«Die Grünen könnten viel radikaler auftreten»

An der Generalversammlung vom nächsten Dienstag tritt der Präsident der Grünen Stadt Zürich, Christoph Hug, zurück. Was er als Gründungsmitglied, langjähriger Gemeinderat und Präsident so alles erlebt hat und wie er der Partei künftig erhalten bleibt, erklärt er im Gepräch mit Nicole Soland.

 

Sie hatten in den 32 Jahren, seit es die Grünen Stadt Zürich gibt, stets mindestens ein Parteiamt inne: Wie lange geht es, bis Sie genug davon haben, nur Ex-Präsident zu sein?

Christoph Hug: Dass ich aktives Parteimitglied bleibe, bis man mich raustragen muss, versteht sich von selbst. Was Parteiämter betrifft, höre ich als Präsident ebenso auf wie als Finanzverantwortlicher sowie als Mitglied des kantonalen und des eidgenössischen Parteivorstands. Im städtischen Vorstand hingegen möchte ich aktiv bleiben, wie ich das als Gründungsmitglied in den letzten 32 Jahren ununterbrochen war. Auch im Vorstand der Grünen Kreis 7/8 bleibe ich, und ich will mich dort künftig stärker engagieren.

 

Geht es Ihrer Kreispartei denn schlecht?

Sie war traditionell die stärkste Kreispartei mit den meisten Mitgliedern und den meisten WählerInnen, doch in den letzten rund zwölf Jahren wurde sie mehrfach überholt – von der Kreispartei 4/5 ebenso wie von jenen in den Kreisen 3/9 und 6/10.

 

Wie erklären Sie sich das?

Es hat vor allem damit zu tun, dass das Potenzial der dortigen Stammwählerschaft noch nicht ausgeschöpft ist. Wir im Kreis 7/8 hatten früh relativ viele WählerInnen, und entsprechend ist es für uns schwieriger, stets weitere dazuzugewinnen. Wir müssen also mehr machen, und das haben wir auch vor.

 

Hat der Zuwachs andernorts nicht auch demographische Gründe bzw. wohnen im Kreis 7/8 vergleichsweise mehr ältere Menschen, die entweder schon Mitglied sind – oder es nicht mehr werden wollen?

Nein, das ist kein Thema: In unserem Wahlkreis leben viele AkademikerInnen, und diese wählen durchaus auch grün…

 

…oder grünliberal?

Das natürlich auch. Aber der Hauptgrund für den Rückgang an WählerInnen ist, dass wir in den letzten Jahren zu wenig gemacht haben, um neue WählerInnen zu gewinnen.

Wenn ich nicht mehr so stark eingebunden bin wie als Präsident – als solcher hat man immer wieder Aufgaben innerhalb einer bestimmten Frist und unter einem gewissen Zeitdruck zu erledigen –, möchte ich  mich vermehrt mit der Mitgliederwerbung  befassen

 

Als Sie und Karin Rykart Sutter 2010 Co-PräsidentInnen der Grünen Stadt Zürich wurden, sagten Sie im P.S.-Interview, «ich erwarte, dass wir Riesensprünge machen – und wenn nicht, dann müssen wir uns in vier Jahren vorwerfen, versagt zu haben». Zumindest die Gemeinderatsfraktion hat keine Sprünge gemacht; sie zählt nach wie vor 14 Köpfe…

2010 hatten wir unseren WählerInnenanteil leicht steigern können, und damals legten die Grünen auch sonst überall zu.

Davon auszugehen, dass wir uns auf dem aufsteigenden Ast befänden, war also durchaus legitim. Aus heutiger Sicht hingegen haben wir tatsächlich versagt, denn bei den letzten Wahlen haben wir recht massiv verloren.

 

Machen Sie sich deswegen Vorwürfe?

Nein, mit mir persönlich hat das nichts zu tun. Der Trend der letzten Jahre ist klar: Dort, wo die Grünen einen Wähleranteil im tiefen einstelligen Bereich haben, legen sie zu, beispielsweise in den Kantonen St. Gallen, Schwyz oder Wallis. Dort hingegen, wo sie, wie im Kanton Zürich, über einen Anteil im zweistelligen Bereich verfügen, gehen die Zahlen tendenziell zurück.

 

Und warum ist das so?

Schwer zu sagen – zumal jüngst auch die Grünliberalen WählerInnen verloren haben. Allerdings hatten wir auch früher schon Auf- wie Abwärtsbewegungen; einen Rückgang gab es beispielsweise bereits 1994, als wir im Gemeinderat auf fünf Sitze zurückfielen. Auch andere Parteien, nicht zuletzt die SP, müssen sich über die Jahre mit solchen Bewegungen arrangieren.

 

Es gab demnach keine Fehler bezüglich Wahlkampfstrategie?

