«Die Zeit ist reif für eine Frau»

Fabian Molina war über zwei Jahre lang Präsident der JungsozialistInnen Schweiz – nun kündigte er seinen Rücktritt an. Über seine Beweggründe, über seine Erfolge und darüber, wie es vorerst weitergehen soll, sprach er mit Tobias Urech.

 

Wieso treten Sie gerade jetzt zurück? Gibt es dafür einen bestimmten Grund?

Fabian Molina: Ich mache dieses Präsidium jetzt seit zwei Jahren und bei einer Jungpartei sind Wechsel wichtig, um neue Leute einzubinden. Ich musste mir also überlegen, wann ich zurücktrete. Im Moment passt es sowohl politisch als auch persönlich sehr gut. Politisch mit Abschluss der Spekulationsstopp-Initiative und vor der Abstimmung über das neue Nachrichtendienstgesetz – beides Abstimmungsvorlagen, wo die Juso federführend ist –, und persönlich möchte ich noch in jungen Jahren längere Zeit im Ausland verbringen. Ich will das schon lange, habe es aber nie gekonnt, weil ich immer politisch involviert war, und jetzt bietet sich die letzte Chance, die ich packe.

 

Wohin geht es denn?

Nach Madrid.

 

Aber nicht für Ferien?

Nein, ich will studieren. Nach zweieinhalb Jahren voll Politik könnte mir ein Loch drohen. Da bietet es sich an, einen grossen Wechsel zu machen und sein Leben neu zu organisieren.

 

Was hat Jean Ziegler damit zu tun?

(lacht) Jean Ziegler hat mir kürzlich am Telefon geraten: «Fabian, du musst fertig studieren. Vergiss das nicht!» Studium ist ja schliesslich auch eine Form des Kämpfens für eine andere, eine bessere Welt. Das werde ich jetzt beherzigen.

 

Muss alles ein Kampf sein für Sie?

Nein, aber ich bin ein sehr politischer Mensch und ich glaube, dass man sich auf allen Ebenen politisch engagieren kann. Ich habe das auch schon in den verschiedensten Positionen gemacht – sei das bei der Schülerorganisation, den Gewerkschaften, in einem Parlament, bei der Juso – und ich glaube, es gibt noch x-beliebige andere Möglichkeiten, sich einzusetzen.

 

Denken Sie nicht, dass Ihnen langweilig wird in Madrid, so ganz ohne Politik?

Ich will mich ganz bewusst einen Moment von der Politik fernhalten, um mich aufs Studieren konzentrieren zu können. Ich kenne mich: Hier in der Schweiz würde ich mich sofort in neue Engagements stürzen.

 

Sie studieren Geschichte. Gibt es eine Epoche, die Ihnen am liebsten ist?

Ja, die neuste Zeit. Ich bin sehr interessiert daran, zu verstehen, wieso diese Welt so ist, wie sie ist, wie es so weit gekommen ist und wie sie sich in Zukunft möglicherweise entwickeln wird.

 

Haben Sie genug von der Juso?

Überhaupt nicht! Ich bin noch voller Elan dabei. Gerade habe ich eine zweitägige Jahresversammlung hinter mir mit zweihundertfünfzig jungen Menschen voller Tatendrang. Das elektrisiert einen.

Ich freue mich jetzt auch auf die letzten dreieinhalb Monate vor meinem definitiven Rücktritt. Es ist wichtig zu gehen, wenn es noch schön ist und man sich auch ein wenig dazu zwingen muss. Sonst ist es irgendwann einfach zu spät.

 

Ihnen ist der Entscheid also nicht leicht gefallen?

Nein, gar nicht. Ich habe mich vor den Nationalratswahlen entschieden: Falls ich gewählt würde, wäre der Fall klar und mein Leben für die nächsten acht Jahre bestimmt, und wenn ich nicht gewählt würde, möchte ich noch ins Ausland. Aber als es dann effektiv darum ging, diesen Entscheid zu fällen, ist es mir nicht leicht gefallen. Ich habe dieses Amt nämlich sehr gerne ausgeübt.

 

Als Juso-Präsident polarisiert man – nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch in der eigenen Partei. Wie sind Sie damit umgegangen, für viele eine unbeliebte Figur zu sein?

