Jetzt ist also Krieg. Noch zählen wir ihn in Tagen. Die europäische Friedensordnung, wenn es denn so eine gab, ist endgültig beendet. Nicht digital, sondern hundskommun, mit Bodentruppen, Panzern und Luftangriffen. Wenn ich die Nachrichten schaue, dann meine ich, eine Verfilmung der Vergangenheit zu sehen. So habe ich das in der Schule noch gelernt, so war damals der Krieg, und wir meinten, er sei nun weiter, digitaler, nun ist er so wüst wie eh und je. Die Menschen in diesem Film sind in Farbe, nicht mehr schwarz-weiss, wie ich das in Erinnerung habe, die Kleider, die sie tragen, kenne ich, die gleichen Marken kaufen wir auch hier. Der Krieg ist nah und wahr. Wir haben das so nicht erwartet. Noch vor einer Woche meinten wir kollektiv, es sei ein Bluff. Es ist Krieg.

 

Jetzt zu sagen, Aufrüstung sei die richtige Antwort und die bisherige Sicherheitspolitik ein einziger grosser Fehler, halte ich für genauso daneben, wie stur am Cyberwar festzuhalten, auf den allein es sich vorzubereiten gelte. Die Wahrheit ist, so meine ich, dass wir noch nicht wissen, was richtig wäre, auch wenn die unzähligen EpidemiologInnen der Pandemie über Nacht zu SicherheitsexpertInnen wurden und schon immer gewusst haben, was man hätte machen müssen. Es ist erschreckend, mit welcher Ratlosigkeit ich selbst durch die Krisen der letzten Jahre gehe, sie sind einfach alle zu gross, als dass ich sie von Anfang an verstehen könnte.

 

Sicher weiss ich nur, dass es vor Kiew eine mittlerweile über 60 Kilometer lange Schlange aus russischen Panzern und Militärfahrzeugen gibt. Die Menschen kommen nicht mehr raus aus der Stadt. Sie sind bald eingekesselt, gefangen, sie verbringen die Nächte in den Metrostationen, aber wenn der Angriff wirklich kommt, dann wird der Platz dort nicht für die Millionen UkrainerInnen reichen, die Schutz bräuchten. Und das Gefühl, das ich habe, wenn ich daran denke, ist wie damals als Kind, als ich manchmal ganz zugedeckt unter der Bettdecke lag und mir vorstellte, ich sei von einer Lawine begraben worden. Ich stellte es mir so lange vor, bis ich die Decke wegriss, mit rasendem Puls, der sich sofort beruhigte durch die Befreiung. Aber es gibt keine Befreiung.

 

Sicher weiss ich also nur, dass mir dieser Krieg grösste Angst macht. Am Mittwochabend, so heisst es, schlug ein Geschoss in der Nähe des Hauptbahnhofs in Kiew ein. Das Bahnhofsgebäude sei leicht beschädigt worden. Zu diesem Zeitpunkt hielten sich Tausende Kinder und Frauen im Bahnhof auf, die mit Zügen in Sicherheit gebracht werden sollten. Gleichzeitig werden die UkrainierInnen bewaffnet und bauen Molotowcocktails nach den Rezepten, die sie von ihrer Regierung und sonst wo erhalten haben, sie finden auch Anleitungen, an welche Stelle genau sie diese auf einen Panzer werfen müssen. In Russland demonstrieren Menschen gegen diesen Krieg, der dort aber so nicht genannt werden darf. In diesem diktatorischen Land ist der Widerstand lebensgefährlich. In nur sieben Tagen flüchteten bereits eine Million Menschen aus der Ukraine. Wenn kein Waffenstillstand kommt, kommt auch keine lebensrettende humanitäre Hilfe ins Land für die anderen Millionen Menschen, die noch dort sind.

 

Dieser Krieg, mit dem wir nie gerechnet haben, sprengt alle Grenzen unserer Vorstellungskraft und unserer Ängste. Es bleibt nur zu hoffen, dass er auch alle Grenzen unserer Solidarität zu sprengen vermag. Die individuelle wie auch die staatliche Solidarität unserer Welt.

 

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