Dringlichkeit und Fragezeichen

Die vier besuchten «Short Pieces» am Theater Spektakel, was der Hälfte der programmierten entspricht, waren alle darstellerische Ereignisse. Inhaltlich indes waren nur zwei nahbar, während die anderen beiden einen tendenziell ratlos zurückliessen.

 

Die kontroverseste Arbeit stammt von der in Frankreich lebenden Iranerin Sorour Darabi, und der Titel «Farci.e» meint sehr viel mehr den Küchenbegriff durch den Fleischwolf gedrehte Füllung, als dass er eine Anspielung auf die iranische Landessprache ist. Angekündigt wird in der Programmzeitung eine Genderdebatte, die sich beim Zuschauen aber beim besten Willen nicht erkennen lässt. Klar, mit angeklebtem Gesichtshaar à la DragKings und ausgestopfter Unterhose bei gleichzeitig durch die Bluse sichtbarem Busen ist eine Genderirritation augenscheinlich. Die Performance aber besteht hauptsächlich darin, eine spastisch herausgeforderte Person zu spielen, die unter gleissenden Scheinwerfern einen Stapel Papier benetzt bis zuletzt durchnässt und zuletzt, wenngleich folgerichtig, dann doch absehbar, als Füllung der Performenden endet. Der Ankündigung gemäss ist die Sprache Farsi geschlechtslos, während im Französichen alles ganz klar weiblich oder männlich ist – Graubereiche dazwischen sind inexistent. Dies mittels ihres Äussern zu thematisieren, ist ihr augenscheinlich geglückt, wobei die Frage, was eine dazu gesellte künstliche Darstellung einer körperlichen Behinderung für einen Symbolgehalt darstellen soll, sich keineswegs schlüssig selbst erklärt. Geschweige denn, dass die Genderthematik ausser den äusserlichen Merkmalen während der quälend langsam gespielten Performance inhaltlich erkennbar würde oder gar eine Dringlichkeit erführe.

Einen vergleichbaren Zwiespalt zwischen Beschreibung und sichtbarer Darstellung stellt der ebenfalls in Frankreich lebende Brasilianer Volmir Cordeiro mit «Céu/Ciel» her. Der Programmzeitung nach will er von der Öffentlichkeit, also auch der Bühne, verbannte Randexistenzen mitten auf die Bühne und damit ins Licht stellen. Die gute halbe Stunde Tanz erinnert aber am ehesten an einen Vulkanausbruch, bei dem ein unterdrückter, aber starker Drang zum Exhibitionismus und das damit einhergehende Einfordern von Aufmerksamkeit in einer übersteigerten Haspligkeit in Bewegung wie Mimik wie Gestik mit voller Wucht an die Oberfläche drängt. Ein ADHS-Betroffener auf der Kippe zum ungebremsten manischen Wahn.
Neckisch und politisch

Die neckischste Frage stammt von der Iranerin Bahar Katuzi, die sich in «Special Relativity» an die Hoffnung der theoretischen Physik – ihrem Studienfach – klammert, während sie sich unsterblich in ihren jungen Professor verliebt. Dabei deckt sie wissenschaftlich, also empirisch auf, dass die dem Verliebtsein gemeinhin zugeordnete chemische Reaktion selbst für dröge NaturwissenschaftlerInnen keine ausreichende Erklärung dafür ist, was an emotional schwer Verstehbarem, aber durchaus real Spürbarem in einem selbst abgeht. Bahar Katuzi verwickelt die beiden einander zuwiderlaufenden Naturgesetze Ratio und Emotio in einen unentscheidbaren Zweikampf. Ihr eigenes Verhalten – also das der dargestellten sehr jungen Frauenfigur – ist ebensowenig zielführend wie für das Gegenüber eindeutig lesbar, wie sie mangels Erfahrungswerten dazu befähigt wäre, das (Nicht-)Handeln ihres Schwarms zu deuten. Zuletzt bleibt ihr nur ihr Wissen in ihrem Fachgebiet Physik, um die Aneinanderreihung von Fehlentscheidungen und die daraus erwachsenden Herzschmerzen in eine hoffnungsähnliche Selbstüberlistung zu überführen: Gelten die Gesetze der theoretischen Physik auch im realen Leben einer Studierenden, wird sich ihr irgendwann und irgendwo eine Chance für einen zweiten Anlauf auftun.

Hochaktuell und politisch, dem wortreichen Lavieren von Befürwortenden wie GegnerInnen indes in keinster Weise zuträglich, thematisieren die Palästinenserinnen Farah Saleh und Salma Ataya in «La même» die Gretchenfrage Vollverschleierung. In drei – ausser in entscheidenden Details – deckungsgleichen Choreographien verschwinden die Frauen mit jedem Mal noch ein bisschen mehr hinter schwarzem Stoff, bis sie beim vierten (nur noch angedeuteten) Loop noch nicht einmal mehr einen Blick auf die Augen ermöglichen. Sie bringen die Perspektive der um kindliche Unversehrtheit bedachten Mutter mit jener des Wunsches, schneller erwachsen zu werden und dazuzugehören des Kindes miteinander in Korrelation und verändern darüber hinaus in jeder Wiederholung minimalste Details: Mal ist es ein gebetshaftes Händefalten à la Mutter Gottes, mal ein schamvolles Verhüllen des Gesichtes mit den Händen. Dabei tanzen sie zu Punkrock ebenso wie zu Bizets Carmen mit demselben Ausdruck von Stolz und Freiheit, gerade so, als liessen sie sich von dieser in Mitteleuropa gerade hochkochenden Debatte ihre Freiheit, Frau zu sein, unter keinen Umständen nehmen. Zwei Stoffhaufen auf der Bühne bieten zwei verschiedene Angebote von Sichtweisen: Bunt oder Schwarz(weiss). Die Quittung der Frauen ist ein an die Rückwand gespraytes Lächeln…

 

«La même», «Céu/Ciel», 26.8., «Special Relativity», «Farci.e», 27.8., Theater Spektakel, Zürich.

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