Die Energiewende beginnt im Kopf

 

Der Nationalrat hat sich bereits über die Energiestrategie 2050 gebeugt, nächste Woche ist der Ständerat dran. Wo sie die grössten Baustellen der Energiewende ortet, erklärt Katharina Prelicz-Huber im Gespräch mit P.S.

 

Das erste Massnahmenpaket der Energiestrategie 2050 steht im Ständerat zur Debatte, und weitere Massnahmenpakete werden in der kommenden Legislatur zu reden geben. Worin sehen Sie die wichtigsten Eckpunkte dieser Vorlage?

Katharina Prelicz-Huber: Das Wichtigste ist, dass wir nun endlich Ernst machen mit der Umstellung auf erneuerbare Energien. Es wird immer klarer, dass die Vorräte an nicht-erneuerbarer Energie zur Neige gehen – und dass wir gleichzeitig immer noch viel zu viel Energie verbrauchen.

Zynischerweise überschreitet unsere Verschwendung bloss dank der noch nicht so stark entwickelten Länder dieser Erde nicht längst jedes Mass.

 

Die Energiestrategie des Bundes basiert auf dem Grundsatz, jede Energie möglichst sparsam zu verwenden und den Gesamtenergieverbrauch immer stärker aus erneuerbaren Energien zu decken: Rennen Sie offene Türen ein?

Nein, das ist leider überhaupt nicht der Fall. Sogar in der Stadt Zürich, in der sich die Stimmberechtigten dafür ausgesprochen haben, die 2000-Watt-Gesellschaft zu verwirklichen, hörte ich kürzlich an einem Wahlpodium Sätze wie, «das Volk kann sich gerne was wünschen, aber die 2000-Watt-Gesellschaft ist eine völlig unrealistische Idee, die sich nicht verwirklichen lässt».

Dabei sind bereits in den 1960er-Jahren sowohl das Nullenergie-Haus wie auch das 1-Liter-Auto erfunden worden. Aber weiterentwickelt und erschwinglich gemacht wurden diese Ideen nie, denn sie hätten in einer auf stetes Wachstum ausgerichteten Wirtschaftswelt logischerweise jenen geschadet, die sich mit ‹Benzinfresser-Autos› und Ölheizungen eine goldene Nase verdienen.

 

Sie wollen einen Sitz im Nationalrat: Ist es da wirklich eine gute Idee, für Verzicht zu werben?

Das ist eines der Missverständnisse, mit denen wir endlich aufräumen müssen: Weniger Energie zu verschwenden heisst noch lange nicht, auf unseren gewohnten Lebensstandard zu verzichten. Wir verlangen von niemandem, wieder auf dem Holzherd zu kochen wie unsere Grossmütter.

Wir sind technisch längst in der Lage, intelligente Lösungen zu finden, die sowohl ressourcenschonend wie auch bequem sind. Die Energiewende ist kein Rückschritt, ganz im Gegenteil: Sie bietet innovativen Unternehmen die Chance, höchst erfolgreiche neue Wirtschaftszweige zu schaffen. Zudem bewahrt sie uns vor grossem Schaden.

 

Inwiefern?

Nehmen wir die wichtigste Ressource, Trinkwasser: Beispielsweise in afrikanischen Staaten birgt die Verteilung des Wassers bereits heute sozialen Sprengstoff. Private Unternehmen wie Nestlé sowohl in europäischen Staaten wie auch in den USA versuchen sich seit längerem, fruchtbaren Boden und den Zugang zu Wasser zu sichern. Ist das Trinkwasser im Besitz einiger weniger Privater und nicht mehr öffentliches Gut, führt das früher oder später zu schweren Konflikten. Klimaflüchtlinge gibt es nicht zuletzt wegen Wassermangels, und wenn wir so weitermachen wie bisher, werden es sicher nicht weniger.

