Eine alte Bekannte: die Machtfrage

Die Resultate der Studie «Aussen bunt, innen weiss?» über Diversität als Selbstverständnis von zehn Deutschschweizer Kunstinstitutionen sind noch nicht veröffentlicht. Das Zoom-Podium vom vergangenen Donnerstag ‹im› Helmhaus ermöglichte jedoch schon einmal eine Veranschaulichung der Komplexität der damit einhergehenden Fragestellungen.

 

Das Bauchgefühl weiss: Frauen, Farbige, LGBT, MigrantInnen und Behinderte – sogenannt marginalisierte Gruppen – sind als KünstlerInnen in den institutionellen Ausstellungen der bildenden Kunst unterrepräsentiert. Jetzt ist das Bauchgefühl kein wissenschaftliches Mass. Also hat ein Projektteam der Hochschule der Künste Bern unter der Leitung der Kulturwissenschaftlerin Anke Hoffmann während des letzten Jahres zehn mehrheitlich kleine und mittelgrosse Kunstinstitutionen in der Deutschschweiz einer qualitativen Befragung unterzogen. Neben der Sichtung von Dokumenten aus den vergangenen fünf Jahren – Ausstellungen, Jahresberichte, Saaltexte, Vermittlungsprogramme – wurden Interviews mit den Verantwortlichen geführt. Die Fragen wurden bewusst offen gestellt und nach Diversität wurde explizit nicht gefragt. Die Studie, das wurde mehrfach betont, erhebt keinen Anspruch, repräsentativ zu sein.

 

Es kommt drauf an

Mit Nadine Wietlisbach vom Fotomuseum Winterthur, Barbara Zürcher vom Haus für Kunst Uri und Simon Maurer vom Helmhaus Zürich nahmen drei VertreterInnen von je untypischen Kunstinstitutionen am Podium teil. Und drei hinsichtlich der Diversität in der Teilhabe vorbildliche Häuser. Alle drei gaben während des zweistündigen Gesprächs in verschiedenen Formulierungen an, über eine gewisse bis eine sehr weitreichende Narrenfreiheit zu verfügen. Das Helmhaus ist eine städtische Institution, der Eintritt ist gratis und das Abbilden von zeitgenössischen Tendenzen die Aufgabe. Das Fotomuseum bewirtschaftet das Medium der Zeit, das heute von Menschen aller Schichten, Geschlechter, Hintergründen genutzt wird. Das Haus für Kunst Uri steht in der Provinz und die Aufgabe, Gegenwartskunst per se von der Distanz einer Abgehobenheit in der Wahrnehmung des Publikums in eine grundsätzliche Neugier zu überführen, ist gemäss Barbara Zürcher die zentrale Herausforderung. Wer fehlte, sind die grossen Tanker, die einerseits die grössten Beträge der öffentlichen Förderung auf sich versammeln, sich am allerschwersten mit Kurskorrekturen tun und auch in unvergleichlich einengenderen (wirtschaftlichen) Abhängigkeiten stecken – und wo im Gegenzug eine Ausstellung noch immer das grösste Renommée bedeutet. 

Zum Glück befanden sich mit den beiden Künstlerinnen Elisabeth Eberle und Lynne Kouassi auch noch zwei Stimmen auf dem Podium, die mit ihren kritischen Einwänden die aufkommende Tendenz zur Einhelligkeit etwas zu stören vermochten. Denn der Tenor ging mit Nadine Wietlisbach: «Es ist eine an den Haaren herbeigezogene Ausrede. Wer behauptet, es gäbe keine/zu wenige Künstlerinnen, hat einfach nicht richtig gesucht und ist sich somit der eigenen Unzulänglichkeit als KuratorIn schlicht nicht bewusst.» 

