Die blutige Geschichte der USA als Song

Am 19. Juni erscheint das neue Album «Rough And Rowdy Ways» vom mittlerweile 79jährigen Bob Dylan, einem der wichtigsten Musiker der Popgeschichte und nebenbei Nobelpreisträger für Literatur. Suzanne Zahnd im Emailaustausch mit Martin Schäfer, bekennender Dylan-Fan, Kulturhistoriker und langjähriger Musikredaktor für SRF3.

 

Lieber Martin

Als ich gelesen habe, dass eine neue Dylan-Platte (darf man noch so sagen?) herauskommt, habe ich natürlich sofort an dich gedacht, du bist ja einer der letzten lebenden Dylanologen. Bestimmt hast du sie schon? Sag mir alles!

Liebe Grüsse

Suzanne

 

Liebe Suzanne

Wenn ich sie hätte, dürfte ich das vermutlich nicht einmal zugeben. Aber Platte darf man schon noch sagen, finde ich – auch «Album» passt, als Erinnerung an diese verlorene Kunstform – auch im Zeitalter von YouTube und iTunes, wo Musik praktisch nur noch in Form von Singles bzw. Downloads konsumiert wird. Ok, Dylan selber praktiziert das ja unterdessen schon lange: wie schon im Frühling 2014 (mit dem ersten Sinatra-Cover «Full Moon, Empty Arms») hat er bekanntlich Ende März auf seiner Webseite (bobdylan.com) völlig unangekündigt (und vermutlich sogar zur Überraschung seiner eigenen Plattenfirma Sony/Columbia) seinen ersten eigenen Song seit acht Jahren auf die Welt losgelassen… nämlich das unterdessen vieldiskutierte Langgedicht «Murder Most Foul». Seither sind auf demselben Weg noch zwei ebenso tolle, kürzere Stücke hinzugekommen, «I Contain Multitudes» und «False Prophet». Von da an war klar: es kommt tatsächlich ein ganzes Album, «Rough And Rowdy Ways», betitelt nach einem Country-Klassiker des legendären «Father of Country Music», Jimmie Rodgers, dem «Blue Yodeler». Werden wir Dylan bald jodeln hören? Nach Auskunft von Mama Sony ist die komplette Tracklist ausserhalb von New York immer noch «highly confidential». (Und wie die Marx Brothers sagen würden: innerhalb von New York ist es zurzeit sehr dunkel.) Es zirkuliert zwar auf gewissen unzuverlässigen Internetseiten eine komplette Liste, aber die kann oder will noch niemand bestätigen, mit so unwahrscheinlichen Titeln wie «Sandra», «Dancefloor From Her Heart» und «Atlas Inside». (https://www.reddit.com/r/bobdylan/comments/gitrh9/rough_rowdy_ways_tracklist_june_2020/) . Die glaub ich aber erst, wenn ich das Ding in den Händen habe! Vorläufig gilt wie für Soktrates: Ich weiss nur, dass ich nichts weiss.

 

Herzlich

Martin

 

Lieber Martin

«Dancefloor from her Heart» – ich schmeiss mich weg!

Ich habe mir inzwischen «Murder most foul» angehört. Ein bisschen viel Geigen vielleicht, aber der Text ist so dicht und wundervoll, man bekommt Hühnerhaut und es bleibt der Eindruck, dass die Popkultur (was Shakespeare gewissermassen auch mal war), längst gewarnt hätte vor dem was jetzt passiert. Die ganzen Reminiszenzen von Country bis zu «Another one bites the Dust» sind so geschickt verwoben! Wir bekommen nochmal eine ganze Epoche im Schnelldurchlauf vor Augen geführt, bevor sie endgültig untergeht. Mir scheint, Dylan ist ein Mann mit einer ahnungsvollen Seele, der aber nicht mehr daran interessiert ist, sich aktiv an irgend einem Geschehen zu beteiligen oder sich einer Seite zuzuschlagen. Was denkst du?

Fragt sich

Suzanne

 

Liebe Suzanne

 

Geigen sind halt immer Geschmackssache – als ich mit 17 zum ersten Mal «Like A Rolling Stone»* hörte, auf 2300 m.ü.M. via Langwelle, hatte ich (als Rock’n’Roll-Purist) auch Angst, weil ich Al Koopers Hammond nicht als Orgel erkannte…

aber denk an Sugarcane Harris, denk an John Cale bei Velvet Underground, denk an Dylans neuere Konzerte, wo Donnie Herron neben Banjo und Pedalsteel auch Geige spielt (vor allem bei „Blowin’ in the Wind“)! Vermutlich spielt Donnie auch bei «MMF», die Liste der Begleiter kennt man auch noch nicht, aber auf jeden Fall ist die Instrumentierung so speziell wie der ganze Song – übrigens der längste in Dylans gesamtem Werk (länger als «Highlands», länger als «Sad Eyed Lady of the Lowlands»)… Aber schön, dass Du Shakespeare erwähnst, schon der Titel ist nämlich auch ein Zitat – aus «Hamlet»,denn einmal mehr erweist sich unser Bobby als Amerikas eigensinniger Prinz, der über 50 Jahre später nochmals darauf hinweist, was «faul ist im Staate USA». Angefangen eben mit dem nach wie vor ungeklärten Kennedy-Mord. Dylan ist eine ahnungsvolle Seele, in der Tat: aufgenommen hat er den Song vermutlich Ende Januar, als ein Schweizer Epidemiologe (nach eigener Aussage) alle seine Aktien verkauft haben will, weil er bereits wusste, was im Zeichen von Corona alles auf uns zukommt. Hat das auch Dylan vorausgeahnt? Oder ist es purer, inspirierter Zufall, dass er Ende März diesen unglaublichen Rückblick auf die jetzt wohl definitiv vergangene Epoche herausbringt? Sicher kein Zufall ist, dass er grade dieses Thema aufgreift, mit fast 80 Jahren.

