Die Stadt als Dauerprojekt

Wie ist der Blick von aussen auf Zürich? So das Überthema einer Podiumsveranstaltung in Aarau. Am Ende diskutierte man eher die wachsende Stadt als Rezept für die Zukunft.

 

von Anatole Fleck

 

So mancher moderne Mensch will wissen, wie er von aussen wahrgenommen wird. Auch die Stadt Zürich hegt diesen Wunsch. Die Stadtentwicklung hat eigens dazu ein Projekt aufgegleist. Es heisst «Zürich – Einblicke von aussen». Um sich der Aussenwahrnehmung annehmen zu können, wurde eine qualitative Studie in Auftrag gegeben, JournalistInnen, Stadtverwaltungen und Interessenverbände befragt. Deren überaus positive Resultate überraschten nicht nur die Verantwortlichen: Die NZZ wollte der «Lobeshymne auf dreissig Seiten» nicht recht Glauben schenken, auch der ‹Tages-Anzeiger› fragte verwundert: «Ist der Anti-Zürich-Reflex verschwunden?»

Nun galt es, die Diskussion nach aussen zu tragen – genauer gesagt nach Aarau: Vorausgegangen waren nachmittägliche Workshops beider Stadtverwaltungen. «Wir können Stadt», heisst das Podium. Zwischen Stahlträgern und viel Glas bietet der Veranstaltungsort Aeschbachhalle dem zahlreichen Publikum da und dort durch einen säuberlich belassenen Riss im Putz freien Blick auf verblichene Ziegel. Gekommen sind Aaraus Stadtpräsident Hanspeter Hilfiker (FDP), die Direktorin der Stadtentwicklung Zürich Anna Schindler, der Buchser Einwohnerrat Reto Fischer sowie die Leiterin Kultur der Stadt Aarau Melanie Morgenegg. Als Moderatorin nimmt Sabine Altdorfer, Kulturredaktorin bei CH Media, auf einem der roten Designstühle Platz. 

 

Dass Zürich als Stadt gegenwärtig vieles richtig macht, will denn auch am Podium niemand bestreiten: «Zürich hat einen enormen Turnaround geschafft. In den 1990ern war sie noch die Drogenhauptstadt Europas, es herrschte Abwanderung», ruft Stadtentwicklerin Anna Schindler in Erinnerung. Heute fehlen der Limmatstadt nur noch rund 6000 Personen zur bevölkerungstechnisch historischen Höchstmarke im Jahre 1962. Damals hatte die Stadt 440 180 EinwohnerInnen. Zürich ist wieder attraktiv geworden, strotzt wirtschaftlich vor Kraft. Auch kulturell «findet in Zürich ganz viel statt, Trends sind einen Schritt weiter als hier», befindet Melanie Morgenegg. Zürich habe einen Sog, sagt denn auch Moderatorin Altdorfer. 

 

Dem Sog der Lobhudelei will sich Stadtpräsident Hilfiker entziehen: Es sei für Aarau eine Stärke, nicht allzu nahe an der Limmat zu sein – so bilde man «die grösste Agglomeration zwischen Zürich und Biel», was identitätsstiftend sei. Um für seine Stadt zu werben, dient Hilfiker auch der Veranstaltungsort. Einst wurde hier die berühmte Teigknetmaschine «Artofex» für den Versand in die weite Welt zusammengefügt. Die türkisfarbenen Industrie-Exportschlager, die Aarau in der Welt bekannt machten, zieren nun als Andenken die modernisierte Aeschbachhalle. Sie ist Teil eines wiederbelebten Quartiers mit Mischnutzung, eine «Stadt in der Stadt».

