«Die Technologie ist ausgereift – es ist nur noch eine Frage des Willens»

Am letzten Freitag präsentierte das «Wirtschaftskomitee für einen vernünftigen Ausstieg aus der Kernenergie» seine Argumente. Warum Komiteemitglied Hans Ruedi Schweizer, Verwaltungsratspräsident der Ernst Schweizer AG, Metallbau, auf ein Ja am 27. November hofft, erklärt der Unternehmer aus Hedingen im Gespräch.

 

 

Sie machen im «Wirtschaftskomitee für einen vernünftigen Ausstieg aus der Kernenergie» mit: Was hat Sie dazu bewogen?

Hans Ruedi Schweizer: Seit fast 40 Jahren beschäftige ich mich als Bürger, in Verbänden und in der eigenen Firma damit, wie sich Unternehmen ökologisch, sozial und wirtschaftlich nachhaltig führen lassen. Als Massstab dient mir die Definition von Nachhaltigkeit, wie sie die Uno 1992 in Rio definiert hat – und wie sie in unserer Bundesverfassung verankert ist. Zum geordneten Ausstieg aus der Kernenergie ergeben sich aus dieser Erfahrung zwei Befunde.

 

Welche?

Erstens, dass die Risiken und Kosten der Kernenergie über die ganze Lebensdauer bis zur Endlagerung zu hoch sind. Und zweitens, dass wir diese Risiken nicht mehr eingehen sollten – und auch gar nicht müssen, da heute Alternativen vorhanden sind.

 

Alternativen, die ausreichen, um uns mit genügend Strom zu versorgen?

Davon bin ich überzeugt, wobei mir folgender Punkt, gerade im Hinblick auf die Abstimmung, besonders wichtig ist: Wir sollten nicht immer nur darüber diskutieren, wieviel Strom wir möglicherweise dereinst nicht mehr zur Verfügung haben. Entscheidend ist doch, dass wir alles unternehmen, um immer weniger Strom zu brauchen.

 

Der Hinweis, «Verzicht» sei nötig, ist kaum das, was einem für einen erfolgreichen Abstimmungskampf vorschwebt…

Dass es ohne weniger Verbrauch nicht geht, ist eine Tatsache. Das wollen wir auch gar nicht verschweigen. Aber für die mehr als 75 UnternehmerInnen, Fachpersonen und bürgerlichen Persönlichkeiten in unserem Komitee ist ein geordneter Ausstieg aus der Kernkraft schlicht und einfach vernünftig. Denn die Initiative verhilft der Schweiz langfristig zu einer sicheren, bezahlbaren und unabhängigen Energieversorgung. Zudem macht es uns die heutige Technologie sehr einfach, weniger Strom zu verbrauchen. In der Ernst Schweizer AG konnten wir beispielsweise in den letzten 37 Jahren den Umsatz und die Arbeitsplätze verdoppeln, während der Energieverbrauch stabil blieb.

 

Wie haben Sie das erreicht?

Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht. Es hat über 100 Projekte gebraucht, und gefordert war nicht nur die Führung, sondern die ganze Belegschaft. Alle unsere MitarbeiterInnen nehmen beispielsweise an Umweltseminaren teil. Wir haben Gebäudehüllen isoliert, die Firma an die regionale Holzschnitzelfeuerung angeschlossen, ein Fabrikgebäude im Minergie-Standard gebaut, Beleuchtungen ersetzt und vieles mehr. Indem man jeden Tag Energie spart, verbessert man sich kontinuierlich – und so, Schritt für Schritt, lässt sich auch die Energiestrategie 2050 realisieren.

 

 

Auch wenn sich viel Strom sparen lässt – der Anteil der neuen erneuerbaren Energien an der Schweizer Stromproduktion beträgt laut dem Abstimmungsdossier auf der Website von Bundesrätin Doris Leuthards Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation zurzeit lediglich 2,7 Prozent.

Gemäss Energiestatistik 2015 beträgt die Auslandabhängigkeit der Schweiz bei der fossilen Energie 100 Prozent und bei der Stromversorgung 32 Prozent. Wie Komiteemitglied Thomas Nordmann, Geschäftsführer TNC Consulting AG, an der Medienkonferenz ausführte, ist es ein «Schweizer Dogma», dass man beim Strom eine hundertprozentige Unabhängigkeit vom Ausland anstrebt, aber über die hundertprozentige Abhängigkeit bei den fossilen Energien lieber gar nicht spricht. Nordmann zeigte auch auf, dass für den Ersatz der Kernkraftwerke bereits heute genügend erneuerbare Energie zur Verfügung steht, und zwar einerseits in Form des Schweizer Anlageparks, der von der kostendeckenden Einspeisevergütung KEV profitiert, und anderseits in Form der schweizerischen Investitionen in erneuerbare Energien in Europa. Damit werden heute schon zehn Terawattstunden pro Jahr (TWh/Jahr) erreicht, und zwar auch im Winter. Zum Vergleich: Die Stromproduktion des AKW Mühleberg beläuft sich auf drei TWh/Jahr.

