Dieser Herbst

Dieser Herbst macht mich ja geradezu blödsinnig sentimental. Ich glaube, es ist ein wenig eine Alterserscheinung, eine von den guten. Während draussen nämlich alles verwelkt und zerfällt, kahl und kalt wird, während auch sonst die Welt ein bisschen untergeht, Menschen scheiden, stänkern, sterben, während wir politisch dieses oder jenes Problem zu bewältigen haben, was wir vermutlich nicht schaffen, weil die Mehrheiten gerade sind, wie sie sind und wir das Elend dereinst nicht einmal mehr bei einem Fernsehabend werden vergessen können, weil sich dazu der Mediashop oder andere Werbesendungen auf dem Billag-befreiten Kanal einfach nicht so recht eignen wollen, während es also irgendwie desolat aussieht, bin ich sentimental, vor Freude gerührt und guten Mutes. Dieser Herbst, ich sage euch, dieser Herbst.

 

Ich werde dann einfach zu einem netten Menschen und während das vielleicht etwas doof wirkt, wenn ich Fremde im Tram und auf der Strasse anlächle, dann öffnet es gleichzeitig den Blick für Besonderes und Beeindruckendes.

 

Weil, bei mir fallen ja Herbst und Wahlkampf oft zusammen. Seit vielen Jahren ist das so, Jahre, in denen ich in unterschiedlichsten Formen an Wahlkämpfen beteiligt war, dieses Mal auf dem Sekretariat der SP Zürich. Wenn man so an vorderster Front mit dabei ist, als Kandidat, aktive Genossin oder eben Mitarbeiterin, ist der Herbst der Zeitpunkt, in dem man, nach monatelanger Vorbereitung, Organisation, strategischen und anderen Sitzungen, bereits in der ersten totalen Erschöpfung liegt, eine Zeit, in der alle anderen, also ungefähr 99 Prozent der Bevölkerung, noch nicht einmal gemerkt haben, dass dann mal Wahlen sind. Es ist auch die Phase, in der zum ersten Mal die Medien anrufen, um sehr kritisch darauf hinzuweisen, dass ja gar nichts passiere in diesem Wahlkampf, über den sie selber noch kaum einen Satz geschrieben haben.

 

In Wirklichkeit aber ist die Hölle los. Mehr als das. Denn wir haben ein Ziel. Wir wollen mit 15 000 Menschen dieser Stadt reden, sie fragen, was sie gerne anders hätten, was in ihrem Quartier nicht recht funktionieren will, was wir tun könnten, damit es noch besser wird, als es schon ist. Dafür telefonieren wir, dafür klopfen wir an die Türen dieser Menschen. Und sie antworten. Sie antworten unglaublich nett, ob wir sie telefonisch daheim beim Kochen erwischen oder an der Tür mit einem Fuss uneingeladen halb in ihrem Wohnzimmer stehen. Sie haben nicht das Gefühl, dass wir stören. Sie nehmen die Gelegenheit wahr, ihre Meinung und ihre Anliegen zu deponieren. Das sind ein Demokratieverständnis und eine Offenheit, die mich tief beeindrucken.

 

Noch mehr aber berührt mich der Einsatz von unseren Genossinnen und Genossen. Tag für Tag gehen sie von Tür zu Tür, Tag für Tag strömen Mitglieder unserer Partei in unser Sekretariat und telefonieren. Ich sehe und höre sie von meinem Büro aus, wie sie nachfragen, lachen, bedauern und verstehen und sich so aufrichtig für den Menschen am anderen Ende des Telefons interessieren, dass es mich, in diesen Herbst hinein, noch sentimentaler macht. Denn sie quetschen diese Einsätze in ihr volles Leben, zwischen Arbeit, Familie, Freunde und opfern freie Stunden. Sie stehen nirgendwo im Scheinwerferlicht, oft kandidieren sie nicht einmal selber, sie tun es einfach, weil sie es richtig finden und wichtig. Hier sprechen nicht nur Plakate, Inserate und Flyer zu den Menschen, hier findet ein ehrlicher und ernsthafter Austausch statt. Dieser Wahlkampf ist anders. Er ist stärker, grösser und ernster als jeder andere. Dieser Herbst, ich sage euch, dieser Herbst.

 

Andrea Sprecher

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