Drei Spielarten mit Fotografie

 

Eine Reisereportage mit dem Selbstverständnis von Bildender Kunst, eine Thesenbildung anhand einer Sammlung aus historischen Fundstücken und das Einzelwerk eines mechanisch experimentierenden Fotografen greifen derzeit in den Ausstellungen von Fotostiftung Schweiz und Fotomuseum Winterthur über die Einzelpräsentation hinaus ineinander.

 

Kaum je war die Ausstellungsarchitektur, was die sorgsam kuratierte Hängung mitmeint, von derart deutlicher Wichtigkeit wie in den derzeit drei gezeigten Ausstellungen im Zentrum für Fotografie in Winterthur. Gleichzeitig ergeben sie drei mögliche Antworten auf die seit der Digitalisierung der Fotografie latent gewordene Frage, was diese (noch) ausmache und wie diese (noch) ausgestellt werden könne.

 

Assoziativ und intuitiv

Vier Monate lang reiste das Künstlerduo Taiyo Onorato und Nico Krebs für «Euroasia» mit analogen Foto- und Filmaufnahmegeräten von Zürich aus über ehemalige Sowjetrepubliken in die Mongolei. Die Hängung im Fotomuseum verzichtet auf jegliche Erklärungen oder Einordnungen, von einer klassischen Reportagedramaturgie ganz zu schweigen, sondern stellt ikonografisch wirkende Einzelwerke in einen intuitiv fassbaren Dialog zueinander. Archaische Rituale und Zeugnisse von technischer Unterlegenheit gegen Naturgewalten interagieren mit der Machtdemonstration durch Monumentalbauten im Irgendwo.

Die Heileweltsehnsucht wird damit genausowenig bedient wie eine Exotismuslust. Erklärt, im didaktischen Sinne, wird nichts. Stattdessen setzt «Eurasia» voll auf die Bereitschaft eines Publikums, sich auf den Spuren der beiden Künstler selbstständig nochmals auf die Reise zu begeben und sich anhand der grossen anzutreffenden Widersprüche von Blingbling-Fassaden und Betonjurte, FedEx-Flugzeug und Stalin-Huldigungsstätte ein eigenes und verblüffendes Reiseerlebnis an Ort zu gönnen.

 

Finden und kombinieren

Der Fotografiehistoriker und -theoretiker Michel Frizot hat über Jahrzehnte eine Fotografiesammlung aufgebaut, indem er sich die interessantesten Einzelstücke von Flohmärkten und ähnlichem aneignete. Anhand der klassischen Archiv-Aufbereitungsarbeit von formaler, inhaltlicher Ordnung, Verschlagwortung und Vergleichbarkeit hat er für «Enigma» zehn Thesen inklusive Beweisführung erarbeitet, die der landläufigen Meinung entgegentreten, Fotografie wäre per se selbsterklärend und die ganze Wahrheit abbildend. Aber auch die verschiedene Perspektive wiewohl Intention von Fotografierenden nimmt er gleichsam auf. Beim Durchgang ist zuallererst die ausserordentliche Fülle von Preziosen seit den Anfängen der Fotografie bis quasi heute verblüffend. Aber auch hier macht die kluge Auswahl und Gegenüberstellung von Einzelabzügen einen über die bare Freude am Einzelschatz hinausgehenden Reiz aus, weil wiederum eine sehr viel umfassendere Geschichte erzählt wird, die abzuschliessen den Kunstbetrachtenden obliegt. Neben der fotografietechnischen Reise durch Jahrzehnte ermöglicht diese Schau ebenso die konzertrierte Betrachtung des wirtschaftlichen, technischen und gesellschaftlichen Wandels, Umbruchs und Fortschritts.

 

Perspektive und Aufnahme

Die dritte Verspieltheit ist die ‹klassischste›. Rudolf Lichtsteiner (*1938 in Winterthur) experimentiert seit nunmehr fünfzig Jahren mechanisch mit dem Mittel der fotografischen Aufnahme. Ob im Labor oder im Studio entstehende, surreal anmutende Collagen, der konzeptionellen und mit Buchstaben angereicherten Irritation oder jener der Perspektive, auch die Aufnahmemittel und -techniken sind von einer grossen Vielfalt und zeugen von einem konstanten Suchen, Experimentieren und Grenzen ausloten. Gemäss eigenen Angaben – im Filmportrait zusammen mit Jean-Pierre Garnier – gibt Rudolf Lichtsteiner zu Protokoll, bis zu seinem 30. Lebensjahr physisch viel gereist zu sein und seither seine Reisetätigkeit ins Innere des eigenen Kopfes verlegt zu haben. Was die beständige Suche nach Erweiterung der Möglichkeiten in Form wie Inhalt wie Herstellung nachgerade als einzig logische Konsequenz wirken lässt. Dabei scheint ihn der jeweils dominierende Zeitgeist zuletzt in seiner Arbeit beeinflusst zu haben, viel eher erschuf er über die Jahre ein eigenständiges Universum.

Über die Faszination für jede der drei unabhängig voneinander stehenden Ausstellungen ermöglicht ihre Gleichzeitigkeit eine nochmalige Steigerung der intellektuellen Anregung hinsichtlich der gesamten Komplexität der Fragestellungen um die Fotografie. Das Totsagen einer Kunst und die Behauptung einer Nichtmehrausstellbarkeit werden hier mit grosser Raffinesse und in der Kombination von allen dreien ebenso lustvoll nicht nur entkräftet, sondern regelrecht in ihr Gegenteil verkehrt und lässt einen dabei glücklicherweise statt mit dem Gefühl einer Lehrstunde ausreichend inspiriert zurück. Diese Anregung geht zuletzt weit über Fragen der Fotografie als solcher hinaus.

 

«Rudolf Lichtsteiner – Zum Stand der Dinge», Fotostiftung Schweiz, Winterthur; Tayio Onorato & Nico Krebs «Eurasia» und «Enigma – Jede Fotografie hat ein Geheimnis», Fotomuseum, Winterthur. Alle Ausstellungen bis 14. Februar. www.zentrumfuerfotografie.ch

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