 

Ausbildung, Förderung, Freiheiten

Elisabeth Eberle brachte den allgemeinen Zeitgeist ins Spiel: «Wer vor zehn Jahren von Feminismus sprach, galt als vorgestrig.» Und untermauert das aktuelle Interesse an Diversität im internationalen Kontext mit Beispielen. «Von London über Madrid bis Florenz sind die Museen derzeit daran, die Zuschreibungen der Werke in ihren Sammlungen zu überprüfen. In Florenz wurden unlängst 2000 Gemälde von Frauen ‹gefunden› und die Vatikanischen Museen haben mit Erstaunen festgestellt, dass sie über die umfangreichste Sammlung von Gemälden von Frauen in der Renaissance verfügen.» Sie sieht Nachholbedarf in der akademischen Kunstausbildung, in der zu ihrer Zeit nicht ein weibliches Vorbild Thema war und gibt zu bedenken, dass im hiesigen Ausstellungsbetrieb aktuell die Gruppe der an Jahren älteren bis alten Künstlerinnen vergessen zu werden drohen. Barbara Zürcher steuert mit konkreten Beispielen von auch pu­blikumswirksamen, wiederentdeckten älteren Künstlerinnen entgegen und erklärt das Pro­blem für erkannt.

Die aufstrebende, in der Selbstdefinition «halbschwarze» Künstlerin Lynne Kouassi brachte das Paradox des positiven Rassismus ins Spiel, zum Beispiel bei der Auswahl von Podiumsteilnehmenden, wie hier. Sie stört die oft erlebte Erwartungshaltung, dass ihre Kunst sich allein auf ihre Ethnie, Herkunft, Vita respektive ihr Geschlecht beziehen soll. Und sie gibt bezüglich der Zulassung zum Kunststudium eine tendenzielle Heterogenität zu bedenken. «Schön, kamen Veränderungen ins Rollen, aber es muss weitergehen. Ich kenne relativ viele KünstlerInnen, die gar keine Lust haben, sich innerhalb des institutionalisierten Rahmens zu bewegen. Nicht etwa, weil sie nicht die Mittel für das Studium hätten, sondern weil es für sie da einfach nichts zu finden gibt.»

 

Gremien, Courage

Elisabeth Eberle mahnte auch die Heterogenität der Zusammensetzung von Fördergremien und Jurys an, die quasi eine perspektivische Prädisposition darstellten, worauf sich Anke Hoffmann einschaltete und entschuldigend einfügte, ihr sei sehr wohl bewusst, dass dieses Podium wie auch ihre Projektgruppe einseitig aus mehrheitlich weissen Frauen zusammengesetzt ist, «was zeigt, dass auch in den Strukturen im Hintergrund ein Bedarf an mehr Diversität besteht».

Simon Maurer brachte den eigenen Mut zur Courage ins Spiel, spartenübergreifend. Angesichts der aktuellen Spielpläne/Betriebskonzepte der Theater Neumarkt und Gessnerallee in Zürich sagte er: «Ich beneide die Theater um ihre Risikofreudigkeit. Von der kann der Kunstbetrieb nur lernen.» Seine beiläufige Anmerkung – «Wer weiss schon, respektive wer bestimmt, was Qualität ist?» – war genauso neckisch wie auch ketzerisch und deutet in Richtung einer alten Bekannten: der Machtfrage. Um die es letztlich immer geht, wenn Emanzipation, Chancengleichheit und Teilhabe das Ziel sind. Anhand der Diskussion und der Vielzahl von zu bedenkenden Teilaspekten der Podiumsdiskussion ist eindeutig zu erkennen, dass je jünger (und urbaner geprägt?) die AkteurInnen sind, desto offensiver wird der Pro­blematik der Inklusion begegnet. Bis dahin, dass sie ein integraler Teil des eigenen Selbstverständnisses ist. Sie ist einfach in jeder Überlegung bewusst. Daraus folgt auch die automatische Berechtigung, Forderungen zu stellen und Veränderungen innerhalb der eigenen Möglichkeiten aktiv herbeizuführen. Zumindest im Fall der hier vertretenen Positionen scheint dies erreicht.

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