Ehrerbietung

 

Der Film über die imaginären letzten 24 Stunden von Pier Paolo Pasolini, dessen Ermordung sich am 2. November zum vierzigsten Mal jährt, den Abel Ferrara schlicht «Pasolini» nennt und mit Willem Dafoe kongenial besetzt, ist nichts weniger als eine aufrichtige, tiefe Verbeugung, eine filmische Ehrerbietung an den grossen Stachel im Fleisch des postfaschistisch-feudalen Italien. Der unermüdliche Kritiker, Moralist, Kämpfer gegen die Deutungshoheit des baren Konsums, Angreifer gegen die Heuchelei der dominierenden römisch-katholischen Kirche, schwuler Antifaschist, Ankläger gegen den gezielt gewollt in Armut und Bildungsferne gehaltenen Grossteil der Bevölkerung, intellektueller Warner mit Chuzpe und unerschrockener Idealist. Dass einer solch Mensch gewordenen Grösse im Film kaum mit Handlung und Worten, sondern vielmehr mit einer intuitiv feinstofflichen Komposition aus Stimmung, Licht, Musik eine posthume Ehre erbracht werden kann, die einen trotz des gemächlichen Tempos, der vorherrschenden Düsterheit und der Uneinsichtigkeit Pasolinis gegenüber den aus Angst geäusserten Ratschlägen der Mässigung in seinen Anklagen seiner direkten Umgebung in ein leicht schwermütig-melancholisches und zugleich kämpferisch-ermutigendes Gefühl versetzt, führt Abel Ferrara mit den Mitteln barer filmischer Poesie vor. Seelenruhig und beharrlich, sich des Risikos über alle Massen bewusst, führt Dafoe als Filmpasolini sein Werk weiter, plant nach Salò den nächsten Film, beantwortet Korrespondenz, beruhigt Schauspielerfreunde, debattiert konzentriert und pointiert am mütterlichen Esstisch, um sich dann mit Pino, dem jungen Sexworker zu treffen und an den Strand zu fahren, wo er (hier) totgeprügelt wird. Eine Ehrerbietung an den Mut des erhobenen Hauptes, an einen Überzeugungstäter, der sich nicht verbiegen liess, kostete es, was es wolle, der gerade wegen drohender Gefahr, Schmähbriefen und -anrufen erst recht angespornt war, weiterzumachen und in der Tiefe und Trefflichkeit der Kritik noch eins draufzusetzen. Aber im Umkehrschluss auch eine trotzige Beweisführung, dass ein solches Erbe bleibt und Bewunderer in nachgeborenen Generationen hervorbringt, ganz entgegen derer, die qua feiger Gewaltanwendung die Auseinandersetzung fliehen. froh.

«Pasolini» spielt im Kino Xenix.

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