Erwähnung findet auch ein viel grösserer Transformationsprozess, in welchem sich Aarau und die umliegenden Gemeinden befinden: Im «Zukunftsraum Aarau», einem mehrjährigen und ergebnisoffenen Prozess, prüfen die Gemeinden Densbüren, Oberentfelden, Suhr und Unterentfelden die Fusion mit dem Kantonshauptort. Was heute Zukunftsraum heisst, hiess vor 127 Jahren schlicht Eingemeindung: 1893 entstand so aus Stadt Zürich und elf Vororten die erste Grossstadt der Schweiz, man gewann dreissig Mal die Fläche – die Bevölkerung vervierfachte sich. Mit dem zweiten Streich 1934 erhielt Zürich dann seine heutige Ausdehnung. 

 

Wachstum und Nebengeräusche

 

Heute eine ähnliche Geschichte des Wachstums zu schreiben, gestaltet sich für die Stadt Aarau diffiziler: Einwohnerrat Reto Fischer sieht sich als eine der «treibenden Kräfte für die Teilnahme von Buchs am Zukunftsraum». Doch die Bevölkerung seiner Gemeinde sprach sich, im Februar letzten Jahres, dagegen aus – auch wenn sie mit Aarau räumlich längst verwachsen ist: «Ich denke, wir werden noch mit weisser Fahne versuchen, auf den Zug aufzuspringen – denn Alleingänge lohnen sich nicht und die Stadt ist auch eine grosse Gemeinschaft.» 

Stadtpräsident Hilfiker unterstreicht derweil: «Wir sind beim Fusionsraum behutsam vorgegangen, haben auf Augenhöhe in paritätisch besetzten Gremien geplant.» Die Stadt als grosse Gemeinschaft – und doch: Der Verlust von Eigenständigkeit im Zuge städtischen Wachstums scheint manchen ein Graus. Stadt «machen» ist weder gratis noch ein Patentrezept für eine gesunde Entwicklung. Fischer spricht auch Verständnis aus: «Der Verlust von Bekanntem kann sicher Angst machen. Manchen Menschen geht es auch einfach zu schnell.» Solche Wachstumsschmerzen sind auch der obersten Zürcher Stadtplanerin bekannt: «Die Angst, keinen Platz mehr zu finden, ist sicher da», so Anna Schindler.

 

Eingemeindungen kein Thema

 

Moderatorin Altdorfer will darum wissen, ob eine städtische Zukunft ohne Wachstum auch vorstellbar sei. Anna Schindler hält dies nicht für zukunftsorientiert: «Wir reagieren auf Entwicklungen, die bereits ablaufen.» Für die bis 2040 erwarteten 100 000 neuen EinwohnerInnen in Zürich müsse man Arbeitsplätze, Schulhäuser, Freiräume und Wohnungen zur Erhaltung der Lebensqualität planen. Während Aarau nebst den Gemeindefusionen auch noch auf eigenem Gebiet Spielraum zum Bauen hat, wird die Stadt Zürich im Bestand wachsen müssen. Ihre grössten Transformationsgebiete hat sie ausgeschöpft – Eingemeindungen sind laut Schindler derzeit kein Thema.

 

Dass die Bevölkerung in solche Veränderungsprozesse einbezogen werden muss, will natürlich niemand auf dem Podium bezweifeln. Schindler betont aber: «Das A und O der Partizipation ist für mich, dass die Systemgrenzen klar sind.» Meist seien es nicht Vollversammlungen, die Planungsentscheide fällen könnten – wer dann leere Versprechungen mache, betreibe «Erwartungsmanagement». Stadtpräsident Hilfiker pflichtet bei, bei gewissen Projekten käme es trotz oder gerade wegen der Partizipation aus der Bevölkerung zu einer Flut von Einsprachen. Was auch damit zu tun haben könnte, dass sich oftmals speziell Interessierte – mit Fachwissen im Projektbereich – an solchen Veranstaltungen einfinden. Die Akzeptanz für das Dauerprojekt Stadt zu finden: manchmal eine grosse Herausforderung. Zum Abschluss des Podiums hat Komödiantin Patty Basler das Wort, die eine ihrer typischen, gereimten Spontanzusammenfassungen zum Besten gibt – nicht nur das zahlreiche Publikum, auch der darin öfters gehänselte Stadtpräsident Hilfiker konnte sich das Lachen nicht verkneifen

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