- Kultur
Die Larmoyanz der Dampfwalze
Sämtliche Frauen tragen Trauer. Passend zur Erzählung. Der sizilianische Fürst von Salina (Markus Scheumann) hinterlässt während seiner nur widerwillig vollzogenen Anpassung an die neuen Gegebenheiten einer neuen Zeit einen riesigen Scherbenhaufen. Angesichts seiner final schwindenden Kräfte flüchtet er sich ein letztes Mal hinter den Panzer des Dünkels und beklagt sein Tun, also sich, als tapfer aufopferndes Hochhalten des alten Glanzes der alten Werte. Was er sterbend als kolossale Sinnlosigkeit erkennt. Die sehr kurzweiligen drei Stunden fächern in der Schiffbauhalle ein universelles Phänomen auf, sich gegen die Enthebung aus einer sehr privilegierten Lage mit allen möglichen Mitteln und Methoden so lange zu erwehren, bis sich eine Gelegenheit zur eigenen Ehrenrettung eine bislang ungeahnte Abkürzung anerbietet, die zumindest zum Vorteil für die namens- und titelerhaltenden Teile der Nachkommen gereicht. Was wiederum, in das Licht einer heldenhaften Tat gerückt, jedwede, auch die offensichtlichste Hartherzigkeit in den Schatten stellt und sie dem Vergessen anheimfallen lassen kann. Dieser Ausgang könnte gut und gerne als Glück im Unglück angesehen werden, wer aber wie der Fürst seinen Adelsstand, seine Herrschaft, seinen uneingeschränkten Einfluss derart verinnerlicht hat, dass Person und Funktion anscheinend untrennbar ineinander übergingen und zum Selbstzweck mutierten, muss quasi zwangsläufig jedes Quentchen Abweichung davon beklagen und als persönliches Versagen verstehen. Was nicht sein kann. Weils nicht sein darf. Als gottesfürchtiger Katholik benötigt er vor dem eigenen Hinschied also dringend eine so plausible Erklärung einer fremdbestimmten Ursache für sein menschliches Versagen, dass er sie selber glauben und entsprechend vehement an der Himmelspforte verteidigen kann. Der Monolog seines Klagelieds füllt beinahe in Gänze den Teil nach der Pause und bietet Markus Scheumann eine Steilvorlage zum Glänzen, als wär er qua Rolle nicht bloss Dreh- und Angelpunkt des ganzen Stücks, sondern qua Verkörperung auch der einem Feuerwerk nahem Höhepunkt. Wahrhaftige Grandezza leuchtet von innen, schon klar. Aber erst wenn auch das Wundenlecken in heuchlerischer Larmoyanz die nachgerade kategorische Durchdringung einer Haltung in all ihrer Fehlerhaftigkeit und Verblendung und das letztlich irgendwie halt doch auch nachfühlbare Übertünchen des vollzogenen Selbstbetrugs wie eine ursächliche Heldenhaftigkeit erscheinen lässt, stirbt es sich mild lächelnd und aufrechten Hauptes im Bewusstsein wahrer Grösse. Nur schon dieses Schauspiel müsste als angeblich langjährig ersehnte Glanzleistung sämtliche Kritiker:innen des Schauspielhauses Zürich für einmal mit ihrem Spielort wieder zu versöhnen vermögen.
«Il Gattopardo», bis 10.1., Schauspielhaus, Zürich.