Diplomierte kratzen jede Kurve

Von einer Sänfte in sicherere Gefilde getragen, und das alles mit Notbremse bei Kaffee und Kuchen. Sie verstehen nur Haltestelle? – Die VBZ bieten einen Kurs für sicheres Fahren an. Unser Reporter war dabei.

 

Tobias Urech

 

Es regnet in Strömen, während das Sondertram am Bellevue auf seine PassagierInnen wartet. Schon ganz gespannt und neugierig sitzt eine Handvoll Leute im vorderen Teil des bereitgestellten Trams 2000, als ich durchnässt und ein wenig triefend an diesem Nachmittag am Freitag dem dreizehnten ins blaue Tram hüpfe. Ich bin der Letzte, der ankommt – und zugleich auch der Jüngste in der Runde. Bei den gut zwanzig Leuten, die sich für den VBZ-Kurs «Sicher unterwegs» angemeldet haben, dominieren ergraute Haare und hie und da auch Gehstöcke das Gesamtbild. Kaum sind alle da, begrüsst uns Heinz Illi, der schon über dreissig Jahre bei den VBZ arbeitet; zuerst war er als Trampilot beschäftigt, dann als Busführer, Billettkontrolleur, Lehrmeister und Leiter der Abteilung Netz. Heute ist er Schulreferent der VBZ und bringt Schülerinnen und Senioren bei, wie sie sich im Tram verhalten müssen, um möglichst sicher von A nach B zu gelangen.

Bevor wir losfahren, erklärt er, dass es sich bei dem Tram 2000, in dem wir sitzen, um eine sogenannte Sänfte handelt. Also ein Tram 2000, das behindertengerecht umgebaut wurde danke einem Niederflurteil in der Mitte. Am Montag gaben die VBZ bekannt, dass die Tram 2000 zwischen 2018 und 2023 durch das Modell «Flexity Zürich» ersetzt werden (siehe S. 7). Noch bis dahin sind die nicht durchgehend niederflurigen alten Trammodelle im Einsatz. Dass diese teils ein Sicherheitsrisiko darstellen können, ist offensichtlich – schliesslich stellen die hohen Stufen zum Erklimmen des Trams besonders für ältere Leute eine Hürde dar. Doch bevor Heinz Illi erklärt, wie solche Hindernisse am besten angegangen werden, fahren wir los in Richtung Altstetten, wo sich die Zentralwerkstätte der VBZ befindet. Der Führerstand bleibt offen und für einmal werden die neugierigen Blicke der PassagierInnen nicht vom verdunkelten Glas abgefangen.

 

Eindrückliche Demonstration

Zwischen Albisriederplatz und Letzigrund kommt es dann quasi zum Live-Spektakel: Heinz Illi demonstriert den PassagierInnen, wie sich eine Notbremse bei voller Fahrt anfühlt. Er beschleunigt auf 48 Stundenkilometer und reisst dann einen Notstopp. Die Glocken bimmeln auf, die Räder kreischen, die Mitfahrenden rutschen auf ihren Sitzen nach vorne und nach gut dreissig Metern kommt das ganze Tram mit einem Ruck zum Stehen. Heinz Illi erklärt nach der eindrücklichen Demonstration, dass ein PKW im Vergleich zum Tram und bei gleicher Geschwindigkeit lediglich zehn Meter für einen Vollstopp braucht. Das Tram brauche gut dreissig Meter, bei schlechtem Gleiszustand – also im Herbst, wenn das Laub die Gleise rutschig macht, könne der Bremsweg gut auch einmal länger sein.

Sitzend könne einem bei so einem Notstopp kaum etwas passieren. Gefährlich werde es erst, wenn man sich nicht richtig festhält. So komme es immer wieder zu Stoppunfällen, die leider auch tödlich enden können. Zwar kam es letztes Jahr bei 325 Millionen Fahrgästen zu im Vergleich überschaubaren 1773 Schadensereignissen, davon zu 200 Stoppunfällen. Doch das ist für die VBZ kein Grund, umfangreiche Präventionsmassnahmen auszulassen – im Gegenteil.

