- Im gespräch
«Die Stadt muss eingreifen,damit die Menschen hier nicht leeren Wohnungen weichen müssen»
Letzte Woche hat das Bundesgericht sein Urteil zu Business-Apartments in Zürich publiziert. Nachdem der Gemeinderat vor fast fünf Jahren im Rahmen einer Anpassung der Bau- und Zonenordnung (BZO) entschieden hatte, dass künftig Business-Apartments nicht mehr dem vorgeschriebenen Wohnanteil angerechnet werden dürfen, legten mehrere Betreiber:innen der Apartments Beschwerde ein. Nachdem bereits alle Vorinstanzen den Entscheid des Gemeinderats stützten, wies auch das Bundesgericht die Beschwerde ab.
Claudio Baldi und AL-Gemeinderätin Sophie Blaser sind Teil der Aktion Reclaim Wiedikon. Die Gruppe ist aus der AL-Quartiergruppe im Kreis 3 entstanden, aber explizit auch für Menschen ausserhalb der Partei offen. Mit Posts in den sozialen Medien und Spaziergängen will Reclaim Wiedikon auf die Entwicklung im Quartier aufmerksam machen.
Wie haben Sie das Urteil des Bundesgerichts aufgenommen?
Sophie Blaser: Für uns war es zuerst einmal eine grosse Erleichterung. Wir haben uns schon so lange mit diesem Thema befasst und wären wieder bei Null gestanden, wenn das Bundesgericht gegen uns geurteilt hätte. Umso mehr freute mich, wie deutlich das Urteil war. Das öffentliche Interesse der Bevölkerung an Wohnraum ist klar höher zu gewichten als das Interesse der Betreiber:innen an Profitmaximierung, hielt das Bundesgericht fest. Jetzt haben wir die Möglichkeit, diese Wohnungen für die Bevölkerung zurückzuholen.
Claudio Baldi: Wir müssen uns aber wohl darauf einstellen, dass die Betreiber:innen der Business-Apartments weiterhin alles versuchen werden, um die Regelung zu umgehen. Sie haben bereits ein Gutachten bei einer Anwaltskanzlei in Auftrag gegeben, die prüfen soll, wie sie auch in Zukunft weiter vermieten können.
Der Kampf gegen Business-Apartments dauert mittlerweile über 15 Jahre. Bereits 2009 hat Niklaus Scherr, damaliger AL-Gemeinderat, in einer Motion klare Regeln für die temporäre Vermietung, Transparenz bei Eigentumsverhältnissen und einen Schutzmechanismus für den regulären Wohnungsmarkt gefordert.
Baldi: Niklaus Scherr war damals Geschäftsführer des Mieterinnen- und Mieterverbands und schlichtete verschiedene Mietkonflikte. So erfuhr er, dass in Wiedikon Mieter:innen gekündigt wurden und die Wohnungen danach nicht mehr regulär, sondern als temporäre Service-Apartments vermietet wurden. Dagegen wollte er vorgehen, fand aber lange keine Mehrheiten, und auch der Stadtrat reagierte nicht.
«Es ist schlicht von Grund auf ein unsympathisches Geschäftsmodell,
von dem nur die Vermieter:innen profitieren. Und unter dem das Quartier leidet.»
Warum dauerte es so lange, bis sich ein Problembewusstsein für das Thema entwickelte?
Blaser: Ich glaube, zu Beginn wurde das Problem nicht ernst genommen. Es handle sich nur um einen äusserst kleinen Teil des Wohnungsmarktes, meinten der Stadtrat und auch die SP, die in diesem Thema lange äusserst zurückhaltend war. Ich kann mir auch vorstellen, dass man nicht geschäftsfeindlich wirken wollte. Heute ist das Anliegen ziemlich unumstritten. Ich habe zum Bundesgerichtsurteil ein Video auf Instagram gemacht und keine einzige negative Rückmeldung bekommen. Es ist schlicht von Grund auf ein unsympathisches Geschäftsmodell, von dem nur die Vermieter:innen profitieren. Und unter dem das Quartier leidet.
