Die Stadt ist gebaut

Ein Satz macht Geschichte. Ursula Kochs Aussage hat immer schon Anlass zu viel Spekulation und Geschrei gegeben. Aber heute ist er Realität. Früher ging ich davon aus, dass damit gemeint sei, dass die Stadt total verplant ist, bis auf den letzten Quadratzentimeter: Jeder Fleck ist einer Nutzung zugewiesen. Und das durchaus spannende Gedankenexperiment, was wäre, wenn wir keine Bau- und keine Zonenordnung hätten, wenn die Bautätigkeit also nur via Nachfrage und Angebot geregelt würde, führt schnell zur Ernüchterung, weil es die Machtfrage ausklammert. Denn dass das nicht klappt, ist längst klar. Sonst gäbe es ja wohl keine leerstehenden Büroflächen und Luxuswohnungen, die komplett an der Nachfrage vorbei erstellt wurden.

 

Aber nun zeichnet sich ein Paradigmenwechsel ab: Die Stadt ist nicht nur verplant, sondern tatsächlich auch gebaut. Unbebaute Flächen, die auch weder Frei- oder Grünflächen, See, Wald noch Strassen sind, gibt es kaum mehr, die Brache stirbt aus. Mit einem ebenso erstaunlichen wie erschreckenden Furor macht sich unsere Generation daran, Zürich komplett zuzubauen.

 

Logischerweise übrigens falsch. Denn zwischen Planung und Realität besteht immer ein Ungleichgewicht, sonst wärs ja keine Planung, sondern Hellseherei. Und Planung ist interessengesteuert. Daher kommen darin auch alle unter die Räder, die nicht den mittelständischen, fitten, mobilen und kaufkräftigen Leuten in unserer Stadt zugeordnet werden können: Auszubildende, Alte, Arme und andere A-Menschen, die es natürlich immer noch gibt bei uns.

 

Nur ein Beispiel, meine Lieblingsmilchbubenrechnung (mittlerweile mehrfach bestätigt): Wenn der Kanton seine Verdichtungsorgie durchzieht, die notabene von zahlreichen PlanerInnen jeglicher Couleur gerne geteilt wird, werden rund 8000 zusätzliche Schulkinder in Zürich leben. Das macht, freundlich gerechnet, 25 Schulhäuser aus. In Worten: fünf und zwanzig. Sie bekommen von mir schon einen fetten warmen Händedruck, wenn Sie mir verraten, wo wir fünf Schulen hinstellen sollen. (Und malen Sie sich ja nicht aus, was ich anstelle, wenn Sie auch noch die weiteren 20 platzieren…) Kurz, es geht nicht. Und die paar Altersheime und die Freizeiteinrichtungen und die Freiräume, die es alle auch noch braucht, von denen haben wir noch gar nicht gesprochen. Denn die eigenartige Reduktion des stadtmenschlichen Lebens auf Wohnen, Arbeit und Konsum reicht hinten und vorne nicht. Und wissen Sie, was der Brüller ist? Das wissen alle, die rechnen können. Aber wir reden nicht vom Elefanten, auch wenn er im Raum steht.

 

Daher werden wir wohl radikaleren Zeiten entgegengehen. Wir müssen wieder mehr Vernunft in die Stadtentwicklung bringen. Wir müssen abbrechen und umnutzen. Weg mit einem Bürohaus, wenn es ein Schulhaus braucht! Enteignen wir die Besitzer und reissen wir das Unnötige ab. Sie müssen jetzt nicht aus dem Schuhen kippen: Der Staat macht das, wenn er eine Autobahn oder einen Stadttunnel bauen will, auch. Das ist komplett normal. Und was uns für das Auto recht ist, sollte uns für die Kinder billig sein. Aber wenn wir schon davon reden: Verkleinern wir die Strassenfläche! Wir brauchen Platz für Nötiges, nicht für Luxus, wie im Stau stehen oder parkieren. Die Stadt der Zukunft muss weder grandios dichter sein noch höher gebaut. Sie muss einfach allen Nutzungen Raum bieten, welche die Menschen auch wirklich brauchen. Das geht, wenn man will. Mal sehen, wie sich das mit den neuen Mehrheitsverhältnissen in der Politik umsetzen lässt.

 

Markus Kunz

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