Eine kleine Insel neben der Limmat

In Altstetten befindet sich die Nachbarschaft Grünau – vielen ZürcherInnen kein Begriff, bietet sie den BewohnerInnen ein Leben abseits der städtischen Anonymität. Um auch Aussenstehenden einen Blick in diesen Mikrokosmos zu gewähren, haben StudentInnen der Zürcher Hochschulen einen Audiorundgang erstellt.

 

Milad Al-Rafu

 

Im Kreis neun am Ende der Tramlinie 17 liegt das Quartier Grünau. Vor der Eingemeindung von Altstetten noch «Bändli» genannt, gilt dieser Ort spätestens ab dem Bau der Wohnsiedlung Grünau in den 70er-Jahren, der zu einer Verdopplung der Bewohner­Innen führte, als «kleines, aber eigenständiges Quartier», wie dies der Quartierverein auf seiner Homepage schreibt. Speziell an dieser Nachbarschaft ist die abgeschottete Lage – getrennt von Altstetten durch die Autobahnbrücke, losgelöst von Höngg durch die Limmat – die man auch so wahrnimmt, sobald man hier eintritt. Das Quartier selbst verfügt unter anderem über eine Primarschule, ein Altersheim, eine Migros und ein Gemeinschaftszentrum.

 

Doch abgeschottet ist nicht gleich schlecht: Durch seine Lage hat das Quartier einen dorfähnlichen Charakter beibehalten, was dazu führt, dass sich die meisten BewohnerInnen untereinander kennen. Mit dem Ziel, den Blick auf diese etwas anachronistische Quartiergestaltung auch auswärtigen Personen zu öffnen sowie gleichzeitig die wichtigsten Ecken zu dokumentieren, haben StudentInnen der ZHAW und ZHdK in Zusammenarbeit mit dem Gemeinschaftszentrum Grünau einen Audiorundgang erstellt. Dabei wurden im Gespräch mit verschiedenen QuartierbewohnerInnen sechs Orte und deren Bedeutung näher beleuchtet.

 

Zusammenhalt
Von den Vorzügen des Quartiers sind alle interviewten Personen überzeugt: Antonia*, im Juni 1975 ins Quartier gezogen, verbrachte die letzten 40 Jahre im Grünau. Sie schätzt insbesondere die Familiarität und den freundlichen Umgang. Bereits pensioniert, hilft sie immer noch im Gemeinschaftszentrum aus, wo sie einmal pro Woche für den Mittagstisch zuständig ist. Noch ein Jahr länger lebt Judith* hier. «Den schlechten Ruf, den das Quartier früher hatte, konnte ich nie nachvollziehen», erklärt sie. Ihre Kinder seien hier zu Schule gegangen, wobei der im städtischen Vergleich höhere Ausländeranteil kein Problem war. Zu der Zeit, als ihr Mann in der Verwaltung tätig war, kannten sie ausserdem alle Personen im Gebäude. Der Zusammenhalt im Quartier zeigte sich auch bei der Kinderbetreuung: «Jeden Donnerstag kümmerten sich die Frauen im Quartier um die Kinder». Davon profitiert hätten auch Kinder mit Migrationshintergrund, da sie so bereits vor Kindergarteneintritt regelmässig Deutsch sprachen.

 

Doch nicht nur die ältere Generation spricht in höchsten Tönen vom Quartier. Auch der zwanzigjährige Mergim*, der seit sechzehn Jahren im Grünau wohnt, findet viele positive Punkte: «Ich wohne hier sehr gerne. Es ist immer abwechslungsreich, jeder begrüsst jeden». Dass er als Kind keine Strasse überqueren musste, um zur Schule zu gehen, empfindet er als weiteren Vorteil: «Unsere Eltern mussten sich nie Sorgen machen.» Auch er betont, dass der Zusammenhalt hier stärker sei als anderswo. Als Treffpunkt für die Jungen dient der Jugendtreff sowie der Sportplatz. Für Mergim ist deshalb klar, sollte er Kinder haben, dass diese auch hier aufwachsen.

 

Veränderung
Doch auch dieses Quartier ist dem Wandel ausgesetzt. Wie sich Veränderungen im Quartier direkt auf das Zusammenleben auswirken, hat Judith miterlebt: «Früher hatten wir keine Briefkästen, alle BewohnerInnen mussten zur Post im Quartier gehen. Dadurch sind sich alle BewohnerInnen regelmässig über den Weg gelaufen.» Seitdem es Briefkästen gibt und die Post nicht mehr existiert, habe auch der natürliche Austausch abgenommen. Um solchen Entwicklungen entgegenzuwirken, hat sich Judith und ihr Mann während knapp 40 Jahren im Quartierverein engagiert. Auch Mergim hat sich als Vorstandsmitglied für den Quartierverein beworben. «Ich will etwas verändern und nicht stehen bleiben», erklärt er. Bei seinem ersten Besuch des Quartiervereins hatte er festgestellt, dass fast nur ältere Leute involviert sind, was er problematisch findet. Denn: «Wenn die jüngere Generation nicht vertreten ist, können wir nicht Einfluss nehmen auf Sachen, die uns stören».

 

Es geht ihm jedoch nicht nur um den Generationenwechsel, sondern auch um ganz konkrete Anliegen: Die Lärmschutzwand, die seit Jahren hinausgezögert wird, ist ein Grund, warum sich Mergim vermehrt einbringen will. Auch der geplante Bau eines neuen Schulhauses, der dazu führen würde, dass die Grünflächen verschwinden, sieht er kritisch. Er weiss jedoch, dass vor allem letzterer Punkt einen nahezu aussichtslosen Kampf darstellt: «Die Stimmbevölkerung hat noch nie den Bau eines Schulhauses abgelehnt.» Jede Veränderung empfindet er jedoch nicht als negativ. So sieht er den Bau von neuen Wohnungen als notwendig an. Seine Vorsicht gegenüber dem Wandel ist einzig der Angst geschuldet, der Geist des Quartiers könnte aufgrund zu drastischer Einschnitte verloren gehen.

 

*Namen geändert

 

Im GZ Grünau kann für den Audiorundgang ein MP3-
Gerät ausgeliehen werden. Der Plan und die Audiodateien sind auch direkt auf radiogruenau.gz-zh.ch greifbar.

nach oben »»»