«Eine Erfolgsgeschichte»

Auf 360 Seiten präsentiert WOZ-Redaktor Stefan Howald die Wochenzeitung «innerhalb der gesellschaftlichen und medialen Entwicklungen der vergangenen vier Jahrzehnte» – und als «eine Erfolgsgeschichte». Entstanden ist ein lesenswertes Geschichts- wie auch Geschichtenbuch.

 

 

Der Untertitel, «eine alternative Mediengeschichte», zeigt die Richtung an: Beim Buch von Stefan Howald über die Wochenzeitung WoZ, «Links und bündig», handelt es sich um eine Entdeckungsreise zwischen Buchdeckeln. Sie führt einen von Publikationen von Ende der 1970er-Jahre und natürlich aus dem heissen Sommer 1980 über diverse ausgedehnte interne Debatten, Spendenaktionen, Reorganisationen, über Primeurs und spezielle Aktionen bis in die heutige Zeit. Soviel vorneweg: Das Buch liest sich sehr gut – was einen zu Beginn manchmal fast ein wenig erstaunt angesichts von Themen und Debatten, die einen Jahre später doch eher seltsam anmuten. Umgekehrt stossen langjährige WoZ-LeserInnen auf einige ‹alte Bekannte›, Geschichten, die noch nicht allzu weit zurückliegen und zu denen einem ein paar Stichworte genügen, um sie wieder präsent zu haben.

 

Von einem andern Stern?

Einiges wirkt, von heute aus gesehen, so, als hätte das WoZ-Kollektiv auf einem anderen Stern gelebt: Wie konnten die sich nur derart fetzen, als es darum ging, endlich einen Satzcomputer anzuschaffen? Wie konnte es passieren, dass nach der Explosion im Atomkraftwerk von Tschernobyl am 26. April 1986 in der nächsten WoZ nichts darüber zu lesen war, einfach nichts? Gut, die WoZ erschien wegen des 1. Mai einen Tag früher, also bereits am 30. April. Aber dennoch… «Lieber gar nichts schreiben als die Gerüchte in den anderen Medien wiederholen – so dachte wohl die WoZ-Redaktion. Zwanzig Jahre später wirkte es dennoch seltsam», hat Bettina Dyttrich in einem Rückblickartikel festgehalten. Unvergessen hingegen die «feminisierte WoZ», erschienen Mitte September 1987, «endredigiert von Thérèse Flückiger und Lui-se F. Pusch»: «Was die feminisierten Formen betrifft, so werden, wie in der Hausmitteilung angekündigt, zumeist beide Geschlechter genannt, zuweilen aber auch die Geschlechter vertauscht – beispielsweise taucht im Zusammenhang mit Lobby-Aktivitäten für den Appartheid-Staat Südafrika eine Nationalrätin Christoph Blocher auf.» Doch «die Meinungen zum Experiment schwanken, nicht genau entlang der Geschlechtergrenzen. Der Autor Peter Weishaupt verbietet, dass sein Text über den Schweizer Zivilschutz feminisiert werde, da es dabei nur um Männer gehe, und heftige Debatten gibt es um ein Interview mit dem exilierten südafrikanischen Drummer Louis
Moholo: ob man einem politisch Verfolgten eine sexistische Sprache vorwerfen dürfe». Kein Zweifel: Schon in den ersten beiden Kapiteln, «Diskutieren!» und «Klassenkampf und Kulturboykott», nimmt die Entdeckungsreise richtig Fahrt auf.

