Die Gentrifizierung und ich

Als ich letzthin an der Bushaltestelle an der Langstrasse stand, entdeckte ich einen neuen Imbissladen. Früher war dort in meiner Erinnerung ein etwas gammliger Kiosk. Jetzt kann man da Dänische Hotdogs und Smorgasbrod essen. Und da ich letzteres aus einem Besuch in Kopenhagen in sehr positiver Erinnerung habe, liess ich den Bus fahren und gönnte mir zwei dänische Brote mit Fisch. Und als ich so in diesem hellen, neuen Laden im skandinavischen Design sass, dachte ich, das ist eben genau diese Gentrifzierung. Und ich bin ein Teil davon.

 

Was ist eigentlich Gentrifizierung? So bezeichnet man laut Wikipedia «den sozioökonomischen Strukturwandel bestimmter grossstädtischer Viertel im Sinne einer Attraktivitätssteigerung für eine neue Klientel und dem anschliessenden Zuzug zahlungskräftiger Eigentümer und Mieter.» Es sei umstritten, ob die steigenden Mietpreise die Ursache oder die Folge dieses Prozesses sind. Es gäbe auch oft schon Anzeichen, bevor die Mietpreise steigen würden. Wer war zuerst da, das Huhn oder das Ei? Der Hipster oder die Spekulation?

 

Klassisch verläuft der Prozess aber wie folgt: In einem Quartier gibt es tiefe Mieten, darum wohnen da beispielsweise viele MigrantInnen. Daraufhin folgen Studierende und KünstlerInnen. Es folgen kulturelle Aktivitäten, Cafés und Bars, die das Quartier für andere attraktiv machen. Besserverdienende ziehen ein. Die Studierenden werden älter, steigen ins Berufsleben ein und verdienen plötzlich mehr. Immobilienbesitzer merken, dass sie ihre Wohnungen teurer vermieten oder ihre Immobilien teuer verkaufen können. Die schlechter Verdienenden – darunter viele, die schon lange im Quartier leben – können sich die Mieten nicht mehr leisten und ziehen weg. Eine Auswertung der Stadtentwicklung der Stadt Zürich hat festgestellt, dass in der ganzen Stadt Zürich in allen Quartieren eine Zunahme von Personen mit hohem sozialem Status stattgefunden hat. Damit sind Menschen mit höherer Bildung und höherem Einkommen gemeint. Besonders deutlich ist diese Entwicklung im Langstrassenquartier. Aber sie findet eigentlich überall statt. Im Seefeld, im Kreis 5 und in Wollishofen stagniert der Anteil auf hohem Niveau. Lediglich in Witikon findet  die Entwicklung nicht statt. In Seebach, Affoltern und Sihlfeld ist die Entwicklung relativ langsam. Es geht also längst nicht nur um Gentrifizierung in einzelnen Quartieren, sondern um einen Wandel der ganzen Stadt.

 

Die Entwicklung ist zwiespältig: Sie bringt einerseits mehr Lebensqualität, mehr Sicherheit und mehr Attraktivität in den Quartieren. Gut Ausgebildete und gut Verdienende sind gute SteuerzahlerInnen, gesuchte Arbeitkräfte und sie gründen Firmen. Gleichzeitig zeigen sich die StadtbewohnerInnen offen gegenüber sozialen und ökologischen Anliegen. Sie stimmen für den gemeinnützigen Wohnungsbau, für einen Ausbau der Kinderbetreuung und für die 2000-Watt-Gesellschaft. Aber die Entwicklung hat auch Schattenseiten. Diejenigen, die die Quartiere überhaupt erst attraktiv gemacht haben, die MigrantInnen, die KünstlerInnen und die Studierenden können sich die Wohnungen nicht mehr leisten und werden aus dem Quartier verdrängt.

