(Bild: Sergio Scagliola)

Ein Care-Streik als Chance

Sie zieren insbesondere im Kreis 4 und 5 die grauen Pfeiler der Strassenlichter: Plakate und Aufkleber in Signalfarben, die zum Care-Streik 2027 aufrufen. Es handelt sich um eine Kampagne der feministischen Streikkollektive, angestossen von jenem aus Zürich. Was dahinter steckt, ist relativ offensichtlich. Die interessantere Frage ist, ob ein branchenübergreifender Streik in Care-Berufen zustandekommen könnte.

Angekündigt wurde der feministische Care-Streik 2027 bereits letztes Jahr am 14. Juni. Es ist ein grosses Projekt, weshalb die zweijährige Vorlaufzeit auch nur logisch ist. Immerhin ist die Zahl jener, die mobilisiert werden sollten oder könnten, eine riesige. Wenn die Care-Arbeit niedergelegt wird, steht tatsächlich fast alles still. Die Schwierigkeit der Durchführung eines Care-Streiks ist allerdings genau das. Care-Arbeit, bezahlt und unbezahlt, wird an derart vielen Orten geleistet, dass die Mobilisierung dieser Arbeiter:innen mehr als nur Aktivismus erfordert.

Heisst: Es geht um die Mobilisierung der 49 Prozent aller Grossmütter in der Schweiz, die ihre Enkelkinder mindestens einmal pro Woche betreuen, um die Mobilisierung der akut burnoutgefährdeten Pflegefachpersonen, um die gewerkschaftliche Organisation in den Schulen, in der sozialen Arbeit etc. Es geht um jene Menschen in der Schweiz, die laut einer Erhebung des Bundesamts für Statistik (Zeitvolumen für unbezahlte Arbeit) jährlich 10 000 Millionen Stunden unbezahlter Care-Arbeit leisten. Und es geht um jene, die diese Arbeit bezahlt, aber unter schlechten Arbeitsbedingungen verrichten, immer wieder Verbesserung von der Politik fordern, aber lediglich mit Lippenbekenntnissen entlöhnt werden: bestenfalls mit Respekt und Wertschätzung, aber kaum mit materiellen Verbesserungen.

Der Care-Streik 2027 kommt nicht aus der parlamentarischen Politik. Er ist eine aktivistische Kampagne, der von den feministischen Streikkollektiven nun an die Gewerkschaften herangetragen werden muss. Den Grundstein für die Kampagnenarbeit haben die Streikkollektive im Verlauf des vergangenen Jahres gelegt. Und seit April sind auch die Gewerkschaften involviert – am 2. April fand die nationale Assise zum feministischen Care-Streik 2027 statt. Das bringt nun erstmals Bewegung in die Kampagne: «Wir sind viele. Und wir ziehen gemeinsam an einem Strick», hiess es beim Vernetzungstreffen. Diese Feststellung machen auch die Gewerkschaften: «Die Assise selbst hat eindrücklich gezeigt, wie breit die Unterstützung für diesen Streik ist, weit über klassische Gewerkschaftskreise hinaus. Die Nähe zu feministischen Bewegungen und Streikkollektiven ist explizit eines unserer Ziele – nicht als Vereinnahmung, sondern als echte Zusammenarbeit auf Augenhöhe», so Vanessa Salamanca vom VPOD. Ähnlich klingt es bei der Unia: «Die Assise war beeindruckend: Eine engagierte Mischung aus jüngeren und älteren Aktivistinnen und Gewerkschafterinnen tauschte sich zum feministischen Streik und zum Care-Streik aus», so Natalie Imboden von der Unia.

Bei beiden Gewerkschaften zeigt sich nun, dass sie mit den Vorbereitungsarbeiten begonnen haben. Der VPOD hat mehrere Workshops zum Thema veranstaltet und die Unia plant einen nationalen Kick-Off am 9. Mai, «Wut – Hoffnung – Care-Streik», mit Fokus auf der Frage, «mit welchen Protestformen sich die Pflegenden in ihrem Betrieb und in der Branche am Streik beteiligen können», so Natalie Imboden. Auch bei der Syna will man insbesondere im Pflegebereich für Verbesserungen in die Offensive gehen.

Keine einfache Aufgabe

Ein Problem bleibt allerdings. Gewerkschaftliches Organisieren in Care-Berufen ist keine einfache Aufgabe. Das liegt einerseits daran, dass es für die Gewerkschaften schwierig ist, in den Betrieben sichtbar zu sein. Andererseits gestaltet sich auch arbeitskämpferische Vernetzung in der Belegschaft als schwierig, wenn alle ohnehin schon überbelastet sind.

Eine Aktivistin des Kollektivs Kritische Lehrpersonen (KRILP), die auch Mitglied der Bildungsgruppe im VPOD ist, weist in einem Gespräch während der Recherche spezifisch darauf hin, wie schwierig es ist, solche Themen am Arbeitsplatz einzubringen. Wer sich beschwert, exponiert sich – was gerade für junge Aktivist:innen, die relativ neu auf ihrem Beruf arbeiten, ein Risiko sei. Auch die Position als junge, politisch engagierte Person in alteingesessenen Teams, die die prekären Arbeitsbedingungen seit jeher hinnehmen müssen, sei keine einfache. Das ist auch der Grund, weshalb der Ball gezwungenermassen bei den Gewerkschaften liegt. Positiv ist, dass man sich dort dieser Rolle bewusst ist. So etwa Vanessa Salamanca vom VPOD: «Es geht uns insbesondere um den geduldigen und gezielten Aufbau von Strukturen direkt in den Betrieben. Beschäftigte in Gesundheit, Sozialbereich, Kitas und Bildung sollen befähigt werden, ihre Interessen gemeinsam zu vertreten – im Betrieb, in der Branche und schliesslich auf der Strasse. Gewerkschaftliche Stärke entsteht nicht von heute auf morgen, sondern durch kontinuierliche Beziehungsarbeit und den Aufbau von gegenseitigem Vertrauen.»

Und was ist mit den Parteien? Dass die Streikkollektive für die Kampagne nicht bei der parlamentarischen Politik anklopfen, ist kein Zufall, sondern scheint ein bewusster Entscheid zu sein. Und es ist eine Tendenz. Dass ähnlich wie bei vergangenen Wohndemos in Zürich Parteien nicht in die Lancierung der Kampagne eingebunden werden, ist eine Konsequenz ihrer eigenen Politik und nicht eine Vereinnahmung durch ausserparlamentarische Gruppen, die nicht viel von SP und Grünen halten. Es ist ein Auftrag, mehr zu machen. Und vielleicht auch einer, die Wege zum Ziel zu überdenken. Die Türen, an der Kampagne zu partizipieren, dürften offenstehen, sie verlangen aber auch offene Ohren und Kompromissbereitschaft der politischen Parteien – und der Gewerkschaften.

Ein Care-Streik 2027 wäre ein historisches Ereignis. Die Zeit für politischen Widerstand, der mehr als einfach Aufregung über erwartbare politische Niederlagen in einem bürgerlich-dominierten Land ist, scheint eigentlich reif zu sein. Und die Aktivist:innen haben den Grundstein dafür gelegt.

(P.) S. O. S. !

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