 

Frauenstreik und SexWoz

Weiter geht es mit «Alte und neue Weltordnungen» sowie mit «Neugier, Offenheit und Leidenschaft». In der Serie «Besichtigung der Hinterhöfe» heftet sich die WoZ an die Fersen von Schweizer Multis und erkundet «jene Orte in der Dritten Welt, wohin die industrielle Produktion der globalen Wertschöpfungskette ausgelagert worden ist». Im Herbst 1989 publiziert die WoZ ein DDR-Extra. «In der Nacht vom Donnerstag dem 9. auf Freitag den 10. November 1989 wird die Grenzsperrung an der Berliner Mauer aufgehoben. (…) Die WoZ kann den Mauerfall erst eine Woche später, am 17. November, nachholen. In einem Textanriss wird auf der Titelseite vermeldet: ‹Wir danken alle Gott. Westberlin: Taumel. DDR: Stolz und Angst.›»

 

Eine Titelseite «in dezentem Violett» gibt es zum Frauenstreik vom 14. Juni 1991, und für Aufsehen sorgt 1993 die «SexWoZ»: Sie wird «mehrheitlich von Frauen gestaltet, das übliche Verhältnis von zwei zu eins wird für einmal umgekehrt». Ins gleiche Jahr fällt auch ein Ereignis, welches das Kollektiv als «Schock» erlebt: Niklaus Meienberg, neben Jürg Frischknecht der bekannteste freie Mitarbeiter der WoZ, nimmt sich das Leben.

 

Ob «Spaltpilz» EWR, offene Drogenszene oder Wohnungskampf: In der WoZ hatten diese Themen ihren festen Platz, vor allem letzteres. Zur Räumung der «Wohlgroth» im November 1993 veröffentlichte die WoZ ein Extrablatt.

 

Mit «Diplo» und Gelb

Mit finanziellen Schwierigkeiten hat die WoZ immer wieder zu kämpfen, doch diese halten das Kollektiv nicht davon ab, die Zeitung auszubauen, und so wird der WoZ ab 1995 «Le Monde diplomatique» beigelegt: «Denn ‹Le Monde diplomatique› steht – wie ja auch die WoZ – in vielerlei Hinsicht quer zu gegenwärtigen publizistischen Trends, zum journalistischen Schnell- und Kurzfutter, zu Personifizierung, Boulevardisierung, Konzen-tration auf sogenannte Topereignisse», wurde die neue Beilage in der WoZ vom 7. April 1995 angekündigt. Zum Ende desselben Jahres dann bekam die WoZ ein neues Layout – ein Geschenk «des millionenschweren Unternehmers und früheren Interhome-Chefs Bruno Franzen (…). Dazu angestiftet worden ist er offenbar durch Peter Bichsel». Neu eingeführt wurde mit dem neuen Layout auch das, was einem bis heute als erstes ins Auge sticht: die gelbe Schmuckfarbe.

 

Das Kapitel «Der grosse Knall» ist den Nuller Jahren gewidmet – Swissair-Grounding, Amoklauf in Zug, Gotthardtunnelbrand – und 9/11. Doch auch kulturelle Affären geben zu reden und zu schreiben, zum Beispiel die Kunstsammlung von Christian Flick oder die Ernennung von Pipilotti Rist zur künstlerischen Direktorin der Expo. Im März 2002 erscheint die WoZ in Blau – Inhalt: Ein Übernahmeangebot für die ‹Weltwoche›…

 

Mit dem Kapitel «Neue Kulturen», das sich unter anderem mit Enthüllungen über die rechte Szene befasst und danach fragt, wer die Überwacher überwache, geht die Exkursion zuende. Das Buch ist Geschichtsbuch, Geschichtenbuch und Firmenchronik in einem, es ist gut geschrieben, und es beschränkt die Schilderung der, in einem Kollektiv wohl unvermeidlichen, persönlichen Knätsche auf ein erträgliches Mass. Nur eine kleine Kritik kann ich mir zum Schluss nicht verkneifen: Im Anhang wird auf über 90 «Presseprodukte» verwiesen, aber das bald 20-jährige P.S. ist nicht darunter. Je nu. Auch die WOZ sieht halt offensichtlich nur «SP» und nicht «unabhängige Zeitung» …

 

Howald, Stefan: Links und bündig. WOZ Die Wochenzeitung. Eine alternative Mediengeschichte. Rotpunktverlag, Zürich 2018, 360 Seiten, 39 Franken.

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