Die an einem Wahlkampf direkt Beteiligten können dessen Lauf viel weniger beeinflussen, als man gemeinhin denkt. Auch das Geld spielt keine entscheidende Rolle: Wenn man beispielsweise eine halbe Million Franken in einen Wahlkampf investiert, dann erreicht man in etwa dasselbe, wie wenn man noch 200 000 Franken mehr in die Hand genommen hätte.

 

Die Grünen sind einfach nicht mehr so in wie auch schon?

Lange vor den letzten eidgenössischen Wahlen hiess es in einer Zeitung, den Grünen gingen die Themen aus; andere Zeitungen nahmen die These auf, das Ganze begann sich zu verselbstständigen, und schon war ein Trend ausgemacht, der gegen die Grünen spreche. Damit will ich nicht sagen, die Medien seien schuld; solchen Mechanismen sind auch andere Parteien ausgesetzt. Wahrscheinlichere Gründe sind die finanzielle Unsicherheit nach dem Banken-Crash oder die Frankenstärke, die in letzter Zeit hauptsächlich im Fokus standen. Dies sind Themen, die den Grünen nicht helfen. Klassische ‹grüne› Themen gelten vielmehr immer noch als Luxusthemen, als etwas, womit man sich befasst, wenn man keine anderen Sorgen hat.

 

Seit Fukushima sind erst fünf Jahre vergangen – und der Kampf gegen die Atomenergie, ein Kernthema der Grünen, soll ein Luxusthema sein?

Das Problem dabei ist, dass die Leute nicht wahrhaben wollen, welche Gefahr die Atomkraftwerke bilden. «Fukushima» passierte in einer hochindustrialisierten, modernen Nation, und eigentlich ist seither allen klar, dass ein solches Unglück überall passieren könnte. Dennoch kann sich bei uns ein Regierungsrat in einer Zeitung zitieren lassen, als Nachbar eines AKW fühle er sich «pudelwohl» – und niemand nimmt daran Anstoss. Wir sind einfach sehr gut im Verdrängen: Wir wissen alle, dass ein Atomunfall bei uns dazu führen könnte, dass die halbe Schweiz unbewohnbar wäre, aber alle denken, das passiere schon nie.

 

Wie sieht es mit neuen Themen aus? Wären die Grünen nicht dafür prädestiniert, sich der Suffizienz anzunehmen und ihren potenziellen WählerInnen zu erklären, dass es nicht darum geht, auf etwas verzichten zu müssen, sondern darum, dass weniger Konsum durch mehr Lebensqualität mehr als aufgewogen wird?

Im ersten Parteiprogramm aus den 1980er-Jahren zeigten sich die Grünen in ihren Forderungen viel radikaler als heute. Dann wurden sie Teil von Parlamenten und Regierungen – und damit auch viel pragmatischer. Wenn wir heute dem bekannten deutschen Professor und Nachhaltigkeitsforscher Niko Paech zuhören, dann sagen wir uns: Wow, ist ja extrem, was der vorschlägt! Dabei wollten wir Grünen hierzulande einst auch die Hälfte des Autobahnnetzes renaturieren und die Hälfte der Flugplätze schliessen… Solches fordern wir heute nicht mehr. Persönlich finde ich Paech überzeugend und denke, dass die Grünen viel radikaler auftreten könnten.

 

Und warum tun sie es nicht?

Es ist ja nicht an den Zürcher Grünen, den Grünen Schweiz Themen aufzuzwingen… Und wir können und wollen uns der Realität von Zürich als Bankenplatz und Hochlohngebiet nicht entziehen, was logischerweise auch die Themenwahl prägt. Ich fände es gut, wenn regional und national Debatten über Themen wie Suffizienz mehr Raum bekämen. Denn ich glaube zwar nicht daran, dass es uns gelingen wird, die Hälfte der Autobahnen zu renaturieren. Aber das sollte uns nicht daran hindern, solche Forderungen aufzustellen. In der Stadt Zürich hat unsere Gemeinderatsfraktion beispielsweise letzte Woche im Rahmen der Richtplandebatte Velo-Schnellstrassen gefordert.

 

Die Partei, die Sie Ihrem designierten Nachfolger Felix Moser übergeben, ist also gut zwäg.

Den Grünen Zürich geht es prinzipiell gut; einzige Ausnahme ist aktuell die Kreispartei 4/5, wo die Meinungen auseinandergehen: Dort gibt es eine Kerngruppe von Leuten, die davon überzeugt sind, dass sie auf dem richtigen Weg sind, und darum herum viele, die diese Ansicht nicht teilen.

 

Wäre es da nicht an Ihnen als Stadtparteipräsident, schlichtend einzugreifen?

