Die Jungen und der Wolf

Die Klagen ähneln sich und kommen immer wieder: Neue Technologien verderben die Jugend. Erst waren es Romane, dann war es das Radio oder Comicbücher. Schlimm war natürlich auch der Fernseher, Horrorfilme und Videospiele. All diese Technologien – so wurde gewarnt, hätten die schlimmsten Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche. Und im Nachhinein stellte sich heraus: alles Panikmache. Damit wird der Sozialpsychologe Jonathan Haidt oft konfrontiert. Haidt hat vor Kurzem ein vielbeachtetes Buch publiziert: «The Anxious Generation» (Die verunsicherte Generation). Darin stellt er – umrahmt von vielen Studien und Zahlen – eine einfache These auf. Der Anstieg psychischer Erkrankungen von Jugendlichen, insbesondere bei Mädchen, sei vor allem auf das Aufkommen von Smartphones zurückzuführen. Der Anstieg von psychischen Krankheiten habe nach 2012 begonnen und nach 2012 in allen englischsprachigen Ländern massiv zugenommen. Dies sei parallel zum Aufkommen des Smartphones und der Sozialen Medien. Mädchen seien besonders betroffen, da sie Soziale Medien mehr benutzen. Soziale Medien seien problematisch, weil sie dazu führten, dass man sich mit vermeintlich idealen Personen vergleicht und auch ständig Kommentaren ausgesetzt ist. Auch bei Jungen steigen die psychischen Krankheiten an, aber weit weniger stark als bei den Mädchen. Dies weil Jungen weniger auf Sozialen Medien aktiv sind, sondern eher sich für Games (oder Pornographie) interessieren. Auch dies sei nicht unproblematisch für die Jungen, die laut Haidt damit Gefahr liefen, sich sozial zu isolieren und später unter den Folgen eines zu grossen Bildschirmkonsums leiden würden. Erschwerend dazu kommen Probleme wie Cybermobbing oder Cybergrooming, denen Kinder online ausgesetzt sind. Schon zuvor habe die Tendenz zugenommen, dass Kinder weniger unbeaufsichtigt spielen würden und ihnen weniger Freiheiten und Freiraum zugebilligt würde. Diese Kombination sei für den Anstieg der psychischen Probleme verantwortlich, so Haidt. Die Lösung sei daher relativ einfach: Zum einen sollen Schulen die Handynutzung während der Schulzeit verbieten (auch in den Pausen) und zum anderen soll der Zeitpunkt, bis die Jugendlichen ein Handy haben, möglichst hinausgezögert werden. Seine Empfehlung: Ein Smartphone erst ab 14 Jahren und Social Media erst ab 16 Jahren. 

Haidts Buch und Thesen sind kontrovers. Viele Forscher:innen werfen ihm vor, zu simplifizieren und vorschnell vor dem Wolf zu warnen, obwohl man gar noch nicht wisse, wie die Auswirkungen sind. Alle neuen Technologien seien zu Beginn verteufelt worden. Er verwechsle Korrelation mit Kausalität, nur weil statistisch ein Zusammenhang festgestellt wurde, sei das noch nicht zwingend ursächlich. Es gäbe noch andere plausible Erklärungen für den Anstieg der psychischen Krankheiten. Zum Beispiel düstere Zukunftsaussichten wegen dem Klimawandel oder anderen globalen Krisen oder die Entstigmatisierung von psychischen Problemen, die in den letzten Jahren stattgefunden hat. Das führe dazu, dass mehr Menschen Hilfe bei psychischen Problemen suchen als früher. Und ausserdem könne das auch eine Huhn-Ei-Frage sein: Sind die Menschen depressiver, weil sie die Sozialen Medien viel nutzen oder nutzen sie sie viel, weil sie depressiv sind? Haidt will davon nichts wissen: Es gäbe nichts in der Weltlage, die 2012 zu einem Anstieg von psychischen Problemen geführt hätten. Die Klimastreiks hätten erst später stattgefunden, der massive Anstieg habe schon vor Covid angefangen, Covid habe auch kaum einen Effekt gehabt (dies gilt nicht für die Schweiz, allerdings ist hier die Datenlage nicht sonderlich gut). Die Enttabuisierung von psychischen Krankheiten hätte schon vor 2012 begonnen. Zudem gäbe es durchaus auch experimentelle Studien, die Kausalität und nicht nur Korrelation zeigten. Im übrigen habe der Hirtenjunge aus Äsops Fabel zwar vor dem Wolf gewarnt, obwohl es keinen gab. Aber das sei nicht das Ende der Geschichte. Denn dort kommt der Wolf zum Schluss tatsächlich.

