Ein Spiel, am eigenen Leib erfahren

Das interkulturelle Theater Maxim feiert diesen Herbst sein zehnjähriges Jubiläum mit dem Themenzyklus «Wanderungen». Letzte Woche fand die Première von «Die Fremde – ein Medeaprojekt» in der vollbesetzten Kanzleiturnhalle statt und begeisterte das Publikum.

 

von Hannes Lindenmeyer

 

«Wanderungen» passt gut zur Geschichte des Maxim Theaters. Unter dem Motto: «Wir schenken der Langstrasse ein Theater» wurde das Maxim mit Bezug auf seinen programmatischen Namen angekündigt. Es bestand die Absicht, das Theater im seit langem leerstehenden Kino Maxim an der Langstrasse zu etablieren. Die knappen Mittel des seitens des städtischen Kulturbudgets an sehr kurzer Leine gehaltenen Theaters zwangen aber die engagierten Promotorinnen um die Gründerin Claudia Flütsch und die langjährige Regisseurin Jasmin Hoch zum Wandern: Vom Abbruchhaus an der Feldstrasse über kurzfristige Provisorien bis zum Auswandern›in den Kreis 5, wo in einstigen Räumen der Theaterhochschule eine Bleibe gefunden wurde – wenigstens für die nächsten vier Jahre.

Bei der letzte Woche zur Premiere gebrachten Medea geht es um mehr als die eigene Theatergeschichte: Die Interpretation des Klassikers ist der Aufgabe des Maxim als interkulturelles Theater gewidmet. Wandernde Menschen treffen unausweichlich auf ihnen fremde Kulturen, was beidseitig – Ankommende wie Ansässige – herausfordert, emotionell auf der individuellen Ebene, kulturell und politisch auf der gesellschaftlichen Ebene. Das Maxim Theater, das im Laufe der Jahre Menschen aus 50 Nationen in verschiedensten künstlerischen Formaten zusammenbrachte, kann zum Thema der interkulturellen Herausforderung im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Vollen schöpfen: aus dem breiten Fundus seiner Mitwirkenden, ihren eigenen, persönlichen Wanderungserfahrungen. Das ist die Stärke des Maxim: Hier wird nicht einfach interkulturelles Theater gespielt, hier zeigen zugewanderte und ansässige Schauspielerinnen und Schauspieler, wie sie aufbrechen und ankommen, aufgenommen und abgelehnt werden, heimisch und fremd sein am eigenen Leib und in der direkten Begegnung mit Menschen unterschiedlicher Kulturen erleben.

Medea, die klassische Tragödie von Euripides, thematisiert viele elementare Kräfte des menschlichen Handelns: Liebe und Hass, Macht und Verrat, Eifersucht und Leidenschaft.  Mit der Titelgebung «Die Fremde» wird gleich klar gemacht, welcher Schwerpunkt in diesem vielseitigen mythologischen Stoff gesetzt wird. Die Theatergruppe unter Regie von Jasmin Hoch fokussiert ihr Kernthema in einer fulminanten, überraschenden Interpretation. Zur Story: Medea, die Königstochter von Kalchis, verliebt sich in den Abenteurer Jason, der mit seinen Argonauten- Kumpanen auf der Suche nach dem Goldenen Vlies die weite Reise übers Schwarze Meer ins ferne Kalchis gewagt hat. Sie hilft ihm, ihren eigenen Vater zu überlisten, um ans Vlies zu gelangen, und türmt dann mit ihm in seine Heimat, nach Griechenland. Hier angelangt, ist und bleibt sie: Die Fremde. Sie gebiert zwei mit Jason gezeugte Kinder und zieht sie in der neuen, fremdem Heimat auf. Nach zehnjähriger Ehe verliebt sich Jason in die jüngere Glaukis. Medea wird verstossen. Aus Verzweiflung und Wut über Jasons Untreue bringt Medea nicht nur ihre Nebenbuhlerin, sondern auch ihre eigenen Kinder um. Die Psychologie leitet aus dieser Tragödie den Begriff des «Medea-Komplexes» ab,  die rachebegründete Kindstötung.

 

Drei Erfahrungen des Fremdseins

Die Maxim-Aufführung startet mit Wucht: Der Chor füllt die Bühne und deklamiert in den vielen Sprachen dieses multikulturellen Chores Reden in unverständlicher, bedrohlicher Diktion. Vor ihm Medea, dargestellt gleichzeitig von drei Schauspielerinnen; sie lassen das Publikum das Fremdsein der angekommenen und nicht angenommenen Fremden aus unterschiedlichen Erfahrungen miterleben. Da ist die Brasilianerin Katja Franco Hofacker, die von ihren Schrecken und ihrem Unverständnis über eine typisch schweizerische Bergwanderung berichtet. In eindrücklichen Dialogen in wechselnden Rollen spielen die Kongolesin Carine Kapinga und die Schweizerin Susan Wohlgemuth die Auseinandersetzung zwischen hier geborenen Kindern mit ihrer zugewanderten Mutter oder mit der Mutter und Frau des zugewanderten Vaters. Das weder da noch dort Zugehörigsein, das Verzweifeln an der eigenen Identität – gewissermassen an der interkulturellen Konfrontation in der eigenen Persönlichkeit –, erschüttert. Das Lachen und Mitgehen, das diese immer wieder vom tragischen ins komische wechselnden Szenen aus dem multikulturellen jungen Publikum begleitet, lässt darauf schliessen, dass diese Konfrontationen breitgestreuten Erfahrungen entsprechen.

Am Schluss wechselt die Medea-Story von Euripides zur älteren Fassung von Homer. Demnach hat nicht Medea ihre Kinder umgebracht, nein, die Korinther brachten sie um und bezichtigten Medea des Kindsmords. In der Maxim-Inszenierung vernimmt Medea  die Tötung ihres Sohnes an einer Demonstration. Damit wird die von Christa Wolf in ihrem Medea-Roman angeklagte patriarchale Umdeutung des Homerischen Mythos’ aufgegriffen und der vielschichtige Stoff noch für eine weitere Dimension geöffnet.

Das Spiel der drei Frauen, der kräftige Chor, die Dramatik der verschiedenen Szenen sind packend und begeisterten das Premièrenpublikum. Für literarisch und mythologisch nicht vorbereitete BesucherInnen wäre ein kurzer Abriss der Medea-Story zum Verständnis der Szenenabfolge hilfreich.

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