Das habe ich gemacht, beziehungsweise versucht. Unterdessen bin ich überzeugt, dass ich nichts anders hätte machen können oder müssen: Die Kreispartei hat wieder einen Vorstand, und es ist nun an ihm, den Beweis anzutreten, dass die Grünen in Zürich 4/5 wieder gut unterwegs sind. Schliesslich sind wir ein demokratisch organisierter Verein; das Präsidium der Stadtpartei hat gar nicht die Möglichkeit, einer Kreispartei irgendetwas vorzuschreiben.

Wir könnten höchstens eine ganze Kreispartei aus der Stadtpartei ausschliessen, doch dafür gibt es keinen Grund.

 

Ein für Sie wenig erfreuliches Schauspiel dürfte der zweite Wahlgang fürs Schulpräsidium Zürchberg gewesen sein, als mit Hilfe der SP statt des Grünen Balz Bürgisser die FDP-Frau Mirella Forster gewählt wurde: Wie war seither die Zusammenarbeit mit der SP?

Ich bin nach wie vor der Meinung, dass uns die SP damals verarscht hat: Sie ist schuld, dass wir eine bürgerliche Schulpräsidentin haben. Doch abgesehen davon, dass ich mit den damaligen Gewährsleuten keine Abmachung mehr treffen werde, ist der Fall für mich erledigt – zumal er sich ja auf Kreisebene abspielte, nicht auf der Ebene der Stadtpartei. Während meiner Zeit als Präsident habe ich gute Erfahrungen mit der SP gemacht. Sowohl mit dem Co-Präsidium Reimann/Sprecher als auch mit dem aktuellen Duo Rothenfluh/Denoth war die Zusammenarbeit stets gut, und sie brachte auch schöne Erfolge wie etwa die Wahl von Mathis Kläntschi zum Statthalter.

 

Insgesamt können Sie demnach eine positive Bilanz der sechs Jahre als Co-Präsident und Präsident ziehen.

Wenn ich das Strategiepapier anschaue, das wir zu Beginn dieser Zeit verfassten, dann haben wir es vermasselt: Die Ziele waren wohl zu hoch gesteckt. Es ist uns in den letzten Wahlen in der Stadt Zürich nicht gelungen, zuzulegen. Die Idee, dass jedes Mitglied der Gemeinderatsfraktion in einer Arbeitsgruppe der Partei mitmachen sollte, erwies sich als nicht umsetzbar: Wer eine 100-Prozent-Stelle mit Familie und Gemeinderatsmandat unter einen Hut bringen muss, hat dafür wohl einfach keine Zeit. Oder nehmen wir den Frauenanteil: Wenn sich mehrere gut qualifizierte Männer für ein Amt interessieren und sich gleichzeitig die gut qualifizierten Frauen nicht aufstellen lassen wollen, dann kann ich als Parteipräsident noch so unsere Vorgaben im Auge behalten, es hilft uns nichts. Immerhin: Ein Ziel haben wir erreicht.

 

Welches?

Jenes, das lautete, den finanziellen Zustand der Partei zu stabilisieren. Früher hatten wir nach jedem Wahlkampf eine Finanzkrise. Wir haben eingeführt, dass gut verdienende Mitglieder den doppelten Mitgliederbeitrag entrichten – wobei jede und jeder selber bestimmt, ob er oder sie sich als «gut verdienend» einschätzen will oder nicht. Weiter haben wir den 1000er-Club für jene Mitglieder eingeführt, denen die Mitgliedschaft 1000 Franken pro Jahr wert ist, und drittens haben wir die Rückstellungen für die Wahlen stark erhöht. Das hat funktioniert, und finanziell steht die Partei nun auf einer stark verbesserten Basis.

 

Nebst dem verstärkten Engagement für Ihre Kreispartei haben Sie sicher noch weitere Pläne für die Zukunft?

Ich werde dieses Jahr 60 und löse meinen bisherigen Vorgesetzten als Werkstattleiter der Trainings- und Orientierungswerkstatt des Jugendheims Schenkung Dapples ab. Seit 1997 habe ich stets 100 Prozent gearbeitet und mit vollem Einsatz Politik gemacht; nun wird es Zeit, auf ein altersgerechtes Niveau zurückzufahren: Der demütigenden Tatsache, dass die Energie mit dem Alter abnimmt, muss auch ich mich beugen.

Ich freue mich aber darauf, weiterhin in jedes der Kreuzworträtsel, die jeweils in der letzten Ausgabe des Monats im P.S. abgedruckt sind, 15 bis 25 Stunden Arbeit zu investieren und dabei darauf zu hoffen, dass mir möglichst jedes Mal ein paar schlaue Aphorismen oder witzige Pointen gelingen. Unterdessen habe ich rund 150 Rätsel geschrieben und bin auf der Suche nach einem Verlag, der sie als Buch drucken möchte. Auch das Werk meines Vaters, des Kunstmalers Fritz Hug, möchte ich endlich digitalisieren, was eine zeitintensive Arbeit ist. Die Gefahr, dass ich mich langweilen werde, ist auf jeden Fall klein.

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