«Die Solidarität des Pflege­personals wird politisch ausgenutzt»

Zu Beginn der Pandemie waren sie die HeldInnen – jetzt arbeiten sie wieder fernab der Öffentlichkeit: das Pflegepersonal. Im Gespräch mit Simon Muster erzählt Pflegefachfrau Nadine Constantin von ihrem Alltag auf der Intensivstation.

 

Nadine Constantin, erinnern Sie sich noch daran, wie die Stimmung war, als der oder die erste Covid-PatientIn auf der Intensivstation des Universitätsspitals Zürich eingeliefert wurde? 

Nadine Constantin: Es herrschte grosse Unsicherheit. Wir wurden im Vorfeld zwar auf die Sicherheitsmassnahmen geschult, hatten genug Schutzmaterial und waren gut vorbereitet. Als dann aber bei der Morgeneinteilung gefragt wurde, wer die Covid-PatientInnen betreuen möchte, meldete sich zuerst niemand freiwillig. 

 

Aus Angst, dass die Sicherheitsmassnahmen nicht ausreichen würden?

Ja, es war für alle eine neue Situation. Die einschneidenste Erfahrung war aber im März 2020, als das erste Mal die ganze Station isoliert werden musste. Da haben wir realisiert: Wir müssen eine neue Strategie fahren. Die ganzen Arbeitsprozesse, Abläufe und Behandlungen mussten angepasst werden. Zum Beispiel konnten Medikamente und Material nicht mehr einfach auf die Station gebracht, sondern mussten aufwendig in die Isolationszone eingeschleust werden.

 

Hat sich die Stimmung inzwischen geändert?

Mir fällt auf, dass der Ton in der Bevölkerung immer aggressiver wird. Ich habe Verständnis für Menschen, die sich wegen den Massnahmen um ihre Existenz sorgen. Aber gewisse Auswüchse sind unverständlich: Im Dezember erfuhren wir über die Medien, dass Corona-SkeptikerInnen das Unispital Zürich stürmen wollten, weil sie den offiziellen Zahlen nicht trauten. Wir hatten ein mulmiges Gefühl bei der Arbeit, aber zum Glück ist nichts passiert. Inzwischen sind wir auch vermehrt mit überforderten Angehörigen konfrontiert, von denen zum Teil massive Drohungen ausgehen. Das kommt auch von Personen, die vermutlich Angst haben, nicht die Versorgung zu erhalten, die sie brauchen, die Sorgen haben, weil sie vielleicht ihre Anghörigen angesteckt haben. So gab es auch schon Drohungen, dass es rechtliche Konsequenzen haben werde, wenn wir ihre Angehörigen nicht retten können. Natürlich gibt es aber auch viele Angehörige, die einfach nur dankbar für unsere Arbeit sind. 

 

Als Pflegefachfrau in der Intensivpflege haben Sie die Pandemie zweifach erlebt: im Privaten, wie wir alle, und als Realität bei der Arbeit. Hat das Spuren hinterlassen?

Für mich hat sich zu Beginn nicht viel verändert. Während andere im ersten Lockdown zu Hause bleiben mussten, ging ich normal zur Arbeit und konnte mich mit meinen ArbeitskollegInnen austauschen. Aber klar, die Arbeit ist sehr belastend, auch psychisch. Anfangs wussten wir nicht, ob die PatientInnen überleben und ob unsere Arbeit überhaupt sinnvoll ist. Es war eine sehr schöne Erfahrung, als einige geheilte Covid-PatientInnen unsere Abteilung später besucht haben. Das hat gezeigt, dass unsere Arbeit tatsächlich einen spürbaren Einfluss hat. Privat hat mich vor allem der Kontakt mit meiner Mutter beschäftigt. Wir haben früh und intensiv darüber diskutiert, ob ich sie noch besuchen soll oder nicht. Am Schluss hat sie eine Patientinnenverfügung geschrieben, weil es ihr wichtiger war, mich zu sehen, als vollständig vor dem Virus geschützt zu sein. 