Das konnte ich schon ein wenig üben, schliesslich war ich drei Jahre lang Co-Präsident der Juso Kanton Zürich, da macht man sich – wie auch schon nachfolgende Präsidien bemerken mussten – nicht immer beliebt. Und natürlich habe ich mir eine dicke Haut zugelegt und mich meiner Rolle bewusst gemacht. Wenn die Leute mich hassen, dann hassen sie primär das Amt, für das ich stehe, und weniger mich selber.

Ich habe eigentlich einen relativ guten Draht zu den Leuten, die mich hassen, wenn ich dann einmal mit ihnen ein Bier trinken gehe. Meistens schaffen wir es, uns vernünftig zu unterhalten.

 

Gab es dazu viele Gelegenheiten, für ein Bier mit politischen GegnerInnen?

Unter den Jungparteien lernt man sich über die Zeit schon ganz gut kennen. Und auch Bundesbern ist kleiner, als man denken mag. Am letzten Abstimmungssonntag hat SVP-Fraktionschef Adrian Amstutz etwa um ein Bier mit mir gewettet, dass die Spekulationsstopp-Initiative nicht über 40 Prozent macht. Dieses Bier ist aber noch ausstehend.

 

Haben Sie während ihrer Amtszeit auch Online-LeserInnenkommentare gelesen?

Am Anfang ja, aber ich habe mir das abgewöhnt. Es ist in der Regel relativ unfruchtbar.

 

Ich habe Ihnen einen ‹Blick›-Leserkommentar auf die Meldung ihres Rücktritts herausgesucht. Da schreibt einer: «Was soll’s. Wenn Molina geht, kommt ein anderer Heissluft-Produzent hinterher und alles bleibt, wie es ist. Für schlechte Unterhaltung wird weiterhin gesorgt sein.»

Haben Sie das Gefühl, Sie haben etwas richtig gemacht, wenn Sie solche Kommentare lesen?

Wenn man so viele Hassmails von rechten Spinnern bekommt wie ich, dann hat man sehr viel richtig gemacht. Aber ich habe nicht nur Hassmails, sondern auch viele herzige Gratulationsmails bekommen von Leuten, die die Juso gut finden, sogar Mails aus dem Ausland. Ich denke, wenn man als Juso-Präsident polarisiert und vor allem wahrgenommen wird, wenn es eine Debatte über den Rücktritt gibt, dann hat man etwas richtig gemacht.

 

Vor der Wahl zum Juso-Präsidenten waren Sie Jugendsekretär bei der Unia. Wäre eine Rückkehr zur gewerkschaftlichen Arbeit etwas für Sie?

Das weiss ich noch nicht. Im Moment schaue ich mich noch um, welcher Arbeit ich nachgehen werde, wenn ich in die Schweiz zurückkomme.

 

Wie sieht es politisch aus? Sie sind ja auf dem ersten Nachrückplatz in den Kantons- und in den Nationalrat. Was wäre, wenn während Ihres Aufenthalts in Madrid plötzlich ein Platz frei würde?

Ich gehe nicht davon aus, dass das passiert. Da habe ich mich, so gut es geht, abgesichert. Wenn es allerdings doch passieren würde, dann müsste ich nochmals über die Bücher. Ich bin grundsätzlich an diesen Ämtern interessiert, sonst hätte ich mich nicht um diese bemüht. Zudem möchte ich mich weiterhin engagieren.

 

Nochmals zurück zu Ihrer Amtszeit: Was sind Ihre grössten Erfolge, die Sie feiern durften?