So erklärt VBZ-Mediensprecherin Daniela Tobler gegenüber P.S.: «Wir bieten diese Kurse seit 2013 an, seither haben wir bereits rund 450 Teilnehmende geschult. Die Priorität liegt auf der Vermeidung von Stoppunfällen. Ausserdem veranstalten wir einmal jährlich einen Aktionstag, wo unsere Mitarbeitenden an Knotenpunkten des VBZ-Netzes Flyer mit Sicherheitshinweisen verteilen und auch in Trams und Bussen aufhängen. Wir möchten mit dieser Aktion die Leute direkt vor Ort in Tram und Bus auf sicheres Fahren aufmerksam machen und überall sichtbar sein.» Doch wie nützlich sind diese Präventionskurse «Sicher unterwegs» eigentlich? Das sei natürlich schwierig zu messen, meint Daniela Tobler, doch: «Allein schon von den Teilnehmenden haben wir stets ein positives Feedback. Die Leute gehen mit einem anderen Blick ans Tramfahren. Und wenn wir auch nur einen Unfall mit diesen Kursen vermeiden können, haben wir bereits etwas erreicht. Das ist unser Ziel.»

 

Theorie und Praxis

In der Zwischenzeit sind wir im Tramdepot in Altstetten angelangt. In einem Sitzungszimmer der VBZ lehrt Heinz Illi den KursteilnehmerInnen bei Kaffee und Gebäck die wichtigsten Verhaltensregeln in Tram und Bus. Zuerst jedoch informiert er uns über die wichtigsten Eckdaten der VBZ. So befördern die Stadtzürcher Verkehrsbetriebe täglich rund 900 000 Fahrgäste – die SBB zum Vergleich kommen auf rund eine Million. Das VBZ-Netz umfasst 703 Haltestellen und erstreckt sich für die Trams auf 119 Kilometer beziehungsweise für die Busse auf 378 Kilometer. Somit fahren die VBZ mit ihren 258 Trams und den 215 Bussen täglich zwei Mal um die Erde.

Nach diesen eindrücklichen Zahlen gehen wir gemeinsam jede der sechs Verhaltensregeln durch. Man soll sich immer an einer Stange festhalten, stabil auf beiden Füssen stehen, die Möglichkeit nutzen, sich zu setzen, Kinderwagen gegen die Fahrtrichtung parken, etc. So banal die Verhaltensregeln auf den ersten Blick auch wirken, so kommt es doch bei den einen oder anderen Tipps von Heinz Illi zu kleineren Diskussionen. Ob man sich während der Fahrt umsetzen dürfe? Nein, gerade in solchen Momenten könne leicht ein Unfall passieren. Lieber bleibe man bis zur nächsten Haltestelle sitzen. Ob man schon lange vor der Haltestelle aufstehen muss, um noch rechtzeitig aus dem Tram steigen zu können? Nein, in den Fahrzeugen gebe es genug Knöpfe, mit denen man eine Türe auch bequem vom Sitz aus betätigen könne. «Die VBZ haben ihre PassagierInnen bisher immer aussteigen lassen – spätestens im Depot», meint Heinz Illi augenzwinkernd. Anschliessend an  diese theoretischen ‹Trockenübungen› geht es wieder in den bereitgestellten Bus und das bereitgestellte Tram, wo Heinz Illi noch einmal die genannten Punkte demonstriert. Zum Abschluss dieses Nachmittags erhalten alle Kursteilnehmenden ein Diplom, das sie als diplomierte VBZ-PassagierInnen ausweist.

Mit dem Sondertram geht es schliesslich zurück ins Stadtzentrum und die frischgebackenen Diplomierten haben nach diesem lehrreichen Kurs bestimmt etwas für ihr eigenes Fahrverhalten mit auf den Weg genommen.

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