Diskurs in der Enge

Recht haben ist nicht immer lustig. Es kommt leider, wie ich gesagt habe, die Debatte über die Begrenzungsinitiative nimmt den erwarteten unerwünschten, falschen Verlauf. Wir reden tatsächlich und allen Ernstes über ökologische Überbelastung aufgrund der Zuwanderung, das Wort «Dichtestress» ist salonfähig geworden, und dass unsere S-Bahnen überfüllt seien, wird unwidersprochen hingenommen, auch wenn die Auslastung über alles nur etwa bei 35 Prozent liegt. Und an all dem sei die Zuwanderung schuld, auch das wird kaum dementiert, es wird einzig erwähnt, sie sei halt leidergottes nötig für unsere Wirtschaft und die Altersvorsorge.

Schwach. Und falsch.

Die WoZ rettet ein bisschen die mickrige Ehre einer innerlinken, aber auch liberalen Debatte, indem sie darauf hinweist, dass die Zuwanderung und das (Bevölkerungs)Wachstum klar benennbare ökonomische Treiber hat: allen voran die Fremdinvestitionen in der Schweiz, aber generell der Kapitalzuwachs, der in den letzten Jahren rasant anstieg und den auch Corona kaum stoppen wird. Die ebenfalls massiv zunehmende Ungleichheit bei Einkommen und Vermögen führt dann dazu, dass am Ende der Debatte nur noch die blanke Emotion (Neid!) und der subjektive Eindruck bleibt: Alles geht den Bach runter und ich profitiere nicht einmal davon. Wasser auf die Mühlen der Fremdenfeinde.

Nur: Es ist und wird gar nicht eng. Das Boot ist nicht voll. Nicht in den Zügen, wenn man vielleicht am Arbeitsplatz und in den Schulen etwas flexibler punkto Präsenzzeiten wäre. Nicht auf dem Arbeitsmarkt, wenn man endlich die Produktivitätsgewinne der letzten Jahre und Jahrzehnte in die Reduktion von Arbeitszeit stecken und damit Arbeitsplätze schaffen würde. Nicht bei der Wohnungssuche, wenn alle, wie die in dieser Hinsicht vorbildlichen Genossenschaften, Belegungsvorschriften hätten. Nicht in der Energieversorgung, wenn wir endlich vorwärts machen und vollständig auf neue erneuerbare Energieträger umstellen würden. Nicht in den Sozialwerken, wenn man die unsägliche 2. Säule abschaffen und in die erste integrieren würde. Und so weiter.

Stattdessen: Keine Rede ist von der unsäglichen Verlogenheit der SVP, welche die Zersiedelungsinitiative der Jungen Grünen abgelehnt hat, obschon diese die Verbauung der Landschaft gestoppt hätte. Die sich nun plötzlich als Hüterin von Löhnen und Arbeitsplätzen aufspielt. Die Ströme von Krokodilstränen über verschwundene grüne Landschaften und grassierenden Beton vergiesst (Kulturlandverlust!). Oder über die vielen Personenwagen auf unseren Strassen. Es ist zum Kotzen, aber wir haben uns ja offenbar daran gewöhnt, Protest wird eigentlich kaum mehr laut. Dumm und blöd auch das Argument eines Ökonomie-Professors, dessen Name ich hier nicht nennen will: Die CO2-Reduktionsziele seien «recht problemlos» zu erreichen, wenn’s keine Zuwanderung geben würde. Sackstark! Wenn’s keine Professoren geben würde, wär das fürs Klima übrigens ebenfalls nützlich.

Kein Wort schliesslich über die immer noch und überall grassierende Verschwendung. Von Lebensmitteln (ein Drittel!), von Energie (mehr als ein AKW produziert!), von Geld (Kampfflugzeuge!). Kein Wort über den bemerkenswerten Ansatz der Initiative, für fast alle Probleme, die wir teilweise in der Tat haben, eine einzige Ursache zu finden. Nur ist diese nicht nur falsch, sondern die Simplifizierung vernebelt auch den Blick auf die wahren Gründe. Eng ist eigentlich nur die real existierende Debatte.

nach oben »»»