«Die Förderung von Grundkompetenzen ist eine Staatsaufgabe»

Die Stiftung für Alphabetisierung und Grundbildung Schweiz (SAGS) setzt sich für Bildungsbenachteiligte ein. Im Gespräch mit Roxane Steiger erzählt Geschäftsführerin Elisabeth Derisiotis, weshalb der Einsatz für Grundkompetenzen wie Lesen, Schreiben oder Rechnen nach wie vor zentral ist.

 

Frau Derisiotis, Sie sind Geschäftsführerin bei der Stiftung für Alphabetisierung und Grundbildung Schweiz (SAGS). Wofür setzen Sie sich dort ein?

Elisabeth Derisiotis: Wir setzen uns seit eh und je für Bildungsbenachteiligte ein. Die SAGS ist entstanden, als der funktionale Analphabetismus, also Defizite beim Lesen oder Schreiben, als Thema aufgekommen ist. Ende der 1990er-Jahre konnte man beobachten, dass zunehmend Menschen, die das Schulsystem in der Schweiz durchlaufen haben, ungenügend lesen und schreiben können. So hat man angefangen, Kurse für Betroffene anzubieten. Doch trotz der Kursangebote werden Defizite in diesem Bereich von vielen betroffenen Menschen als Tabu gehandhabt. Das liegt daran, dass sie diese Schwäche nicht zeigen wollen. Die SAGS wollte deshalb in erster Linie für das Thema sensibilisieren. Wir bieten selber also keine Kurse an, aber wir machen auf Massnahmen und Kurse für Menschen aufmerksam, die eine Lese- und Schreibschwäche haben. 

 

Wie erreichen Sie diese Menschen?

Wir bieten eine Telefon-Helpline für Betroffene an. Diese ist in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Sozialversicherungen im Rahmen des vom Bundesrat initiierten Programms «Gegen Armut» entstanden. Menschen mit Bildungsbenachteiligung sind im Alltag mit verschiedenen Nachteilen konfrontiert, die schneller in die Armut führen können. Im Rahmen dieses Programms hat sich die SAGS dann in einer Arbeitsgruppe engagiert, die sich mit dem Informationszugang von Betroffenen auseinandergesetzt hat. Dabei haben wir uns mit der Frage beschäftigt, wo Betroffene die Informationen erhalten, die ihnen aufzeigen, wo sie sich Hilfe holen können. In dieser Arbeitsgruppe ist man dann zum Schluss gekommen, dass persönliche Zugänge am besten funktionieren – wie zum Beispiel eine telefonische Beratung. Telefonieren können die meisten Leute und es ist ein gewisser Grad an Anonymität gewährleistet. Das BSV hat uns dann diese Helpline mitfinanziert. So konnten wir dieses Projekt als Stiftung lancieren. In den Telefongesprächen gehen wir einzeln auf die Bedürfnisse von Betroffenen ein und verweisen diese Leute entsprechend an ein passendes Angebot. Unsere Beratungen laufen unter dem Motto Hilfe zur Selbsthilfe. Man muss die Unterstützung wollen, kann uns aber so oft kontaktieren wie man es braucht und möchte. 

 

Sie leisten also vorwiegend Sensibilisierungsarbeit. Wie machen Sie Ihr Anliegen sichtbar? 

Wir haben aus Kostengründen viel über Social Media auf unser Angebot aufmerksam gemacht. Das war aber nicht sehr zielführend. Damit alleine war es für uns nicht machbar, an die verschiedenen Zielgruppen heranzukommen. Deshalb haben wir dann mit finanzieller Unterstützung des Kantons Zürich eine Kampagne entworfen, die in den öffentlichen Verkehrsmitteln ausgeschildert wurde. Der Kampagnenstart ist dann aber unglücklicherweise mitten in die Coronapandemie gefallen. Zu dieser Zeit waren die Menschen weder in den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs, noch konnten die beworbenen Bildungsanlässe stattfinden. Das war fatal. 

 

Und wie geht es nun für die SAGS weiter? 