 

Ich stand letzthin in der ‹Rundschau› an der Fernsehtheke, auf der Fernsehanklagebank sozusagen. Die SozialdemokratInnen, so meinte die ‹Rundschau› in einem Bericht, sind an der Gentrifizierung schuld. Sie haben Quartiere aufgewertet und verkehrsberuhigt. Das habe dann eben die gut verdienende urbane Mittelschicht und die Soya-Latte-Cafés angezogen und die bisherigen BewohnerInnen verdrängt. Das ist natürlich ein wenig platt: Man muss sich schliesslich auch vor Augen halten, wie die Städte waren, bevor die bösen rotgrünen GentrifiziererInnen ans Ruder kamen. A-Städte hiess es, Städte, in denen nur Arme, Alte und AusländerInnen wohnen würden. Es gab Drogenelend, Kriminalität, Verkehrschaos und klaffende Löcher in den Stadtkassen. Und man muss hier auch sagen: Zürich war eine ganz stiere Stadt mit wenig Kultur oder schon gar keinem Nachtleben.

 

Jetzt sind wir keine A-Stadt mehr, sondern eine Triple-A-Minimetropole. Sodass selbst der abtretende CVP-Stadtrat zum Leidwesen seiner Partei und ihrer Verbündeten sagen muss, es gäbe gar keinen Grund für eine bürgerliche Wende. Der Stadt gehe es schliesslich hervorragend. Zum zweiten muss man ebenfalls sagen, dass nicht die SP für die Immobilienspekulation verantwortlich ist. Trotzdem muss man ein wenig ehrlich sein. Denn wir sind auch ein wenig die Gentrifizierung. Wahlweise auch als Cüplisozis oder städtische Schickeria bezeichnet. Ich selber bin 1995 an die Luisenstrasse im Kreis 5 gezogen, der Letten wurde einen Monat vorher geschlossen. Die Wohnung war klein, die Dusche in der Küche, das WC im Gang. Im Hinterhof die Junkies und Dealer. Später bin ich an die Josefstrasse gezogen, an die Ecke der Langstrasse. Das Drogenelend ging zurück, das Ausgangspublikum kam. Später zog ich an die Motorenstrasse und anschliessend an die Meinrad-Lienert-Strasse im Kreis 3. Vorne rauschte der Verkehr auf der Seebahnstrasse, hinten donnerten die Lastwagen auf der Weststrasse. Der Rest ist bekannt. Die Weststrasse wurde verkehrsberuhigt. In unser Haus zog eine finnische Kaffee-Bar. Und der Vermieter fand irgendwann, dass er die Wohnungen sanieren und allen Mietern kündigen werde. Jetzt wohne ich in Wipkingen in einer schönen Wohnung in einer Liegenschaft aus den späten 1960ern, die, nun ja, wohl einmal eine Sanierung nötig hätte. Schon rein aus energetischen Gründen. Und trotzdem bin ich froh darum, dass die Besitzerin – eine Versicherung – dazu im Moment noch keine Anstalten macht.

 

Und natürlich bin ich kein Opfer, sondern eben gerade eine dieser Personen mit hohem sozialem Status, die gerne dänische Smorgasbrod, japanische Nudelsuppen und all den anderen Hipsterkram mag. Was tun also? Es schien mir immer zynisch, eine Verkehrsberuhigung zu verhindern, weil man keine hohen Mieten will. Haben denn arme Leute kein Recht auf saubere Luft? Klar ist aber, dass es schon noch etwas Anstrengung braucht, damit die Stadt gut durchmischt bleibt. Und dass es auch noch Wohnungen gibt für Leute mit kleinem Portemonnaie. Und auch für jene, die sich vielleicht nicht jeder als MieterInnen wünscht. Das hat seinen Preis. Im Fall der Gammelhäuser im Kreis 4 ist es ein sehr hoher. Aber einen, den man vermutlich zahlen muss.

 

Entscheidend ist jetzt vor allem die weitere Entwicklung. Dass man keine Fehler aus der Vergangenheit wiederholt, wenn man jetzt die Stadt weiterentwickelt. Und künftig auch die sozialen Folgen in die Verkehrs- und Aufwertungsmassnahmen einbezieht. Das wird nicht immer gelingen. Aber es ist immerhin ein Anfang.

 

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