 

 

Aber Mühleberg ist nicht das einzige zu ersetzende AKW. Mit Strom sparen allein ist es kaum getan.

Wir müssen auch die einheimische Produktion von erneuerbaren Energien kräftig ausbauen. Mit dem geordneten Ausstiegsplan, wie ihn die Initiative fordert, haben wir genügend Zeit, um die Effizienz zu steigern und bis zur Abschaltung des letzten AKW im Jahr 2029 genügend Energie aus erneuerbaren Quellen bereitzustellen.

 

 

Was passiert, wenn die Menge, die bis dann zusammenkommt, trotz allem nicht reicht?

Unsere Energieunternehmen können auch künftig, wie sie das heute schon tun, im Ausland in Anlagen zur Gewinnung von erneuerbarer Energie investieren und den Strom in die Schweiz importieren.

 

 

Und mit dem Import dieses Stroms aus Schweizer Anlagen im Ausland bricht das Chaos aus, weil das Stromnetz heute schon am Anschlag ist?

Es wird erstens gar nicht nötig sein, von einem Tag auf den andern exorbitante Mengen an Strom zu importieren. Die Versorgungssicherheit ist für die Schweizer Wirtschaft von zen­traler Bedeutung. Sie ist dank der Wasserkraft auch unmittelbar nach der Abschaltung von Beznau I, Beznau II und Mühleberg gewährleistet. Das hat die nationale Netzgesellschaft Swissgrid unserem Komitee bestätigt. Richtig ist zweitens, dass die Abschaltung der Atomkraftwerke nicht das Chaos bringt, sondern die Schweizer Wasserkraft stärkt, die momentan unter dem Überangebot auf dem europäischen Strommarkt leidet. Das beste Beispiel dafür haben wir aktuell gewissermassen vor der Nase: Die Strompreise sind zurzeit höher, weil in der Schweiz und in Frankreich einige Atomkraftwerke wegen Revisionsarbeiten abgeschaltet sind beziehungsweise wegen Sicherheitsmängeln nicht produzieren dürfen.

 

 

Glaubt man dem Abstimmungsbüchlein des Bundes, wird die Schweiz bei einem Ja zur Initiative dennoch viel mehr Strom aus dem Ausland importieren müssen, und zwar vornehmlich «Dreckstrom» aus deutschen Kohlekraftwerken.

Dazu hat Thomas Nordmann an der Medienkonferenz einen eindrücklichen Faktencheck präsentiert: 2015 hat die schweizerische Elektrizitätswirtschaft bereits 12,7 TWh Strom aus Deutschland importiert. Der Importwert entspricht drei Vierteln der jetzigen Stromproduktion aller Schweizer Atomkraftwerke.

Dies verursacht in Deutschland zusätzlich sieben Millionen Tonnen CO2-Emissionen; das entspricht einem Fünftel der gesamten schweizerischen CO2-Emissionen. Der Strom-Ersatz von Beznau II durch 1,7 TWh deutschen Importstrom fürs Winterhalbjahr 2017/18 würde eine Mehrbelastung von 0,95 Millionen Tonnen CO2 bzw. 2,8 Prozent verursachen.

 

 

Die angeblich drohende Überflutung mit «Dreckstrom» aus Deutschland ist also reine Spekulation?

Der deutsche «Dreckstrom» wird, gerade auch angesichts der bisherigen Stromimporte der Schweiz, in der aktuellen politischen Diskussion deutlich überstrapaziert. Und was die Abhängigkeit vom Ausland betrifft, hat Thomas Nordmann an der Medienkonferenz auch noch auf einen weiteren interessanten Aspekt hingewiesen: 2015 wurden 26,5 TWh Strom, also fast die Hälfte unseres Landesverbrauches, nach Italien exportiert – was die schweizerische Elektrizitätswirtschaft wohl kaum wegen der sicheren Landesversorgung gemacht hat, sondern aus unternehmerischen Gründen.

 

 

Zurück zum Thema «weniger Strom brauchen»: Ihre Firma hat damit kein Problem. Doch was ist mit jenen Unternehmen und Privatpersonen, die nicht so gut vorbereitet sind?

