gefühl, heute beginnt mein Leben. Euphorisch, obwohl sie gerade noch Todesangst hatten.Es gibt auch eine Art gegenseitiger Erkennung über den Geruch. Die Boote haben einen sehr spezifischen Geruch – Seenotretter nennen ihn «Eau de Fluchtboot». Eine Mischung aus Treibstoff, Salzwasser und Schweiss. Er dringt in die Kleidung ein und lässt sich wochenlang nicht auswaschen. Menschen, die gerade angekommen sind, riechen, dass ich auf solchen Booten gewesen bin. Ich rieche es an ihnen. Manchmal entsteht dadurch Vertrauen.
Wie kann Ihre archäologische Forschung konkret Leben retten?
Ich bin im Austausch mit Ausbildern für Seenotrettungsmissionen. Ich liefere Daten: Wo brechen die Boote durch? Wo ragen unter Wasser unsichtbare Metallspitzen hervor? Das hilft den Rettern, sich selbst und die Menschen nicht zu verletzen. Aber es geht um mehr. Wenn man meine Arbeit – die Dokumentation dieser tödlichen Konsequenzen – als Argument nimmt, müsste man politisch umdenken.
Inwiefern?
Der effektivste Weg, Leben zu retten, wäre, wenn man diesen Grenzbefestigungswahnsinn sein lässt. Meine Funde belegen ja, dass die Aufrüstung die Flucht nicht stoppt. Die Flüchtenden denken sich immer etwas Neues aus. Und sie werden versuchen zu fliehen, egal wie tödlich es ist. Ein Flüchtender hat mir mal gesagt: «Tot bin ich so oder so, aber wenn ich es versuche, dann habe ich wenigstens eine kleine Chance auf ein Leben.»
Die EU unterscheidet zwischen «berechtigten» Flüchtlingen und «Wirtschaftsflüchtlingen». Was halten Sie davon?
Diese Unterteilung finde ich furchtbar. Ist es weniger schlimm, wenn ein «Wirtschaftsflüchtling» ertrinkt? Sind Menschen, die aus politischen Gründen erschossen werden oder verhungern verschieden doll tot? Das ist meiner Meinung nach ein Argument, um die Leute am unteren Rand der Gesellschaft gegeneinander aufzuwiegeln und echte Veränderungen zu verhindern.
Was ist Ihre Prognose? Ab Juni tritt der EU-Migrationspakt in Kraft – mit Grenzverfahren, Schnellabschiebungen, verschärften Kontrollen…
Kurzfristig ändert sich nichts. Egal welche Regelung kommt – die Menschen werden sich anpassen und weiter fliehen, solange sie sonst nicht menschenwürdig leben können. Aber ich denke in anderen Zeiträumen als die Politik. Ich habe als Archäologin 2,5 Millionen Jahre Menschheitsgeschichte im Hinterkopf. Langfristig wird sich dieser Planet durch den Klimawandel so stark verändern, dass unsere jetzigen Grenzkonflikte bedeutungslos werden. Vielleicht ist Lampedusa in 50 Jahren unbewohnbar, weil es zu heiss ist.
Sie klingen fast gelassen.
Es ist eher der Blick der Archäologin. Alles wandelt sich. Das ist ja das Kuriose: Die Menschen, die heute gegen den Klimawandel auf die Strasse gehen, werden als linke Spinner dargestellt. Dabei sind sie viel konservativer als die Konservativen.
Wie meinen Sie das?
Sie wollen den Status quo bewahren, damit menschliches Leben weiterhin möglich ist. Die sogenannten Konservativen hingegen nehmen die Zerstörung der Lebensgrundlagen in Kauf. Wer wirklich konservativ ist, müsste in erster Linie das Klima schützen – sonst gibt es bald nichts mehr zu konservieren. Auch keine Grenzen.
Dieser Artikel ist zuerst auf flimmer.media
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Zur Person
Geesche Wilts ist Archäologin aus Hamburg. Sie studierte Vor- und Frühgeschichte in Hamburg und Wien und promoviert derzeit an der Universität Kiel. Seit zehn Jahren dokumentiert sie auf Lampedusa Fluchtboote mit archäologischen Methoden. Ihre Dissertation untersucht die materielle Kultur der Migration über das zentrale Mittelmeer.