«Ein guter Friedensrichter wird man erst mit der Zeit»

Aufgezeichnet von Nicole Soland

 

Seine Zeit als Friedensrichter für die Kreise 6 und 10 geht bald zu Ende – wann genau, weiss er aber nicht. Das bringt einen wie «de Röbi», wie ihn (fast) alle nennen, jedoch keineswegs aus dem Konzept: Ob ein paar Monate früher oder später, Robert Schönbächler (CVP) freut sich auf die Pensionierung. Im ersten Moment fällt es einem schwer, das zu glauben: Einer, der stets aktiv und gern unter Leuten war, zieht einfach eines Tages die Bürotüre hinter sich zu, und das wars? «Doch doch», sagt er schmunzelnd. «Damit habe ich kein Problem.» Als er nach 18 Jahren im Gemeinderat, den er 2009/2010 präsidierte, dem Rathaus den Rücken kehrte, habe er auch gut loslassen können. «Irgendwann ist der Zeitpunkt gekommen, um aufzuhören und etwas Neues anzufangen».

 

«Für mich war es ein Glück, dass ich mit dieser Arbeit meine Erfüllung fand. Das konnte ich zu Beginn ja nicht wissen», sagt Röbi Schönbächler rückblickend. Seit 1803 wird der Friedensrichter vom Volk gewählt, im Jahr 1994 fiel die Wahl auf ihn. Dass er überhaupt kandidierte, geht auf ein Gespräch im Gemeinderat zurück, dem er als Vertreter des Kreises 5 angehörte; das Friedensrichteramt im Westen der Stadt umfasste damals noch die Kreise 5 und 10. Sein Sitznachbar Xaver Bühler, Friedensrichter im Kreis 2, befand, «Röbi, du wärst ein guter Friedensrichter». Das war vor den Sommerferien 1993, und Bühler gab ihm als Ferienlektüre das «Handbuch für die Friedensrichter im Kanton Zürich» mit. Schönbächler las es und fand, es würde ihn interessieren. Weil er keine Ahnung hatte, ob das Friedensrichteramt überhaupt eine 100-Prozent-Stelle war, sagte er seinem CVP-Sitznachbarn nach den Ferien, er müsste aber schon so viel verdienen wie bei den SBB. Dort arbeitete der gelernte Bahnhofsvorstand damals im Reisedienst – er organisierte und begleitete als Reiseleiter zahlreiche Geschäftsreisen und sorgte dafür, dass Grossfirmen, Vereine oder Musik- und Sportevents von Radio 24 pünktlich von A nach B kamen. «Ich musste ja für meine Familie sorgen, unsere drei Kinder gingen noch zur Schule», nimmt Röbi den Faden wieder auf. Im Wahlkampf habe es ihm dann geholfen, dass man ihn in «seinem Kreis 5» und im benachbarten Wipkingen gut kannte. Oft seien einfache Leute zu ihm gekommen, wenn sie Hilfe brauchten, etwa wenn ein Brief an ein Amt zu schreiben war. Selbstverständlich sei seine Wahl aber keineswegs gewesen – immerhin hatten all seine Vorgänger seit der Eingemeindung von Höngg anno 1934 der SP angehört. Doch im September 1994 trat mit Röbi der erste CVPler das damalige Friedensrichteramt 5 und 10 an, und in den 23 Jahren seither wurde er vier Mal wiedergewählt.

 

Bei den SBB war er wegen seiner speziellen Aufgabe ein «Einzelkämpfer», und gleichzeitig konnte er stets gut mit Menschen umgehen; beides habe sich als gute Voraussetzung für den Job als Friedensrichter erwiesen. Denn als solcher sei er, abgesehen von seinem Sekretariat, in seinem Job allein und müsse die Entscheidungen alleine treffen: «Das muss einer aushalten.» Verantwortung zu tragen, gehört ebenso dazu – aber davon lässt sich einer, der schon in jungen Jahren allein am Stellwerk stand, natürlich nicht abschrecken. Die rote Kelle hob Röbi erst einige Jahre später, als seine Partei ihn für den Stadtrat aufstellen wollte: «Mir hat mein Job als Friedensrichter viel zu gut gefallen, ich wollte ihn nicht aufgeben.» Seit seiner Lehre als Stationsbeamter SBB, die er 1968 begann, sei er immer gern arbeiten gegangen, und das sei auch heute noch so. Früher «tschuttete» er viel; wenn aber einer in der Garderobe darüber gestöhnt habe, dass es bald wieder Montag sei und man «in den Stollen» müsse, habe er das nie verstanden.

 

Der erste Wahlgang der Ersatzwahl zum Friedensrichter für die Kreise 6 und 10 findet am 26. November statt, ein allfälliger zweiter Wahlgang am 4. März 2018. Zudem darf der abtretende Friedensrichter seine Nachfolgerin auch noch während ein, zwei Monaten einarbeiten, so sie das wünscht. Röbi weiss deshalb nur eins sicher: «Ich werde bis zum Schluss gerne arbeiten.» Die psychische Belastung sei in diesem Amt, das man unter Schweigeplicht und Amtsgeheiminis ausübe, zwar hoch, «doch es ist auch ein Privileg, so selbstständig arbeiten zu können.» In zahlreichen Fällen könne man tatsächlich helfen – «wenn die Parteien es zulassen». Humor brauche es ebenso wie die nötige Distanz, denn die Einblicke in fremde Schicksale und Lebenswelten seien nicht immer einfach zu ertragen.

 

Ein guter Friedensrichter werde man erst mit der Zeit, ist Röbi überzeugt. Früher sei es nur in Ausnahmefällen gestattet gewesen, jemanden zum Friedensrichter zu begleiten, «heute kommen viele mit einem Anwalt, oder auch gleich mit dreien…». Es gehe auch sonst «rechtlicher» zu als früher. Doch «wenn sich ein Streit beim Friedensrichter beilegen lässt, dann ist er endgültig aus der Welt geschafft. Das ist ein gutes Gefühl». Die Erfolgsquote im 2016 war mit 77 Prozent sehr hoch. Dafür sei es mit dem Anstand heute schwieriger, «die Leute zücken mitten in der Verhandlung ohne zu fragen das Handy oder schliessen ihren Laptop an der nächstbesten Steckdose an». Einer sei mal statt wie erwartet mit einer Pistole, mit fünf langen Messern aufgetaucht, und eine Frau habe ihren Bodyguard dabeigehabt. Gedroht wurde ihm auch ab und zu, er hatte tote Fische in der Post – «und einer fälschte gar meine Unterschrift, um meinen Rücktritt aus dem Gemeinderat einzureichen». Der Stadtschreiber sei «perplex» gewesen, erinnert sich Röbi und lacht. Anderseits erstaunt es angesichts der 16 715 Verhandlungen, die er bis Ende 2016 leitete, auch nicht, dass so allerhand zusammenkommt…

 

Dass damit nun Schluss ist, darüber macht sich Röbi keine Gedanken. Gut fühlen werde er sich auch in Zukunft, beim Sport treiben, beim Fotografieren und Schreiben, beim Reisen und zusammen mit der Familie, mit den Enkelkindern, wenn es die einst gibt: «Es wird nicht mehr so strukturiert zu- und hergehen wie jetzt, aber ich freue mich auf die neue Zeit.»

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