 

Hatten Sie selbst Covid-19?

Ja, im Dezember 2020. Aber ich habe mich nicht im direkten Kontakt mit PatientInnen angesteckt, sondern wahrscheinlich beim Einkaufen. 

 

Zur Zeit sind über 90 Prozent der Covid-PatientInnen auf den Intensivstationen ungeimpft. Ist das nicht frustrierend?

Natürlich führt der grosse Anteil an Ungeimpften auf der Abteilung manchmal zu Unverständnis im Team, weil wir sehen, dass die Impfung schützen und den Aufenthalt auf der Intensivstation verhindern könnte. Aber es gibt verschiedene Gründe, warum Personen ungeimpft auf der Intensivstation landen. Manche haben sich zwischen der ersten und zweiten Impfung angesteckt, anderen wurde vielleicht aus medizinischen Gründen von einer Impfung abgeraten  Einige haben die Impfung wohl einfach verlauert. Ich möchte das auch gar nicht werten. Wenn Leute zum Beispiel wegen Drogen- oder Alkoholkonsum bei uns landen, verurteile ich das ja auch nicht. 

 

Die Situation in den Intensivstationen spitzt sich jetzt wieder zu. Gleichzeitig fehlt das entsprechende Personal, um die Kapazität zu erhöhen. Warum ist es so schwierig, Personal zu finden?

Covid-19 hat die Arbeitsbedingungen, die bereits vor der Pandemie prekär waren, weiter verschärft. Die Probleme sind seit längerem bekannt: Es besteht ein enormer Leistungsdruck, zu wenig ausgebildetes und qualifiziertes Personal muss sich um zu viele PatientInnen kümmern. Dieser Druck hat sich mit Covid-19 weiter verstärkt. Zudem sind die Arbeitsbedingungen hart: Wir arbeiten in drei Schichten, der Nachtdienst fällt mir persönlich besonders schwer. Häufig arbeitet man an drei aufeinanderfolgenden Wochenenden, was vor allem für junge Menschen unattraktiv ist. Bei diesen Bedingungen überrascht es mich nicht, dass die wenigsten zu 100 Prozent arbeiten. Mit einem Vollpensum bleibt schlicht zu wenig Zeit für die Erholung. Diese finanzieren sich viele mit einem kleineren Pensum selbst. 

 

Kennen Sie Personen, die den Beruf deswegen aufgegeben haben?

Ja, ich kenne bereits drei Personen, die seit Beginn der Pandemie den Beruf verlassen haben, vor allem jüngere Menschen. Das zeigen auch die Zahlen des VPOD: Mit 30 sind nur noch rund die Hälfte der Pflegefachpersonen in ihrem gelernten Beruf tätig. Insgesamt haben auf unserer Abteilung zwar nicht mehr Personen gekündigt als letztes Jahr, aber wer es sich leisten kann, reduziert das Pensum. Ich überlege mir dies aktuell auch. Gleichzeitig werde händeringend Fachkräfte gesucht. Und so werden jetzt vorübergehend PraktikantInnen eingestellt, die beim Betten und Lagern helfen können oder die Medikamente vorbereiten. Aber die ganze Verantwortung für die PatientInnen und auch für diese Hilfskräfte bleibt an immer weniger qualifizierten ExpertInnen Intensivpflege hängen. Darunter leidet das angestammte Personal, und im Endeffekt auch die PatientInnen und ihre Angehörigen, wenn wir keine Zeit für die zwischenmenschlichen Kontakte mehr haben.

 

Was müsste sich dann konkret und längerfristig an den Arbeitsbedingungen ändern, damit der Pflegeberuf wieder attraktiver wird?

