Die Untertanen begehren auf

Das Kind, das sich im Coop schreiend zu Boden wirft, weil es ‹sein› Schöggeli nicht bekommt. Das Märchen von des Kaisers neuen Kleidern: Solche Bilder im Kopf haben selbstverständlich nichts zu tun mit König Trump. Nur schon, weil er im Gegensatz zum Kind im Coop und zum nackten Kaiser Atomwaffen hat. Dennoch bekomme ich sie nicht aus dem Kopf.

Als Trump seinen Zollhammer schwang und die Spitze der SP Schweiz fand, unser Land brauche ihm deswegen nicht in den A… zu kriechen, wurde sie quasi als Landesverräterin abgekanzelt. Wer fand, Geschäftsleute mit Goldbarren und Rolex als Deal-Maker seien vielleicht nicht das höchste aller demokratischen Gefühle, bekam dasselbe zu hören. Nun ist Weltwirtschaftsforum-Zeit, König Trump wird erwartet. Nach einem Schlag gegen den Iran zum Zmorge und Venezuela zum Zmittag will er nun Grönland zum Znacht, und «die Europäer» müssen sich von der NZZ anhören, wie schwach sie seien. Gut, gehören wir nicht zu Europa, oder? Gut, haben wir andere Probleme, eine Milchschwemme beispielsweise.

Aber solche Überlegungen sind natürlich müssig. Trump macht sowieso, was er will. Und die Welt ist von Trump abhängig. In der Ukraine bombardiert Kriegsverbrecher Putin seit gefühlt ewig systematisch die Energieversorgung. Die Menschen sitzen bei minus zwölf bis minus fünfzehn Grad in ungeheizten Wohnungen ohne Licht. Europa kauft Waffen, um die Ukraine zu unterstützen – bei den Amerikanern. Und ohne amerikanische Satelliten geht sowieso nichts. Einst hiess es von rechten Russlandverstehern, die Europäer seien wegen der Nato-Osterweiterung quasi selber schuld an Putins Überfall auf die Ukraine. Heute behandelt Trump seine Nato-Verbündeten in der Grönlandfrage wie Feinde. Der Untergang der Nato wäre ihm wahrscheinlich egal. Nützen tut das ganze Chaos sowieso höchstens China und Russland.

Weil Trump Grönland will, es aber nicht einfach auf dem Silbertablett präsentiert bekommt, verlangt er mal wieder Strafzölle, aber dieses Mal nicht von ganz Europa, sondern nur von jenen Ländern, von denen er findet, dass sie ihm nicht unterwürfig genug gehorchen. Also von jenen, die sich im Grönland-Streit auf Dänemarks Seite stellen. Was sagt uns das? Die früher mit Trump ausgehandelten Deals dieser Länder sind offensichtlich nichts wert. Oder sie gelten zumindest nur so lange, wie dem König keine weitere Laus über die Leber kriecht. Was wäre gewesen, wenn Europa inklusive die Schweiz seinerzeit nicht um Audienzen beim König gebettelt und sich mehr oder weniger eingeschleimt hätte?

In einem Kommentar im dänischen Online-Portal ‹altinget.dk› schreibt Thomas Lauritzen von der Erkenntnis, dass wir entweder Donald Trumps Welt ablehnen müssten – oder als seine Untertanen in ihr leben. Eine rote Linie sei überschritten. Europas Regierungen könnten nicht länger Entschuldigungen dafür finden, dem amerikanischen Präsidenten nach dem Munde zu reden, und das erst noch unabhängig davon, wie offensichtlich absurd seine Worte immer wieder seien.

Er hält ausserdem fest, es gehe nicht mehr um Trump gegen Grönland und Dänemark, sondern um die USA gegen die EU. Und um die USA gegen die Nato, die sie selber geschaffen haben. Und, mit Verweis auf die neuerlichen Strafzölle, sei es unterdessen nicht zuletzt auch schlicht zu teuer geworden, auf Trumps Wohlwollen zu setzen. Mit diesen Zöllen habe sich Trump selbst eine Falle gestellt – so löse er einen offenen Konflikt nicht ‹nur› mit Dänemark, Grönland und den weiteren nordischen Ländern aus, sondern mit ganz Europa. Kann also Trump für einmal doch nicht (mehr) machen, was er will?

Es wäre zu hoffen. Doch ist es auch realistisch? Immerhin nennt auch die NZZ vom Mittwoch («Die EU stellt sich Donald Trump verbal entgegen») als eine mögliche Option, dass die Europäer Trump einfach hinhalten und seine Drohungen ins Leere laufen lassen: «Der Präsident würde von der amerikanischen Innenpolitik gestoppt und wendete sich wieder dem Nahen Osten zu.» Ob das die Welt zu einer besseren machen würde, wäre natürlich eine andere Frage.

Wenn allerdings Trump am WEF erklärt, er wolle Grönland «zurück», wie der ‹Tagi› am Mittwoch im Live-Ticker schreibt, dann tönt das wenig erbaulich. Die Amerikaner sind seit ewig in Grönland präsent, sie hätten auch reichlich Zeit und Gelegenheit gehabt, ihre Militärbasen auszubauen. Aber gehört hat ihnen die Insel beim besten Willen nie. Wenn Trump sie jetzt «zurückfordern» will, verheisst das nichts Gutes.

Aufbegehren ist aber auch in der Schweiz nötig: Die Schweizerische Energiestiftung schreibt, am Dienstag habe Bundesrat Albert Rösti gegenüber Radio SRF die Katze aus dem Sack gelassen: «Er plant, neue Atomkraftwerke mit Steuergeldern zu finanzieren. Und das, während der Bund gleichzeitig mit seinem Abbaupaket Natur und Umwelt kaputtspart.» Damit zeige Rösti, worum es ihm wirklich gehe – nicht um die theoretische Technologieoffenheit jedenfalls: «Rösti und die AKW-Lobby haben konkrete Pläne: Sie wollen auf Kosten der Allgemeinheit neue AKW bauen, die dann die Kassen der Strombarone füllen. Risiko staatlich, Gewinn privatisiert.»

Was mich überhaupt nicht erstaunt an dieser Meldung: Rösti machte sie zu einer Zeit, in der alle Augen auf das WEF gerichtet sind, auf Trump, auf Grönland, auf Europa. Immer schön unter dem Radar bleiben, wenn man schon das Gegenteil dessen plant, was die Stimmberechtigten an der Urne beschlossen haben, nämlich den Ausbau der Erneuerbaren. Aber unser Bundesrat von der schweizerischen Volkspartei ist offensichtlich lieber von russischem Uran abhängig und von amerikanischer Atommeilertechnologie, als endlich im Inland für genügend Solar- und Windenergieanlagen zu sorgen und das Land unabhängig(er) zu machen. Dass einer das in diesen Zeiten lieber etwas leiser herausposaunt als üblich, ist durchaus verständlich. Eine Schweinerei ist und bleibt es so oder so.