Egg-Benes ersetzt Maria Musterfrau

Generische Namen weichen echten Pionierinnen: Die Stadt Zürich hat zum zweiten Mal austauschbare Strassennamen durch Würdigungen für bedeutende Frauen ersetzt, um die Sichtbarkeit von Frauen im öffentlichen Raum zu erhöhen.
Stadtpräsidentin Corine Mauch (mit Frauenstreik-violettem Schal) und Mirjam Gasser, Leiterin der Fachstelle für Gleichstellung, weihen die neuen Hinweistafeln am Idaplatz ein. (Bild: Tim Haag)
Generische Namen weichen echten Pionierinnen: Die Stadt Zürich hat zum zweiten Mal austauschbare Strassennamen durch Würdigungen für bedeutende Frauen ersetzt, um die Sichtbarkeit von Frauen im öffentlichen Raum zu erhöhen.

In Wiedikon (benannt nach dem Alemannen Wiedo, der sich dort um das Jahr 500 mit seiner Sippe niedergelassen hatte) tragen zwischen Bullingerhof (benannt nach dem Reformator Heinrich Bullinger), Fritschiwiese (benannt nach dem Aussersihler Stadtrat Benjamin Fritschi) und Wiesendangerstrasse (benannt, natürlich, nach dem Sekundarlehrer und Erziehungsrat Ulrich Wiesendanger) überraschenderweise auch einige Quartierstrassen und -plätze weibliche Namen: Agnes, Ida, Erna, Luise. Sie erinnern – im Gegensatz zu den vorhin genannten männlichen Beispielen – aber nicht an wichtige Frauen der Stadtzürcher Geschichte, sondern es handelt sich um allgemeine Frauennamen als praktisches Mittel, um die um 1900 neu gebauten Wohnstrassen systematisch zu benennen. 

Dabei gäbe es eigentlich genügend echte Idas und Ernas, die für ihre Verdienste an der Stadt eine Würdigung verdient haben. Das findet auch die Stadt Zürich, weshalb sie nach 2020 (acht Strassen) am Mittwoch sieben weitere Strassen nachträglich wichtigen Zürcherinnen widmet: Sterneköchin Agnes Amberg (1936-1991), Journalistin und Frauenrechtlerin  Elisabeth Thommen (1888-1960), Malerin und Illustratorin Erna Yoshida Blenk (1913-1996), Äbtissin Hildegard, die erste Äbtissin des Fraumünsters (um 828-856), Ida Schneider, Mitbegründerin der Schweizerischen Pflegerinnenschule (1869-1968), Kunsthandwerkerin Luise Meyer-Strasser (1894-1974) und Maria Egg-Benes, die erste Leiterin der Heilpädagogischen Schule Zürich (1910-2005) ersetzen ihre generischen Namensbasen. Die Strassen heissen weiter gleich, neu sind aber an den Tafeln Kurzbiografien angebracht sowie ein QR-Code, der zu einem Videoportrait über die jeweilige Frau führt. Mit dem Projekt sollen nicht nur die einzelnen Frauen gewürdigt werden, sondern die Sichtbarkeit von Frauen im öffentlichen Raum allgemein vergrössert werden – besonders im Hinblick auf den feministischen Streik am 14. Juni (ab 15 Uhr auf dem Bürkliplatz, Demo ab 17:30 Uhr).

Wer sich nun fragt, ob es eine klaffende Allgemeinbildungslücke sei, einen Grossteil der Geehrten nicht zu kennen, der/die sei beruhigt: «Es ist nicht einfach, historische Frauen mit den entsprechenden Vornamen zu finden, die einen Bezug zu Zürich aufweisen und auch einen Verdienst  für die Stadt geleistet haben», sagt Mirjam Gasser, Leiterin der städtischen Fachstelle für Gleichstellung, bei der Einweihung der Hinweistafeln am Mittwoch. Das liege, wie Stadtpräsidentin Corine Mauch beteuert, aber nicht etwa daran, dass es nur wenige Frauen gebe, die etwas für die Stadt bewirkt haben: «Es zeigt sich, dass die Leistungen von Frauen im Vergleich zu den Leistungen von Männern öfters in Vergessenheit geraten sind.» Als Beispiel sei Äbtissin Hildegard genannt: Über sie sind trotz ihres prominenten Amtes keine zeitgenössischen Dokumente oder Bilder überliefert. 

Schleppend in Richtung Gleichstellung

Die sieben neuen Widmungen heben den Anteil an Zürcher Strassen, die nach Frauen benannt sind, von 13 auf 16 Prozent – noch keine stolze Zahl, aber ein Fortschritt. Das Ziel müsse letztlich sein, dass diese Zahl ausgeglichen ist, findet Corine Mauch, aber: «Diese Entwicklung vollzieht sich schrittweise, vergleichbar mit anderen Gleichstellungsmassnahmen.» Hinderlich an der genannten Entwicklung ist, dass heutzutage wenn, dann in den Aussenquartieren neue Strassen gebaut werden. «Wenn möglich versuchen wir bei der Neubenennung von Strassen Frauen zu bevorzugen, nur ist die Liste der Namensvorschläge leider sehr viel länger als die Anzahl Strassennamen, die frei sind», sagt Renata Schild von der Strassenbenennungskommission. Und irgendeine neugebaute Quartierstrasse am Rand von Albisrieden nach einer für Zürich wichtigen Frau zu benennen, das schiesse am Ziel solcher Würdigungen vorbei. 

Und was ist mit den Frauen, die für ihre Verdienste an der Stadt eine Strasse in der Innenstadt verdient hätten, aber den falschen Vornamen tragen? Eine Lösung wäre, bestehende Strassennamen umzubenennen, so wie in Genf, wo das Projekt «100Elles*» die Neutaufe von 10 Strassen erreichte. Strassen mit generischen Männernamen von Otto bis Josef, die man umbenennen könnte, gäbe es zur Genüge – trotzdem erscheint es als höchst unwahrscheinlich, dass ein solches Vorhaben auch in Zürich umgesetzt wird: «Die Umbenennung einer Strasse zieht einen viel zu langen Rattenschwanz mit sich», sagt Renata Schild. «Der Aufwand ist unverhältnismässig und der Orientierung nicht hilfreich.»

25 Jahre sind nicht genug …

P.S. feiert eigentlich seinen 25. Geburtstag. Aber es könnte der letzte sein. Wir brauchen Ihre Hilfe.