Eine grosse Belastung sind die vielen Schichten, die für einen 24-Stunden Betrieb notwendig sind. Zwar erhalten wir bei einem Nachtdienst 20 Prozent mehr Zeit vergütet, aber das ist im Vergleich zur Privatwirtschaft deutlich weniger. Ausserdem bräuchte es grosszügigere Schichtzulagen und mehr Ferien. Und natürlich mehr Personal, damit die Arbeitsbelastung sinkt…

 

Dieses Personal ist aber aktuell nicht vorhanden…

Ja, weil die Arbeitsbedingungen mit den Schichten unattraktiv sind, die Verantwortung und Belastung gross ist. Eine konkrete Idee für eine Verbesserung wäre, dass man für 100 Prozent Lohn nur noch 90 Prozent arbeiten muss. So wäre die Erholungszeit bereits im Pensum integriert. Ich befürchte aber, dass sich an dieser Situation so schnell nichts ändern wird.

 

Wieso nicht?

Bereits zwischen der ersten und zweiten Welle haben wir erlebt, dass die Spitäler alle aufgeschobenen Operationen nachgeholt haben. Sie haben im letzten Jahr ein Defizit verzeichnet, das sie nun ausgleichen müssen. Die verschobenen Operationen können aber auch nicht beliebig aufgeschoben oder ganz abgesagt werden. Die PatientInnen haben ein gesundheitliches Problem. Für das Personal in den Spitälern hat es deshalb seit Beginn der Pandemie kaum eine Verschnaufpause gegeben – und jetzt sind wir bereits in der vierten Welle. Das Problem im Pflegebereich ist vor allem ein politisches, aber die Spitäler und die Politik schieben die Verantwortung hin und her. 

 

Ist das nicht gar pessimistisch? Beim Streit um die Bezahlung der Umkleidezeit hat das Personal doch am Ende obsiegt.

Ja, das stimmt, die 15 Minuten Umkleidezeit täglich sind uns vom Spital zugesprochen worden. Das entspricht aber nicht dem realen Zeitaufwand und die einzelnen Bereiche müssen selbst schauen, wie sie diese 15 Minuten Umkleidezeit kostenneutral umsetzen können. Im Alltag bedeutet das nun, dass wir die gleiche Arbeit in weniger Zeit ausführen müssen. Unter der Woche werden die 15 Minuten bei den Weiterbildungen eingespart, am Wochenende beginnt und endet die Schicht fünf Minuten vorher und die Mittagspause wird auch um fünf Minuten verlängert. Da die Arbeit aber die gleiche bleibt, ist der Zeitdruck einfach höher geworden. 

 

Die Pflegeinitiative, über die die Schweizer Stimmbevölkerung am 28. November 2021 abstimmen wird, verlangt, dass die Schweiz mehr Pflegepersonal ausbildet und gleichzeitig die Arbeitsbedingungen verbessert, damit mehr Personen auf dem Beruf bleiben. Ein richtiger Schritt?

Ja, die Initiative ist definitiv ein richtiger und wichtiger Schritt. Allerdings sind mir die Forderungen zu wenig konkret und die Umsetzung wird zu viel Zeit in Anspruch nehmen. In der Zwischenzeit bleibt der Druck auf dem Personal bestehen und wird womöglich noch grösser, weil immer mehr Pflegefachleute fehlen. 

 

Eine andere Option wäre ein Pflegestreik…

Das ist zwar vermehrt auch ein Thema, aber es ist sehr schwierig im sozialen Bereich, genügend Menschen zu mobilisieren. Ein grossangelegter Streik geht sowieso nicht, irgendwer muss ja die PatientInnen noch versorgen. Zudem fehlt vielen nach Jahren des Arbeitens am Limit und des ständigen Forderns nach Verbesserungen auch einfach die Energie. Nach einem langen ermüdenden Arbeitstag ist die Motivation für eine Kundgebung entsprechend klein. Aus meiner Sicht werden die Solidarität und das Verantwortungsbewusstsein des Pflegepersonals bewusst politisch ausgenutzt, um die Kosten für Verbesserungen bei den Arbeitsbedingungen einzusparen. Die Verantwortlichen wissen, dass wir die PatientInnen nicht im Stich lassen werden.

 

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