«Die Ausgangslage für den zweiten Wahlgang ist ideal»

Nach seinem guten Abschneiden im ersten Wahlgang tritt Bastien Girod, Ständeratskandidat der Grünen, auch im zweiten Wahlgang an. Wie er die Sensation wahr machen will, erklärt er im Gespräch mit P.S.

 

Welches Fazit haben Sie am Abend des ersten Wahlgangs gezogen?

Bastien Girod: Es ist quasi mein Wunschszenario eingetroffen. Ich weiss von vielen Leuten, die für dieses Szenario Daniel Jositsch gewählt haben; das hat sicher auch zum absoluten Mehr beigetragen. Gleichzeitig hat Hans-Ueli Vogt genug Stimmen gemacht, dass er nicht gleich ausgewechselt werden kann, aber trotzdem keine Chance hat. Schliesslich ist mein gutes Resultat schon fast eine Verpflichtung, in den zweiten Wahlgang zu steigen.

 

Hätten Sie dafür nicht auf dem zweiten Platz landen müssen?

Ok, das wäre natürlich auch schön gewesen. Aber der Vorteil der jetzigen Ausgangslage ist, dass sie die Rechtsbürgerlichen gerade noch nicht zwingt, sich auf einen Kandidaten zu einigen. Wenn beide antreten, erhöht das unsere Chancen im zweiten Wahlgang.

 

Die SVP hat der FDP unterdessen das Angebot gemacht, Hans-Ueli Vogt zurückzuziehen, falls die FDP im Aargau Philipp Müller zugunsten des SVP-Kandidaten aus dem Rennen nähme.

Dieser Versuch zeigt zweierlei. Erstens: SVP und FDP sehen die Chance, dass uns die Sensation gelingt. Sonst sähen sie sich kaum dazu gezwungen, über einen solchen Deal nachzudenken. Zweitens zeigt er, wie chancenlos Herr Vogt ist. Die SVP glaubt offensichtlich noch weniger an Herrn Vogt als an Herrn Knecht im Aargau. Aber auch Knecht hat gegen Philipp Müller keine Chance. Und wenn die SVP nun Vogt doch zurückzieht, werden viele SVP-WählerInnen nicht mehr sehr motiviert sein, Ruedi Noser zu wählen, und beim zweiten Wahlgang zuhause bleiben.

 

Sie holten trotz allem deutlich weniger Stimmen als die beiden.

Während des ersten Wahlgangs trat ich unter ‹ferner liefen› an. Die Medien haben nicht an mich geglaubt, aber die Bevölkerung hat an mich geglaubt. In der ersten Umfrage war ich dann ja bereits an vierter Stelle. Da begannen die Medien meine Kandidatur etwas ernster zu nehmen. Am Schluss war das Resultat sicher besser, als die meisten erwartet haben.

Nun haben wir im zweiten Wahlgang eine neue Ausgangslage: Ich habe schon zahlreiche Zuschriften erhalten von Leuten, die sagen, dass sie mir am 18. Oktober ihre Stimme nicht gaben, mich aber jetzt voll unterstützen werden.

 

Reicht das?

Zusätzlich zu den Stimmen der Grünen und der SP-Wählerschaft brauche ich noch zirka acht Prozent aus der Mitte. Die Panaschierstatistik zeigt, dass dies nicht unrealistisch ist. Für den Nationalrat erhielt ich sehr viele Stimmen von SP-WählerInnen – wofür ich mich hier bedanken möchte –, aber auch viele Stimmen von AL, GLP und Mitte-Parteien.

 

Und wie wollen Sie in weniger als einem Monat die nötigen Mitte-WählerInnen auf Ihre Seite bringen?

Für die Mitte macht es keinen Sinn, Herrn Noser oder Herrn Vogt zu wählen. In den wichtigen Themen der nächsten Legislatur wie Energiewende, Rentenreform oder Bilaterale ist es eine Mitte-Links-Zusammenarbeit, die tragfähige Lösungen ermöglicht. Auch bezüglich Bundesratswahlen ist eine weitere Stärkung von SVP oder FDP nicht im Interesse der Mitte-Parteien. Leider werfen sich die Parteileitungen der Mitte-Parteien der FDP um den Hals, aber viele Mitte-WählerInnen werden da sicher nicht mitmachen. Deshalb sind die Chancen sehr intakt.

 

Warum sind Sie sich so sicher?