Heute sprechen wir auch im Kanton Zürich von der Förderung von Grundkompetenzen wie Lesen, Schreiben, Rechnen, Kommunikation in einer Landesspreche oder dem Umgang mit Informations-und Kommunikationstechnologie IKT. In diesem Bereich machen wir weiter. Es gibt viele erwachsene Personen, die bei diesen Grundkompetenzen Schwierigkeiten haben. Unsere Stiftung grenzt sich klar von Jugendlichen im ordentlichen Schulsystem bis zur zweiten Sekundarstufe ab. Für sie liegt die Verantwortung bei den Schulen. Dort gibt es auch genügend Angebote. Neben Beratung im Bereich Grundkompetenzen werden auch Erwachsene, die noch keinen anerkannten Berufsabschluss haben, werden von uns beraten und wir informieren auch über Angebote für Deutschkurse für Menschen mit Migrationshintergrund. 

 

Wie viele Menschen sind denn in der Schweiz von diesem Mangel an Grundkompetenzen betroffen?

Man geht immer noch von den Zahlen aus dem Jahr 2006 aus. Nach diesen Zahlen ist jede zehnte Person betroffen. Seit 2006 hat sich unser Bildungssystem allerdings stark verändert. Ich weiss nicht, ob diese Zahlen wirklich stimmen. Es werden allerdings keine neuen Studien durchgeführt oder an internationalen Studien teilgenommen. Ich glaube, der Vergleich mit dem Ausland ist bei uns schwierig, da wir ein anderes Schulsystem und eine andere Zuwanderung haben. In den letzten Jahren haben uns wenige Menschen deutscher Muttersprache angerufen, die Probleme mit Lesen und Schreiben auf Deutsch haben. Das Schulsystem hat in diesem Bereich in den letzten Jahren aufgeholt. Heute hat es mehr mit der mangelnden Berufsbildung zu tun. 

 

Wer ist denn vorwiegend betroffen? 

Das ist schwierig zu sagen. Von den Menschen, die hier in die Schule sind und das Schulsystem durchlaufen haben, gibt es wenige, die keine einfache Packungsbeilage lesen könnten. Es handelt sich vermehrt um Menschen mit Migrationshintergrund, die erst später einwandern und den Anschluss nicht finden. Sie haben die offizielle Schulzeit nicht in der Schweiz  absolviert und haben schnell angefangen, umgangssprachlich zu sprechen. Beim Lesen und Schreiben haben sie jedoch Schwierigkeiten. Solche Menschen sind zurzeit eine Hauptgruppe. 

 

Mit welchen Folgen sind Betroffene konfrontiert? 

An einem gewissen Punkt stossen diese Menschen an eine Grenze – ob in einer Lehre oder an der Uni. Wenn man Dyslexie oder Dyskalkulie hat, verfügt man über einen Nachteilsausgleich, in der Schule, im Studium oder auf dem Arbeitsmarkt. Menschen, die keine solche Diagnose haben hingegen nicht. So wird man zum Beispiel bei der Arbeit schnell abgestuft oder man verliert die Stelle, denn in sehr vielen Jobs ist man auf diese Grundkompetenzen angewiesen. Auch wenn man nur eine E-Mail oder eine Rechnung schreiben muss, will man ja nicht, dass diese voller Fehler ist. Gerade während Corona hat man gesehen, dass solche Menschen unter den Ersten ihre Stelle verlieren. 

 

Die Preisverleihung des von der jährlich von der SAGS organisierten siebten Schreibwettbewerbs für Deutschschweizer Jugendliche fand Ende Oktober im Jungen Literaturlabor in Zürich statt. Wieso haben Sie ein Angebot speziell für Jugendliche?

In diesem Gebiet sind wir als Stiftung sonst nicht tätig. Neben der Telefon-Helpline wollten wir jedoch auch ein Format anbieten, das die Motivation zum Lesen und Schreiben fördert. Dafür hatten wir die Idee eines Schreibwettbewerbs, die sehr gut angekommen ist. Es machen weiterhin viele Lehrpersonen und Klassen mit. Wir wollen jungen Menschen damit Mut machen, sich zu öffnen und mit dem Schreiben zu versuchen, über ihren Schatten zu springen. 

 

Was sind dabei für Geschichten entstanden? 