Es gibt Erfolge auf mehreren Ebenen. Ich glaube, grundsätzlich ist es die Aufgabe der Juso, dass sie weiterhin diskursfähig bleibt, dass sie Debatten lancieren kann und dass sie junge Leute politisiert, also dass die Partei wächst. Das alles haben wir nach meiner zweijährigen Amtszeit erreicht – das werte ich als Erfolg, der aber nicht primär an mir liegt, sondern auch an einem ganzen Team, das im Hintergrund arbeitet. Das ist teils auch eine undankbare Aufgabe, weil die HelferInnen im Hintergrund nicht so gehört werden, wie der Präsident. Andererseits haben wir es in den letzten zwei Jahren geschafft, Einfluss zu nehmen auf Geschäfte, die in der Öffentlichkeit gar nicht so wahrgenommen werden. Letzten Montag beispielsweise hat der Nationalrat im Rahmen der BÜPF-Debatte beschlossen, dass die Vorratsdatenspeicherung wieder auf sechs Monate zurückgekürzt wird. Das ist ein grosser Erfolg für die Grundrechte, der nicht möglich gewesen wäre ohne den massiven Druck, den die Juso ausgeübt hat. Wir haben auf allen Ebenen dafür gekämpft, dass dieser Entschluss im Parlament gefasst wird.

 

Und Misserfolge?

Persönlich hat es mich sehr enttäuscht, dass wir von der Geschäftsleitung bei der Auswahl des Projekts fürs Jahr 2015 unseren Initiativvorschlag für ein wirtschaftsdemokratisches Projekt nicht durchbringen konnten. Ich habe viel Herzblut darin investiert. Im Rückblick habe ich aber auch dem Lernendenprojekt, das stattdessen beschlossen wurde, sehr viel Positives abgewinnen können. Wir konnten etwas daraus machen.

Aber Politik ist halt manchmal so. Wenn man intern für etwas kämpft und dann eine Niederlage erleidet bei Leuten, die man gut kennt, nimmt einen das am meisten mit.

 

Mit Dario Schai und Ihnen gehen sowohl der Zentralsekretär als auch der Präsident der Juso Schweiz. Finden Sie es nicht kritisch, wenn mit einem Mal so viel Wissen an der Spitze einer Organisation verloren geht?

Wir beide gehen ja versetzt. Das heisst, es gibt Zeit zum Einarbeiten für die neuen AmtsträgerInnen, und ich bin, wenn ich die Juso heute so betrachte, sehr optimistisch, dass alles gelingen wird und wir eine neue Generation mitziehen können. Bei einer Jungpartei, die davon lebt, dass eben junge Leute sich engagieren, wäre es sehr gefährlich, wenn man sagt, man wolle alles beim Alten behalten. Denn der Wechsel kommt früher oder später und dann muss es reibungslos funktionieren. Wir haben bisher alles daran gesetzt und werden weiterhin alles daran setzen, dass dieser Wechsel gelingt.

 

Welche Anforderungen muss Ihre Nachfolgerin oder Ihr Nachfolger erfüllen?

Das ist nicht an mir zu beurteilen. Das wird die Partei bestimmen müssen und unter all jenen auswählen, die sich bewerben. Es ist immer schlecht, wenn der abtretende Präsident dem neuen Präsidium Vorgaben machen will.

Ich habe bei meinem Rücktritt den Wunsch geäussert, dass endlich eine Frau das Präsidium übernehmen soll. Nach hundertzehn Jahren Juso ist es nun Zeit dafür. Ich bin recht optimistisch, dass das gelingt.

 

Wer wird PräsidentIn?

Es gibt mehrere Personen, die sich das überlegen und ich hoffe, dass sich der oder die Richtige finden lässt. Aber wie bereits gesagt: Es ist nicht an mir, das zu beurteilen, sondern an der Partei.

 

Als Präsident waren Sie ständig zwischen Zürich, ihrem Heimatkanton, und Bern, dem Sitz der Juso Schweiz, unterwegs. In einem Porträt haben Sie einmal gesagt, es habe etwas Anti-bünzliges, nie zu wissen, wo man die Nacht verbringt. Werden Sie jetzt bünzlig?

(lacht) Ich hoffe nicht. Ich freue mich ehrlich gesagt darauf, ein bisschen sesshafter zu werden. Aber ich glaube nicht, dass ich allzu bünzlig werde, sondern dass ich meine Freizeit nutzen werde, um viel unterwegs zu sein.

 

Für weitere Engagements? 

Vielleicht auch mal für Freizeit-Aktivitäten.

 

Wie zum Beispiel?

Ich war in letzter Zeit kaum noch an Konzerten. Das möchte ich ändern. Aber auch Lesen und Freunde-Treffen kamen zu kurz.

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