Mir scheint die rein monokausale Erklärung auch etwas unterkomplex. Wahrscheinlicher scheint mir, dass es eine Reihe von anderen Faktoren und Smartphones sind, die zu der Entwicklung beigetragen haben. Was Haidt so beliebt macht ist, dass seine Erkenntnis den Erfahrungen entspricht, die wir alle machen. Tatsächlich ist der technologische Wandel rasant und es gibt gute Gründe zu glauben, dass dieser nicht folgenlos ist, auch nicht neurologisch. Auch wir Erwachsene merken, dass uns die ständige Erreichbarkeit, das ständige Online-Sein nicht immer guttut, dass sich unsere Aufmerksamkeitsspanne verringert hat, dass wir schweigen und warten kaum mehr aushalten, weil wir in unseren Taschen eine kleine Maschine haben, die einen sofort ablenken und unterhalten kann. Und es passt auch gut zu dem, was viele Lehrpersonen, Eltern und die Jugendlichen selbst sagen. Nämlich, dass die Sozialen Medien ihnen nicht guttun. Und: Wie Facebook-Whistleblowerin Frances Haugen sagte, sei dem Techkonzern Meta interne Forschung vorgelegen, wonach Instagram negative Auswirkungen auf die psychische Gesundheit von Mädchen habe. Der Konzern habe nichts dagegen unternommen. Gerade das Aufkommen von Tiktok und seinem algorithmischen, süchtig machenden Feed ist vielen Jugendlichen selbst ungeheuer. 

Der amerikanische Gesundheitsminister schlägt nun vor, dass analog zu Zigaretten Warnmeldungen bei Sozialen Medien veröffentlicht werden sollen. Nun kann man sich berechtigterweise fragen, ob wir schon genügend über die schädliche Wirkung von Social Media wissen. Zudem ist es auch nicht so, dass Soziale Medien allen schaden würden, gewisse würden auch davon profitieren, was man von Zigaretten nicht sagen kann. Auch ist eher umstritten, ob solche Warnhinweise überhaupt nützen. 

Auch nicht trivial ist die Frage des Jugendschutzes und der Altersprüfung. Die erwachsenen Benutzer:innen pochen mit Recht auf Privatsphäre, doch gleichzeitig ist es durchaus auch anerkannt, dass man Kinder vor ungeeigneten Inhalten schützen müsste. Beide Bedürfnisse unter einen Hut zu bringen, ist nicht einfach. Dieses Problem könnte mit einer E-ID gelöst werden, in denen eine Altersverifikation möglich wäre, ohne dass andere Identifikationsmerkmale abgegeben werden müssen. Das ist allerdings Zukunftsmusik. 

Es scheint mir offenkundig, dass die zunehmenden psychischen Krankheiten bei Kindern und Jugendlichen ein Problem sind, das angegangen werden muss. Zu den Ursachen und zur Lösung braucht es aber noch einiges mehr an Wissen und Forschung. Aber es ist wichtig, dass man jetzt mit der Diskussion auch beginnt. Über handyfreie Schulen könnte man beispielsweise durchaus sprechen. Denn das nützt vielleicht nichts, ist aber sicher auch nicht schädlich. 

25 Jahre sind nicht genug …

P.S. feiert eigentlich seinen 25. Geburtstag. Aber es könnte der letzte sein. Wir brauchen Ihre Hilfe.