Was Sophie Blaser damit meint, zeigt sich an der Bertastrasse 15. Das Haus, das zwischen Lochergut und Idaplatz liegt, gehört der Immobilienfirma Neufeld Immobilien. Dauerhafte Wohnungen scheint es hier nicht mehr zu geben. Stattdessen werden an der Adresse mindestens 38 Business-Apartments von der Delta Estate AG vermietet, die unter anderem dem Besitzer der Delta Glas GmbH gehört, die im Erdgeschoss eingemietet ist. Gemäss den Recherchen von Reclaim Wiedikon kosten die 1-Zimmer-Wohnungen durchschnittlich 2616 Franken pro Monat. Als wir vor Ort einen kurzen Blick werfen, ist die Tür gerade offen. Im Eingangsbereich des Treppenhauses steht ein Verkaufsautomat, bei dem man Getränke oder für den Preis von drei Franken einen Tab für den Geschirrspüler kaufen kann.
Für die Aktion Reclaim Wiedikon haben Sie recherchiert und fanden alleine in diesem Quartier mindestens 208 Business-Apartments. Wie lief die Recherche?
Baldi: Über ganz verschiedene Kanäle. Zu Beginn habe ich mir über die Website «Inside Airbnb» einen ersten Überblick verschafft und bin dann schnell auf einige grössere Anbieter gestossen. Über deren Webseiten habe ich dann weitere Wohnungen gefunden. Teilweise sind uns auch im Quartier Häuser aufgefallen, bei denen alle Balkone gleich eingerichtet sind oder bei denen uns Nachbar:innen erzählten, dass Wohnungen als Business-Apartments vermietet würden. In unsere Liste aufgenommen haben wir aber nur Wohnungen, die wir im Internet ausgeschrieben gesehen haben und die wir genau lokalisieren konnten. Ich habe jede erfasste Liegenschaft persönlich aufgesucht. Die tatsächliche Zahl von Business-Apartments dürfte aber noch deutlich höher sein.
Was haben Sie über die Anbieter herausgefunden? Wer vermietet die Business-Apartments?
Baldi: Es gibt einige regionale Anbieter, die vor allem in Zürich tätig sind. Teilweise sind das Menschen, die Häuser besitzen und vorher reguläre Wohnungen vermietet haben, dann aber auf temporäre Vermietungen umstiegen. Manche Firmen besitzen die Wohnungen gar nicht, sondern zahlen den Eigentümer:innen eine Pauschale, damit sie in den Liegenschaften Business-Apartments vermieten können. Oft beginnt es mit einer Wohnung, in der jemand gekündigt hat. Statt sie neu zu besetzen, wird dann ausprobiert, ob sich eine temporäre Vermietung lohnt. In den letzten Jahren sind internationale Akteure auf den Markt gekommen. Vor allem die Firma Blueground ist sehr aktiv. Sie bietet in den meisten grösseren Städten der Welt Wohnungen zur temporären Miete an und zielt wohl vor allem auf internationale Firmen, die ihre Mitarbeiter:innen in die Welt versenden und ihnen eine Wohnung zur Verfügung stellen.
Ein Beispiel, wie es aussieht, wenn Wohnungen Business-Apartments weichen müssen, gibt es an der Martastrasse 121. Das Gebäude gehört der Agensa AG. Bis vor einigen Jahren stand hier noch ein typisches Wiediker Mehrfamilienhaus, nach dem Abriss und einem Ersatzneubau gibt es nur noch Studio-Wohnungen, die alle von Blueground vermietet werden. Für den August kostet eine 18-Quadratmeter-Wohnung 3130 Franken, wer die Wohnung gleich für ein halbes Jahr mietet, bekommt einen tieferen Preis. «Das ist ein besonders heftiges Beispiel», sagt Sophie Blaser, als wir vor dem Neubau stehen. «Wenn in eine 3,5-Zimmer-Wohnung eine zusätzliche Wand eingezogen wird, dann kann man die Wohnung in Zukunft wieder normal nutzen. Hier wurde aber ein neues Haus gebaut, das nur diesem Zweck dient. Die wenigsten Leute wollen schliesslich dauerhaft auf 18 Quadratmetern leben.»