In den wenigen Tagen seit dem ersten Wahlgang ist sehr viel passiert: Von überall her meldeten sich Menschen, die sich für meine Wahl engagieren wollen. Für die 180 000 Flyer beispielsweise, die wir seit dem 18. Oktober haben drucken lassen, gingen schon Vorbestellungen ein, bevor die Vorlage in der Druckerei war. Am besten lässt es sich so beschreiben: Am Wahlsonntag ging ein Ruck durch die Bevölkerung, und aus jenem Teil, der entsetzt ist über den Rechtsrutsch, entstand spontan eine Bewegung, die dem Durchmarschieren von SVP und FDP etwas entgegensetzen will. Als ich dann auf Facebook verkündete, dass ich erneut antrete, bekam ich für diese Meldung über 2000 Likes.

 

Für Nicht-Digital-Natives: Wie ist das einzuordnen?

2000 Likes sind für einen einzelnen Beitrag sehr viel. Das gibt es selten. Ruedi Noser hat zum Vergleich für seine Ankündigung 200 Likes erhalten. Ich staune selbst, was, notabene ohne mein Dazutun, alles läuft: Flyer werden verteilt, Inserate sind gebucht, das Fundraising für weitere Aktionen läuft sehr gut an.

 

Wieviel Geld haben Sie für den zweiten Wahlgang zur Verfügung?

Etwa gleichviel wie für den ersten, also rund 40 000 Franken. Aber wir konnten aufgrund der vielen Spenden in der ersten Woche schon um 10 000 CHF nach oben korrigieren.

 

Mit Verlaub: Verglichen mit dem, was Ihre Konkurrenz wahrscheinlich in die Hand nehmen wird, reicht das doch nirgends hin.

Das finanzielle Ungleichgewicht war im ersten Wahlgang noch grösser. Trotzdem ist ein gutes Resultat gelungen. Wir setzen diese Mittel auch sehr gezielt ein, etwa indem wir uns mit Inseraten im P.S. an die SP-WählerInnen richten, denn diese Unterstützung ist am wichtigsten. Ich bin deshalb auch sehr dankbar für die Beitritte in mein Unterstützungskomitee und die Spenden, die ich bereits von SP-Mitgliedern erhalten habe.

 

Sie machten nach dem Wahlsonntag vom 18. Oktober erst mal Ferien – und hinterliessen damit bei Ihren potenziellen UnterstützerInnen nicht unbedingt den Eindruck, Sie glaubten zu zweihundert Prozent an Ihre Chance…

Viel Ferien blieben da nicht übrig. Am Montag war ich in Zürich, hatte eine erste Ad-hoc-Sitzung zum zweiten Wahlgang, und am Abend war die Nominationsversammlung. Am Dienstag fuhr ich dann mit der Familie für drei Tage in die Berge. Aber immer, wenn meine Tochter schlief, war ich online am Koordinieren und Vorbereiten des zweiten Wahlgangs. Am Freitag hatte ich einen Forschungsanlass an der EMPA in Dübendorf. Am Wochenende kam dann der Grossvater und schaute zur Tochter, damit ich mit Ellen die Social-Media-Kampagne vorbreiten konnte. Seit Montag bin ich nun wieder in Zürich an Koordinationssitzungen, Medienkonferenz, der Juso-Vollversammlung und ersten Flyer-Aktionen unterwegs. Gleichzeitig gebe ich ab dieser Woche Vorlesungen an der ETH. Gerade wegen diesem vollen Programm wollte ich letzte Woche nicht ganz auf die paar zusätzlichen Stunden mit meiner Familie verzichten.

 

Zurück zu den Mitte-WählerInnen: Was spricht dafür, dass Sie aus diesen Kreisen genügend Stimmen holen können?

Schaut man die Abstimmungsergebnisse im Kanton Zürich an, wird klar: Eine Mehrheit will das Kulturland besser schützen, mehr gemeinnützigen Wohnungsbau, keine einseitige Rentenreform, die Förderung erneuerbarer Energien und einen leistungsfähigen öffentlichen Verkehr. All diese Anliegen sind durch den massiven Rechtsrutsch in Bern gefährdet. Deshalb muss bis in die Mitte Interesse an einem Korrektiv im Ständerat bestehen.

 

Im ersten Wahlgang war dieser Zusammenhang den WählerInnen anscheinend noch nicht bewusst?

Den Rechtrutsch führe ich zu einem grossen Teil auf den inhaltlich seichten Wahlkampf zurück. Es wurde kaum über jene Themen diskutiert, die wirklich relevant für die nächste Legislatur sind. Deshalb werde ich im zweiten Wahlgang versuchen, noch stärker auf die unterschiedlichen politischen Positionen hinzuweisen.

 

Ist denn nicht bekannt, wofür Noser steht?