Schon nur die Anzahl Projekte auf der KEV-Warteliste geht in die Tausende. Würden all diese Projekte umgesetzt, könnte man ein mittleres AKW abschalten. Das zeigt doch, dass sowohl Unternehmen wie Privatpersonen die Zeichen der Zeit erkannt haben und vorwärts machen wollen. Auch abseits der KEV-Warteliste wird viel gemacht: Die Gebäudeprogramme beispielsweise laufen nach wie vor; Jahr für Jahr werden viele Gebäude energetisch saniert und verbrauchen fortan viel weniger Energie. Die Technologie ist ausgereift. Wir können sofort loslegen – es ist nur noch eine Frage des Willens, ob wir es auch tun.

 

 

Warum geht es denn nicht schneller vorwärts?

Was der Industrie zurzeit noch fehlt, sind klare Verhältnisse bezüglich der Umsetzung der Energiestrategie 2050. In dieser Strategie des Bundesrats haben AKW zwar keinen Platz; sie geht davon aus, dass diese dannzumal längst abgeschaltet sind. Doch es fehlt eine verbindliche Angabe dazu, bis wann die AKW abzuschalten sind. Genau diese Angabe liefert die Atomausstiegsinitiative. Und sobald klar ist, wann welches AKW abgeschaltet wird, haben die Investoren auch die nötige Planungssicherheit und können loslegen.

 

 

In welche Anlagen und Projekte sollte man hauptsächlich investieren?

Privatpersonen, die heute ein Haus bauen, investieren mit Vorteil in ein Minergie- beziehungsweise ein Plusenergie-Haus. Wer sein Haus saniert, kann mit guter Dämmung, Sonnenkollektoren, Photovoltaik und Wärmepumpen viel herausholen. Was die Industrie betrifft, gibt es noch unzählige Betriebe in der Schweiz, die denselben Weg gehen könnten wie unser Unternehmen. Was ebenfalls helfen würde, wäre ein Strompreis, der die Realität abbildete; zurzeit ist der Strom viel zu billig. Doch das ist eine politische Frage.

 

 

Was sagen Sie den SkeptikerInnen, die finden, die Energiewende wäre sicher eine gute Sache, doch wir könnten sie uns nicht leisten?

Der Bereich «Renovationen» ist eine Stütze unserer Bauwirtschaft. Gerade im Rahmen des Gebäudeprogramms läuft viel mehr, als von der Politik kolportiert; Jahr für Jahr werden unzählige Wohnhäuser und Gewerbeliegenschaften saniert. Unser Komitee wird im Abstimmungskampf auch über die Möglichkeiten auf diesem Gebiet informieren, die zurzeit noch nicht ausgeschöpft sind. Oder anders gesagt: Machen wir endlich ernst damit, unseren Gebäudepark zu sanieren, erhalten wir als Gratis-Zugabe gleichzeitig ein Konjunkturförderprogramm. Das Geld wäre also sehr gut eingesetzt.

 

 

Ist das die Hauptbotschaft Ihres Komitees?

Wir wollen in erster Linie bekannt machen, dass der Wirtschaft die nötige Technologie für den Ersatz der Atomkraft bereits zur Verfügung steht und dass deren Anwendung Zehntausende Arbeitsplätze schafft – und zwar in der Schweiz, nicht irgendwo im fernen Ausland. Dabei handelt es sich hauptsächlich um Arbeitsplätze, wie sie die klassischen KMU bereitstellen. Gefragt sind das planende und das produzierende Gewerbe, gefragt sind vor allem HandwerkerInnen: Es gibt Arbeit für ElektrikerInnen, SanitärinstallateurInnen, SpenglerInnen, Lüftungs- und HeizungstechnikerInnen, für Fachleute aus den Bereichen Holz- und Fensterbau und für viele mehr.

 

 

Das Handwerk würde also von einem Ja zur Atomausstiegsinitiative profitieren – aber Economie­suisse und damit «die Wirtschaft» geben die Nein-Parole heraus? Das tönt unlogisch.

Einige Gewerbeverbände sind sehr wohl mit uns einig, dass ein Ja dem Handwerk nützen würde. Interessanterweise verlaufen die Grenzen zwischen Befürworterinnen und Gegnern nicht überall so, wie man es vermuten würde.

 

 

Die Abstimmung ist demnach zu gewinnen?

Ich hoffe es. Sicher bin ich, dass es sich in der aktuellen politischen Situation lohnt, zu kämpfen: In der ersten Umfrage des Schweizer Fernsehens haben 57 Prozent der Teilnehmenden erklärt, sie würden «sicher» oder «eher» Ja stimmen. Es wäre zudem noch aus einem anderen Grund wichtig, dass die Initiative durchkäme.

 

 

Der da wäre?

Die Energiestrategie 2050 gilt es unabhängig vom Ausgang der Abstimmung vom 27. November umzusetzen. Ein «Ja» zur Atomausstiegsinitiative ist auch eine Unterstützung für die Energiestrategie 2050.

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