 

Sowohl National- wie Ständerat wollen zwar keine neuen AKW, die Ständeratskommission ist aber auch gegen Laufzeitbeschränkungen. Wenn es nicht mal gelingt, die alten Atommeiler innert nützlicher Frist abzuschalten – was können die Grünen dann noch ausrichten?

Einen Fehler der Vergangenheit sehe ich darin, dass wir immer von der ‹Umwelt› reden. Wie Untersuchungen in Tschernobyl gezeigt haben, geht es den Pflanzen und Tieren dort recht gut, sie wachsen und vermehren sich auch in jenen Gebieten, die am stärksten verstrahlt sind, nur der Mensch wird krank. Das heisst, die Umwelt schafft es immer irgendwie – aber wir Menschen möglicherweise nicht. Wir müssen deshalb vermehrt die Menschen in den Mittelpunkt stellen: Unsere Gesundheit leidet unter dem Dreck, der beim Verbrennen von Heizöl, Benzin und Kerosin entsteht, während Solarpanel oder Windräder höchstens die Aussicht aus dem Fenster verstellen. Und es kann nicht sein, dass die externen Kosten des motorisierten Strassenverkehrs weiterhin der Allgemeinheit aufgebürdet werden und dass Kerosin steuerbefreit ist.

 

Beim Strom geht es den Bürgerlichen doch hauptsächlich darum, den Markt zu liberalisieren.

Dagegen müssen wir kämpfen, lokal gegen die Pläne von Bundesrätin Leuthard und global gegen TISA: Wir wollen keine privaten Firmen, die bestimmen, wer zu welchem Preis Zugang zu Strom, Wasser und anderen Ressourcen hat. Wir wollen das bewahren, was die Schweiz zu dem gemacht hat, was sie ist – die demokratische Mitbestimmung und den guten Service public.

 

Laut Prognosen legen die Bürgerlichen bei den Wahlen zu. Angenommen, sie schaffen die Mehrheit: Wie reagieren Sie darauf?

Wir müssen immer wieder Widerstand leisten. Wir sind in letzter Zeit etwas bequem geworden, haben uns eingerichtet in unserem angenehmen Leben.

Doch wenn die Bürgerlichen tatsächlich gewinnen und damit anfangen, statt der Energiewende die totale Energie-Liberalisierung zu inszenieren, ergreifen wir das Referendum und leisten Widerstand, wie seinerzeit in Rothenthurm oder der Greina-Ebene.

 

Wie soll das gehen? Für mehr erneuerbare Energie, aber gegen den Grimsel-Stausee zu sein, ist zum Beispiel keine speziell einfach zu vermittelnde Haltung…

Es gibt viele kleinere Projekte, die gut in die kleinräumige Schweiz passen und gegen die wir überhaupt nichts haben. Aber wenn man uns weismachen will, die Energiewende sei nur um den Preis von Grossprojekten zu haben, die geschützte Landschaften zerstören und Privaten saftige Gewinne bescheren, dann streuen wir auch künftig auf gut demokratische Weise Sand ins Getriebe.

 

Sie blicken dem Wahltag trotz allem optimistisch entgegen?

Ja, aber ich nehme auch die Einschätzung ernst, dass es sich um eine Richtungswahl handelt. Deshalb ist es wichtig, dass Grüne und Linke geschlossen an die Urne gehen. Niemand sollte sich von den Prognosen entmutigen lassen: Es gilt das Schlussresultat. Und das können wir beeinflussen.

 

Wahlen 2015
Bis zu den Nationalratswahlen vom 18. Oktober stellen wir an dieser Stelle jede Woche Kandidierende vor, die dem Nationalrat noch nicht angehören. Wer zum Zug kommt und zu welchem aktuellen Thema er oder sie befragt wird, entscheidet die Redaktion. Es werden nur KandidatInnen mit intakten Wahlchancen berücksichtigt. Heute mit: Katharina Prelicz-Huber (Grüne, Zürich) zum Thema Energiewende.

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