 

Will er damit sogar die diversen Verschwörungstheorien um Kennedy wieder anstossen? Im Text finden sich zwar doppelbödige Anspielungen auf die eine oder andere These, aber natürlich schlägt er sich weder auf die eine oder andere Seite.

So oder so geht es um die dunkle und blutige Geschichte der USA von allem Anfang an – und insofern liefert der Song jetzt, wie aus Versehen, den perfekten Soundtrack zu den laufenden Ereignissen. Schon Dylans Klassiker «Desolation Row» begann mit der Geschichte der Postkarten der gehängten schwarzen Zirkusarbeiter von 1920 in Dylans Geburtsstadt Duluth (Minnesota) – unterdessen demonstriert wenigstens die (bessere) Hälfte Amerikas gegen den «Murder Most Foul» an George Floyd in Minneapolis (Minnesota)! Das alles erst noch mit einer unglaublichen Song-Litanei zu Ehren des legendären DJs Wolfman Jack zu verbinden… mit 79 Jahren nochmals so ein Meisterwerk – wer hätte das gedacht?

 

Fragt sich ganz ernsthaft

Martin

 

Lieber Martin

Mich wundert’s nicht so, dass er nochmal was gemacht hat. Irgendwie muss auch ein alter Mann seine Tage rumbringen und es gab z.T. schon davor lange Pausen zwischen seinen Aufnahmen. Es spricht meines Erachtens für ihn, dass er nur dann was sagt, wenn er was zu sagen hat und nicht dann, wenn die Plattenfirma ein neues Album will. Ich sag’s jetzt mal so: vielleicht ist Dylan auch einfach nur schlecht gelaunt. Ich meine schlecht gelaunt im Sinne von ehrlich. Heute kann doch kaum mehr jemand was mit Ehrlichkeit anfangen, es ist ja schon alles siebenfach vorgekaut, zwanzigfach ironisiert und hundert Mal missbraucht worden. Und vielleicht wirft er jetzt dieser verdrehten Welt nochmal ein Album ins Gesicht, das eben, naja, ganz banal ehrlich ist? Vielleicht denkt er gar nicht so viel nach wie du jetzt annimmst – vielleicht sagt er einfach nur was er gesehen hat und sieht. Vielleicht bietet er absichtlich so viel Projektionsfläche, damit wir nach Herzenslust interpretieren, analysieren oder einfach nur unken können.

Hui, steile These!

Suzanne

 

Liebe Suzanne

 

Als Künstler muss Dylan natürlich nicht so viel über sein Werk nachdenken. Es genügt ja, dass er es produziert; wobei das sicher nicht ganz ohne Nachdenken geht. Er versteht ja sehr viel von Musik und Dichtung und Geschichte, und denkt sicher ebenso viel drüber nach, aber vermutlich nicht unbedingt das, was wir uns vorstellen. Nur logisch, dass er an diesem Spiel sein höllisches Vergnügen hat! Nicht einverstanden bin ich mit Dir, was seine «schlechte Laune» angeht: In den Konzerten mag er manchmal so klingen, aber in diesen drei neuen Songs ist er ganz im Gegenteil bester Laune. «False Prophet» ist nicht nur eins zu eins beim alten Bluesmann Billy «The Kid» Emerson abgekupfert, es ist auch seine coole Antwort an Herrn Ratzinger, den Ex-Papst, der ihn mal als «falschen Propheten» betitelt. «I ain’t no false prophet, I just know what I know» – besser hätten das Jeremias, Hiob oder Amos nicht sagen können! Und dann «I Contain Multitudes», der Titel ist natürlich wieder geklaut, bei Walt Whitman, dem grossen amerikanischen Dichtervorbild: das ist schlicht einer der lieblichsten Songs, die ihm je gelungen sind! Zusammen mit «Murder Most Foul» sind diese Songs allein schon den Preis einer grandiosen Doppel-LP wert; fast fürchte ich, er kann sie mit weiteren 7 Songs nur noch verschlimmbessern. Oder wird das zuletzt noch sein Magnum Opus? Bin ich gespannt? Das wäre masslos untertrieben. Dass der Alte mit der Mundharmonika a/k/a The Minnesota Kid mit 79 nochmals eine weltweite Nr.1 liefert, ist ziemlich klar, und das perfekte Album zum Corona-Jahr wird das sowieso.

 

Das prophezeit ohne Zagen

Dein alter Freund und Radiokollege Martin Schäfer

 

 

Lieber Martin

Dann bedank ich mich ganz herzlich fürs Auspacken der Glaskugel!

 Pass auf Dich auf!

Suzanne

 

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