Nein, das macht Herr Noser erstaunlich geschickt. Er hat ja mit seinem Glarner Dialekt einen sympathischen Auftritt. Dann macht er oft sehr allgemeine Bemerkungen, die ihn schwer fassbar machen. So schafft er es beispielsweise, gewisse Leute im Glauben zu lassen, er sei ein Euroturbo; dabei möchte er nicht einmal die Bilateralen weiterentwickeln. Da ist er nahe am SVP-Kurs. Oder nehmen wir die Umweltpolitik: Hier gehört er gemäss Umweltrating der Umweltverbände zu den ParlamentarierInnen, die am wenigsten Versprechen eingehalten haben. Schliesslich gehört Ruedi Noser auch nicht zur staatstragenden FDP. In den Ständeratspodien zeigte sich deutlich, dass er im Gegenteil im Staat den Grund für allerlei Übel sieht. Sogar beim VW-Skandal meinte er öffentlich, dass dieser die Folge einer sozialistischen, staatlichen Führung eines Unternehmens sei. In Wirklichkeit hat das entsprechende Bundesland bloss 20 Prozent der Aktien. Und die SPD – die ja auch keine sozialistische Partei ist – ist dort aktuell bei etwas mehr als 30 Prozent Wähleranteil.

 

Was haben wir demgegenüber davon, wenn wir Sie wählen?

Ganz allgemein setze ich mich dafür ein, dass ökologische und soziale Anliegen nicht gegen wirtschaftliche Anliegen ausgespielt werden, sondern nach Lösungen gesucht wird, die diese Anliegen verbinden.

 

Was war das eben? Ein Werbespot für einen Grünliberalen?

Das müssen Sie den Grünliberalen sagen, die sollten mich nämlich auch unterstützen (lacht). Im Ernst: Die drei Anliegen zu verbinden, ist die Grundidee der nachhaltigen Entwicklung. Ich habe mal nachgeschaut, was meine Anliegen waren, als ich vor neun Jahren noch bei den Jungen Grünen für Stadt- und Gemeinderat kandidierte: Es waren schon damals die gleichen. Bei den Grünliberalen geht der soziale Pfeiler der Nachhaltigkeit leider oft etwas vergessen, und die Wirtschaft wird tendenziell zu neo-liberal verstanden. FDP und SVP spielen diese Anliegen leider gegeneinander aus. Das hat man bei der grünen Wirtschaft gesehen. Obwohl die betroffene Wirtschaft für die Vorlage war, also eigentlich ein Win-Win für Umwelt und Wirtschaft möglich gewesen wäre, schossen insbesondere FDP und SVP die Vorlage im Nationalrat ab. Das wird sich im neuen Parlament akzentuieren. Aber zurück zu den Grünliberalen: Einige sind bereits meinem Komitee beigetreten, und Angebote, mir im Wahlkampf zu helfen, habe ich aus dem ganzen Spektrum von AL bis CVP erhalten.

 

Hilfe zusagen ist das eine, doch wer ist nach dem Ende eines langen Wahlkampfs, das viele Aktive erschöpft herbeigesehnt haben, und nach dem anstrengenden Wahlsonntag tatsächlich noch bereit, erneut voller Elan Flyer zu verteilen?

Da wurde ich selber überrascht, welche Energie nun plötzlich nochmals frei wird. Die Tatsache, dass nun eine Sensation möglich ist, motiviert unglaublich. Und gerade in einem zweiten Wahlgang ist die Stimmbeteiligung oft noch tiefer und damit die Mobilisierung noch wichtiger.

 

Gewinnt Ruedi Noser die Wahl, kann der Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbands, Hans-Ulrich Bigler, in den Nationalrat nachrücken. Die FDP wird folglich alles geben, um ihren Kandidaten in den Ständerat zu hieven. Ernsthaft: Wie gut stehen Ihre Chancen, gegen diese Übermacht anzukommen?

Gleichzeitig ist Hans-Ulrich Bigler ein weiterer Grund, Noser nicht zu wählen. Mit Bigler würde ein weiterer Rechtsrutsch innerhalb der FDP gefördert. Es ist sowieso wichtig zu sehen, dass das Problem des Rechtsrutsches nicht allein die SVP ist. Nur wenn die FDP mit der SVP stimmt, manifestiert sich der Rechtsrutsch in den Gesetzesvorlagen. Auch Herr Noser würde bei der Rentenreform, der Energiewende und den Bilateralen den Ständerat nach rechts rücken. Meine Hoffnung ist, dass sich deshalb viele sagen: rechts reichts, nun müssen wir ein Zeichen für eine zukunftsgerichtete Politik setzen.

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