Dieses Jahr sind über hundert verschiedene Geschichten entstanden. Zum Teil sind sie fantasievoll, manchmal auch düster. Dieses Jahr war das Thema «Auf dem Heimweg». Insbesondere die älteren Jugendlichen haben dieses Thema mit dem Tod assoziiert. Das hat mich sehr berührt. Beim Lesen hatte ich das Gefühl, dass auf vielen Jugendlichen ein enormer Druck lastet. An der Preisverleihung sind bekannte AutorInnen sowie auch Menschen aus der Politik, die aus eigener Erfahrung da­ rüber berichten, wie wichtig Lesen und Schreiben sind. Die Teilnahme am Schreibwettbewerb ist für alle Jugendliche offen. Sie bringen alle unterschiedliche Kompetenzen mit. Das hat uns sehr gefreut, da diese Durchmischung viel Fantasie anregt. Allgemein aufgefallen ist mir, dass heute nicht mehr so viel Wert auf Grammatik und Rechtschreibung gelegt wird. Bei den Zeiten, Deklinationen oder bei der Gross- und Kleinschreibung machen viele Fehler.

 

Beunruhigt Sie das? 

Das habe ich mich auch gefragt. Wenn man aus der Fantasie schreibt, ist der Fokus auf diese Fragen sekundär. Allerdings muss man ja, wenn man sich später irgendwo bewirbt, korrekt schreiben können und diese Formalitäten beherrschen. 

 

Gibt es Bereiche, in denen die Politik zu wenig unternimmt, um diese Grundkompetenzen zu fördern? 

Was gerade im Kanton Zürich läuft, ist sehr fragwürdig. Gerade bin ich dran, einen Rekurs an die Bildungsdirektion zu verfassen. Die Bildungsdirektion hat den Aufbau einer Sensibilisierungskampagne und Datenbank unserer Stiftung zwei Jahre lang mit finanziellen Mitteln unterstützt. 

Dann kam die Pandemie. Danach, also im Frühjahr 2021, hat der Kantonsrat einstimmig 14,5 Millionen Franken für Grundkompetenzen gesprochen. Wir haben danach einen Antrag gestellt, in dem wir ausführen, dass wir unsere Sensibilisierungsarbeit weiterführen möchten. Dazu haben wir den entsprechend benötigten Betrag genannt. Auf diesen Antrag kam ein Satz der Bildungsdirektion zurück: Sie hätten kein Geld mehr und die 14,5 Millionen Franken bereits ausgegeben oder versprochen.

 

Wie kann das sein? 

Ich habe nun erfahren, dass die 14,5 Millionen Franken auch nicht bereits konkret in andere Projekte geflossen sind. Im März 2021 hat der Kantonsrat diesen Betrag für Grundkompetenzen für die nächsten drei Jahre gesprochen. Jetzt ist es aber so, dass es die Bildungsdirektion nicht fertiggebracht hat, dies mit der entsprechenden Gesetzesänderung zu koordinieren.  Nun haben wir eine Gesetzeslücke. Es wurden Gelder gesprochen, die nicht ausbezahlt werden konnten. Die Bildungsdirektion hat verpasst zu koordinieren, dass die Gesetzesänderung und der Antrag der Regierung an den Kantonsrat parallel laufen müssen. Die Gesetzesänderung liegt immer noch unbearbeitet in der Kommission. Das ist unverständlich. Koordination und Planung gehören zum politischen Alltag von Regierung und Parlament. 

Die Sensibilisierungskampagne der SAGS kann jedoch nach geltendem Recht unterstützt werden. Auch das wurde von der zuständigen Behörde nicht erkannt. Die aktuelle Situation ist für die SAGS sehr schwierig. Anstatt Rekurse zu schreiben würden wir lieber unsere Energie für die Helpline und die Beratung von Bildungsbenachteiligten einsetzen. Zudem ist es schwierig, von Stiftungen Geld zu erhalten, da viele der Ansicht sind, dass die Förderung von Grundkompetenzen und die Beratung der Betroffenen hauptsächlich eine Aufgabe des Staates sind. Dies ist auch die Haltung der SAGS.

 

 

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