«Die Politik interessiert sich für dich»

An dieser Stelle präsentieren wir jene KandidatInnen aus dem links-grünen Spektrum, die als Neue entweder die Spitze der Liste einnehmen oder eine realistische Chance besitzen, gewählt zu werden. Diese Woche ist das Anika Brunner, Fachfrau Gesundheit und Bachelor-Studentin Pflege, die auf Listenplatz 5 der Grünen kandidiert.

 

Mehr Frauen, mehr junge und mehr umweltbewusste Menschen nach Bern – so kann man den Wahlkampf 2019 zusammenfassen. Anika Brunner, die 20-jährige Spitzenkandidatin der Jungen Grünen, erfüllt diese Anforderungen mit links. Sie redet und schreibt obendrein gern Klartext, ob in «Grünen Gedanken» im P.S. oder auf ihrer Website: «Du interssierst dich einfach nicht für Politik? Das versuche ich auch manchmal (…). Bislang erfolglos. Lebensmittel kaufen im Laden, Gletscherschmelze, Mindestlohn, Elternzeit, als Mensch mit einer Behinderung keinen Job finden, steigende Krankenkassenkosten, als homosexuelles Pärchen nicht heiraten dürfen, Integration von Menschen aus anderen Ländern, Export von Kriegsmaterial – die Politik entscheidet über all diese Dinge. (…) Zu sagen, man interessiere sich nicht für Politik ist in etwa so, als würde man sagen, dass man sich nicht für die Welt interessiert. (…) Doch die Politik interessiert sich in jedem Fall für dich!»

 

Politik nicht nur für Studierte

Anika Brunner wuchs im Zürcher Oberland auf. Ihre Mutter arbeitete als Typographin in einer Druckerei, ihr Vater als kaufmännischer Angestellter. Die Eltern trennten sich früh. Ursprünglich wollte sie nach der bestandenen Gymiprüfung Geschichte und Politik studieren. Doch dann erkrankte ihr Stiefvater schwer, die Familie pflegte ihn zuhause. So kam es, dass sie sich für die Ausbildung zur Fachfrau Gesundheit und die Berufsmatur entschied. Zurzeit macht sie den Bachelor Pflege. Allenfalls später noch Geschichte zu studieren, hat sie nicht vor: «In kaum einem anderen Beruf ist man so nah am Leben dran, mit Menschen aus allen Gesellschaftsschichten und Kulturen. Doch die Anerkennung meines Berufsstands ist tief, und die Arbeitsbedingungen mit dem chronischen Personalmangel sind oftmals erdrückend. Auch da braucht es Politik.»

Ihr Interesse für die Politik ist Anika Brunner nicht in die Wiege gelegt worden, in ihrer Familie ist ausser ihr niemand bei einer Partei. «Zudem ging es bei uns auf dem Land in Sachen Politik stammtischmässig zu und her. Es redeten nur alte Männer, und das, was sie sagten, entsprach meistens der Haltung der SVP.» Anika Brunner reizte es bald, selber mitzudiskutieren und andere Töne einzubringen. «Doch um in diesem Umfeld überhaupt gehört zu werden, sei Dossierkenntnis unabdingbar.» Also begann sie zu lesen, sich zu informieren, alles dafür zu tun, um «besser drauszukommen». Für sie ist alles politisch: «Damit stosse ich manchmal schon auf Unverständnis, besonders bei Gleichaltrigen, die sich weniger für diese Themen interessieren.»

Auf der anderen Seite gehöre sie aber auch nicht zu den «linken Intellektuellen» dazu, dagegen spreche ihr Arbeiterhintergrund. Wobei sie anfügt, dort, wo sie herkomme, würden eigentlich mehr Menschen links wählen, doch sie fühlten sich von SP und Grünen nicht abgeholt: «Sie empfinden nur die SVP als volksnah. Bei allen anderen Parteien haben sie das Gefühl, sie seien nicht ‹gescheit genug›, um mitzutun.»

 

«Klima – Thema meiner Generation»

Bei den Jungen Grünen fühlt sich Anika Brunner am richtigen Ort. Sie findet es auch gut, dass die Umwelt zurzeit derart im Mittelpunkt der politischen Debatte steht: «Es geht schliesslich um unsere Lebensgrundlagen! Umwelt und Klima sind klar das Thema meiner Generation.»

Parlamentserfahrung hat Anika Brunner, die im Frühling den ersten Ersatzplatz der Grünen Bezirk Meilen für den Kantonsrat eroberte, (noch) nicht. Ihre Kandidatur sei nur schon deshalb wichtig, um junge Menschen zu motivieren, sich selbst aktiv ins politische System einzubringen, erklärt sie und fügt an, sie könnte sich in Bern schon durchsetzen. Man glaubt es ihr gern: Anika Brunner ist schlagfertig, dossierfest, selbstbewusst. Ihr beruflicher Hintergrund hilft ihr ebenfalls dabei, sich zu behaupten: «Als Fachfrau Gesundheit habe ich täglich mit ganz unterschiedlich tickenden Menschen zu tun und muss mich mit allen verständigen können.» Ihre Mutter, die sich selber sicher nicht als Feministin bezeichnen würde, habe sie zudem im feministischen Sinne erzogen: «Sie ist eine taffe Frau, die sich nie hat unterkriegen lassen».

Bei ihren politischen Themen fackelt Anika Brunner nicht lange: «Der Finanzplatz muss ökologisch und sozial verträglich sowie tranparent werden. Ausserdem brauchen wir Regeln fürs Lobbying im Bundeshaus und für eine transparente Parteienfinanzierung.» Sie befürwortet Lenkungsabgaben, die an die Bevölkerung zurückverteilt werden. Autoverbote in den Innenstädten sollten kein Tabu sein. «Das Zentrale ist, dass wir die Verantwortung nicht auf jeden Einzelnen abtragen, sondern politisch die Rahmenbedingungen hin zu ökologisch sinnvollem Verhalten ändern.» Sie ernährt sich seit rund fünf Jahren vegan, hängt das aber nicht an die grosse Glocke: «Ich will nicht missionieren, aber darüber informieren, dass eine klimafreundliche Ernährung am einfachsten zu haben ist, wenn man auf tierische Produkte verzichtet und gleichzeitig darauf achtet, regional einzukaufen.»

In der Gesundheitspolitik wirke sich das, was unser Wirtschaftssystem generell präge, noch verheerender aus denn anderswo, ist Anika Brunner überzeugt: «Alles ist nur auf kurzfristigen Profit ausgerichtet. Im Endeffekt entstehen dadurch aber meist höhere Kosten.» Hier brauche es neue, bessere Rahmenbedingungen. Trotz Niederlage an der Urne steht auch ein bedingungsloses Grundeinkommen nach wie vor auf ihrer Themenliste: «Die Digitalisierung wird uns viele Stellen kosten, und jene, die dadurch neu geschaffen werden, verlangen nach viel höher qualifizierten ArbeitnehmerInnen. Deshalb müssen wir uns über eine neue, von der Lohnarbeit unabhängige Existenzsicherung Gedanken machen.» Verständlich zu reden und ehrlich zu arbeiten ist ihr wichtig. Sie denkt global und handelt lokal, und was sie speziell auszeichnet, dürfte auch im hehren Bundeshaus gut ankommen: Sie ist schlicht begeistert von der Politik.

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