Digiblast

Mit viel Trara ist eben der Digital Day abgefeiert worden. Bei der gesellschaftlichen Analyse der Digitalisierung dümpeln die Medien leider mehrheitlich im seichten Gewässer: Sie schicken sich hier ins angeblich naturgewaltig Unvermeidliche, das nur Ewiggestrige kritisieren können, preisen es da als ökonomisches Allheilmittel und  beten dort die Probleme technikgläubig gesund.

 

Als Gegenmedizin sei das neue Denknetzjahrbuch empfohlen, wo das Thema als Hype entlarvt und fundiert durchleuchtet wird. Die Beiträge zur «Algorithmisierung der Gesellschaft» (Gruppe gambittog) und zur Ethik (Madörin) erhellen zweierlei: Erstens, dass es nicht nur die steigerbare Produktion von Gütern gibt, wo eine Roboterisierung Energien freisetzt, indem sie uns schwere, geisttötende oder krankmachende Arbeit abnimmt, sondern auch die nicht-steigerbare Produktion bei Interaktionen mit Lebendigem –  wie in der Pflege, Kunst, Bildung und Erziehung – wo die Roboterisierung das Zwischenmenschliche abwertet und seine Ethik vernichtet, indem sie ihm Zeit, Qualität und somit Würde entzieht. Zweitens wirkt die Digitalisierung nicht nur auf die produzierte Ware ein, sondern algorithmisiert in einer Art Rückkoppelung auch die Produzierenden und Konsumierenden. Es scheint, dass die Digitalisierung der stetig fortschreitenden neoliberalen Verdinglichung des Lebendigen als trojanisches Pferd dient.

 

Nehmen wir zum Beispiel Melkroboter: Es ist belegt, dass von Hand gemolkene oder händisch an die Maschine gezapfte Kühe weniger Infektionen haben als solche in Selbst-melk-Robotern: Weil die Euter besser gereinigt und beobachtet werden, weil die lebendige Interaktion die Tiere entspannt und weil die eingeschränkten Melkzeiten die Euter schonen. Der Melkroboter gibt dem Bauern mehr Freiheit und analysiert gleich noch die Milch, damit Entzündungen schneller (medikamentös) behandelt werden können. So kuriert der Roboter in einem Zirkelschluss genau das mechanistisch, was er mit der mechanistischen Reduktion der tierpflegerischen Zuwendung verursacht hat. (Der Futterschieberoboter hingegen entlastet die Bäuerin tatsächlich von strenger Körperarbeit mit toter Materie.)

 

Eine ethische Betrachtung gesellschaftlicher Prozesse geht natürlich über das Tierwohl hinaus. ‹Dank› der Digitalisierung geht uns angeblich die Arbeit aus. Das stimmt bei nüchterner Betrachtung nicht, wird aber von den Digi-Gurus direkt herbeigeredet (damit noch mehr technisierte Produktion nötig scheint). Denn die Produktion am Lebendigen bleibt immer gleich arbeitsintensiv, ja sie nimmt hierzulande, wo die Warenproduktion weitgehend ausgelagert ist, proportional sogar zu! In der Landwirtschaft, den Haushalten, in der Pflege, in der Erziehung und Betreuung etc. fehlen Arbeitskräfte, fehlt es an Geld, an menschenwürdigen und umweltverträglichen Arbeitsbedingungen. Beschäftigte mit mittlerer und hoher Bildung brennen aus, jene mit tiefer Bildung oder wenig Sozialkompetenz werden in die Schwarzarbeit oder in den sekundären Arbeitsmarkt abgedrängt und mit Dumpinglöhnen abgespeist.

 

Gemäss neoliberaler Globalisierungsdoktrin ist es der Politik nicht erlaubt, das Notwendige zu tun: nämlich Vollbeschäftigung, Kaufkraft, würdige und nachhaltige Arbeits- und Lebensbedingungen als Standards zu setzen, denen die (Finanz-)Wirtschaft zuzudienen hätte. Dies ist die rückständige Kehrseite der durchdigitalisierten Hightech-Gesellschaft. Uns fehlt es an sozial-ethischer, nicht an technokratischer Leadership.

 

Ina Müller

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