SP, Grüne und AL lancierten 2023 die städtische Initiative «Wohnraum schützen – Airbnbs und Business-Apartments regulieren», die voraussichtlich 2027 zur Abstimmung kommt. Braucht es sie nach dem Bundesgerichtsurteil noch?
Blaser: Die Initiative will, dass Wohnungen nur noch maximal 90 Tage pro Jahr auf solchen Plattformen vermietet werden dürfen. So wie es eigentlich auch die Grundidee von Airbnb war. Ich befürchte, dass die kommerziellen Anbieter wieder Schlupflöcher suchen werden und am Ende eine Möglichkeit finden, ihr Geschäft weiter zu betreiben. Deshalb finde ich eine weitreichendere Regelung wie das jetzige Verbot von Business-Apartments im Wohnanteil zentraler.

Am Samstag, 4. Juli, findet der dritte Quartierspaziergang von Reclaim Wiedikon statt. Sie haben dafür unter anderem den neuen Hochbauvorsteher Tobias Langenegger eingeladen. Hat er zugesagt?
Blaser: Wir haben den gesamten Stadtrat eingeladen. Für diesen Samstag haben nun Stadtpräsident Raphael Golta und Tobias Langenegger zugesagt. Wir hoffen, dass wir mit Ihnen im Stadtrat zwei Vertreter haben, die unser Anliegen ernst nehmen und endlich gegen die Verdrängung in Wiedikon und in der gesamten Stadt vorgehen. Dass Tobias Langenegger nach dem Urteil des Bundesgerichts angekündigt hat, die neue Regelung bereits ab Herbst einzuführen, macht uns schon einmal Hoffnung.
Zum Schluss unseres Rundgangs durch Wiedikon gehen wir an die Weststrasse: Auf seiner Kartenapp hat Claudio Baldi hier mehrere Häuser mit einem blauen Punkt markiert. Überall, wo es ein oder mehrere Business-Apartments hat, machte er einen Eintrag. «Nachdem die Weststrasse verkehrsberuhigt wurde, gab es immer mehr Business-Apartments. Viele Menschen, die hier vorher günstig gelebt haben, verloren ihre Wohnungen, stattdessen kamen die kommerziellen Anbieter», sagt er. Allein zwischen Weststrasse 117 und 155 gibt es fünf Häuser, in denen Business-Apartments angeboten werden.
Wie kann es sein, dass es immer noch neue Business-Apartments gibt? Ist der Markt nicht langsam gesättigt?
Baldi: Die Besitzer:innen der Liegenschaften haben nicht nur unmittelbare finanzielle Interessen an diesem Geschäft. Wer etwa ein Haus verkaufen möchte, kann einen höheren Kaufpreis erzielen, wenn nicht bestehende Mieter:innen dort wohnen, die sich wehren könnten. Zudem glaube ich, dass Firmen wie Blueground derzeit gar nicht auf Gewinn angewiesen sind, sondern zuerst einmal wachsen wollen, um Marktführer zu werden und dann die Preise zu erhöhen. Ähnlich wie es zum Beispiel Uber gemacht hat. Sie nehmen dafür auch Leerstand in Kauf, während die Stadt Zürich in einer Wohnkrise steckt.
Blaser: Wir müssen endlich gegen diese Entwicklung vorgehen. Diese Firmen werden in der kapitalistischen Wirtschaftsordnung nicht aufhören, alles zu tun, um Geld zu verdienen. Es nützt nichts, an die Gutmütigkeit von Eigentümer:innen zu appellieren, sondern die Stadt muss eingreifen, damit die Menschen hier nicht leeren Wohnungen weichen müssen.
Am Samstag, 4. Juli, um 14 Uhr findet der dritte Quartierspaziergang von Reclaim Wiedikon statt. Treffpunkt ist der Brupbacherplatz.