Die Schneekönigin

 

Das Handlungsballett «Giselle» strebt augenscheinlich nach Vollkommenheit, atmet sichtlich Strenge, Disziplin und Hierarchie, was von der Musik und dem Licht hin zur eindeutigen Klarheit unterstützt wird.

 

«Uff, sie hats geschafft», zeigte sich ein früherer Gewinner des Prix de Lausanne als bester Schweizer Tänzer nach der Premiere von Patrice Barts Zürcher Neuinterpretation von «Giselle» sichtlich erleichtert. Nicht nur der Schwierigkeitsgrad der Hauptrolle war damit gemeint, sondern die sichtbare körperliche Erschwernis, die Yen Han verletzungsbedingt zeichnete und ihr im zweiten Teil des romantischen Handlungsballetts als wieder auferstandene Tote beinahe schon furchteinflössende Züge verlieh. Nach der tendenziell Zeitgenossenschaft selbst in Klassiker wie «Romeo und Julia» einfliessen lassenden Tanzsprache der Compagnie seit der Übernahme durch Christian Spuck, ist diese sehr französische «Giselle» für all jene, denen die bare Herstellung von Grazie und die getanzte Suche nach Perfektion und Vollkommenheit näher ist, ein grosses Geschenk. Die Handlung ist simpel, wird mit ausreichend pantomimischer Darstellung und sehr grossen Aufmärschen in den Gruppenszenen für sich allein schon erklärend. Auf der emotionalen Ebene lässt die Musik von Adolphe Adam – mal wieder mit dem ganzen Orchester (Leitung: Ermanno Florio) – keine Fragen oder Fehlinterpretationen zu. Sie unterstützt in einer mit grossen Gesten ausgebreiteten Dramatik sämtliche Gefühlslagen zur intuitiv funktionierenden Gewissheit. In dieser bereits ziemlich hierarchisch strukturierten Handlung übernimmt das Licht die Verdeutlichung dieser Komponente, wenn Nuancen von Helligkeit unterscheiden, wem jetzt gerade die ungeteilte Aufmerksamkeit zu gelten hat.

 

Frohsinn und Tyrannei

Im ersten Teil ist Winzerfest und eine ausgelassene Freude dominiert die in Erdtönen gehaltene Grundstimmung von Luisa Spinatelli (Bühne/Kostüme), der nur das mahnende Eingreifen von Giselles Mutter (Eva Dewaele) entgegenwirkt. Die Gruppenszenen dominieren gefühlt und die Auftritte der um Giselles Gunst konkurrierenden Herren – Herzog Albrecht (Denis Vieira) und der Wildhüter Hilarion (Filipe Portugal) – sind im Vergleich zum kraftvoll-energischen Bauern-Pas-de-Deux von Arman Grigorian und Galina Mihaylova mehr handlungsillustrierend denn tanzend angelegt. Einzig Albrecht obliegt der machohafte Angeber-Pfauentanz mit hohen Sprüngen und Stolz geschwellter Brust, dass man zeitweise an die spanische Hofreitschule denkt. Der zweite Teil ist merklich kühler und sehr viel tänzerischer, wenngleich Spitzentänzer wie Filipe Portugal mehrheitlich in die Funktion des Spielballs für bildstarke Gruppenchoreographien der Männer in den getanzten Tod treibenden Wilis reduziert werden. Auch, aber nicht nur, wegen der sichtbaren Angeschlagenheit der Titelrolle tanzenden Yen Han, ertanzt sich durch Erhabenheit, Konzentriertheit und Spannung als Myrtha, Königin der Wilis, Viktorina Kapitanova die ungeteilte Aufmerksamkeit als tyrannische Herrscherin im Sinne von Andersens Schneekönigin. Sie schwebt auf Spitzen bis zur Mitte der Bühne, ändert den Kurs in Richtung Publikum und legt ein Solo hin, dass es einem den Atem verschlägt. Aber auch in ruhender Funktion am Bühnenrand stellt sie die personifizierte Grazie dar und blickt herrisch kontrollierend in die Ränge. Viktorina Kapitanova füllt ihre Rolle im Wortsinne mit Leben, sprüht vor Energie und Kraft und macht damit für einmal leider sehr offensichtlich den grossen Unterschied in der Wirkung zwischen kompletter Topform und minimaler Unpässlichkeit manifest. Das schmälert die Hochachtung vor der Leistung Yen Hans auf keinste Weise, aber für die Vorstellung der Premiere war die alle weiblichen Rollen in Ausdruck, Leichtigkeit und Perfektion überragende Tänzerin Viktorina Kapitanova.

Liesse man der Begeisterung freien Lauf, könnte man diese überragende Leistung gar auf die ganze Compagnie ausdehnen, denn selbst Denis Vieira in der männlichen Titelrolle wirkte im Vergleich angespannter und patzte mehrfach, wenngleich auf dermassen hohem Niveau, dass eine solche Bemerkung durchaus leichte Züge von anmassend hat.

 

«Giselle», bis 22.5., Opernhaus, Zürich.

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