«Die Arbeiterklasse besteht nicht nur aus weissen Fabrikarbeitern»

Eine neue Studie widerlegt eine weitverbreitete Erklärung für die Krise der Sozialdemokratie seit den 1990er-Jahren. Simon Muster spricht mit Politikwissenschaftler Tarik Abou-Chadi von der Universität Zürich über postmaterielle Gesellschaftspolitik und veraltete Bilder der Arbeiterklasse.

 

Tarik Abou-Chadi, haben Sie Sarah Wagenknechts Buch die «Die Selbstgerechten» gelesen?
Tarik Abou-Chadi: (lacht) Nein, das tue ich mir nicht an. Ich habe aber einige Aus- schnitte gesehen und die Diskussion rund um das Buch in den Medien mitverfolgt.

 

Wenn ich Ihre Arbeit so lese, scheint mir das ein Versuch einer Widerlegung von Wagenknechts Kernthese zu sein, wonach der postmaterielle Fokus von sozialdemokratischen Parteien auf gesellschaftliche Themen für ihren Stimmenverlust seit den 1990er-Jahren verantwortlich ist.

Ja, das kann man durchaus so sagen. Es gibt zwei Narrative, die den Untergang der Sozialdemokratie seit den 1990er-Jahren erklären sollen: ein ökonomisches und ein kulturelles Narrativ. Das ökonomische Narrativ besagt, dass sich die ArbeiterInnen aufgrund der Politik von New Labour in England oder der «Neuen Mitte» in Deutschland nicht mehr von der Sozialdemokratie vertreten sahen und sich deswegen von ihr abgewandt haben.

VertreterInnen des kulturellen Narrativs behaupten hingegen, dass sich die Sozialdemokratie bei gesellschaftlichen Fragen, etwa bei Gleichstellungs- oder Migrationsfragen, zu progressiv positioniert hat und sich deswegen die klassischen Arbei- ter – hier bewusst nicht gegendert – abwenden und radikal rechte Parteien wählen. Sarah Wagenknecht scheint sich in ihrem Buch zwar auf das kulturelle Narrativ zu konzentrieren, vertritt aber politisch auch das ökonomische Narrativ. Sie ist allerdings natürlich nicht die einzige, die diese Thesen vertritt. Unsere Arbeit bezieht sich also keineswegs direkt auf sie.

 

Intuitiv scheinen die Argumente doch zu stimmen: Die Konzentration auf progressive Gesellschaftspolitik verhindert, dass sich die sozialdemokratischen Parteien um ökonomische Probleme kümmern.

Die Erklärung macht insofern Sinn, als dass sie unserem klassischen Bild der Sozial- demokratie entspricht: Die sozialdemokrati- schen Parteien sind die Parteien der Fabrik- arbeiter, und diese sind – so die Erzählung – weisse Männer. Auf dieser sehr oberflächli- chen Ebene macht das Argument Sinn: Wenn die Kernwählerschaft der Sozialdemokratie tatsächlich die weissen Arbeiter sind und wir aus Untersuchungen wissen, dass dort auto- ritäre Einstellungen tendenziell verbreite- ter sind als in der Gesamtbevölkerung, dann scheint es logisch, dass sich diese aufgrund einer progressiven Migrations- und Gesell- schaftspolitik von links abwenden und radi- kal rechte Parteien wählen.

 

Also auf die Schweiz übersetzt: Der Büezer wählt heute wegen dem Genderstern und der Asylpolitik nicht mehr SP, sondern SVP?

Genau.

 

In Ihrer Studie schreiben Sie aber, dass die Grundannahme hinter dem Argument empirisch falsch ist. Was für eine Grundannahme meinen Sie?

Es sind vor allem zwei Grundannahmen: Zum einen die Bedeutung der Arbeiterklasse für den Stimmenanteil der sozialdemokratischen Parteien, zum anderen die Zusammensetzung der Arbeiterklasse. Wir konnten bei unserer Untersuchung feststellen, dass die Arbeiterklasse in den letzten zwanzig Jahren so dramatisch abgenommen hat, dass deren Wahlentscheidung die massiven Verluste der Sozialdemokratie der letzten 5 bis 10 Jahre gar nicht erklären könnte. Richtig ist, dass die strukturelle Entwicklung, also das Schrumpfen der Arbeiterklasse, natürlich eine Rolle spielt für die Krise der Sozialdemokratie. Aber mehr, weil es die Parteien dazu zwingt, neue Koalitionen zu bilden, mit entsprechenden Eingeständnissen.

 

Wer ist denn eigentlich diese «Arbeiterklasse»?

Das öffentliche Bild, das hier häufig vermittelt wird, ist das einer Klasse aus weissen Fabrikarbeitern. Das hat natürlich aber nur wenig mit der tatsächlichen Zusammensetzung dieser Gruppe im 21. Jahrhundert zu tun. Wir definieren die Arbeiterklasse als eine Kombination von ProduktionsarbeiterInnen, also den klassischen FabrikarbeiterInnen, und DienstleistungsarbeiterInnen, etwa VerkäuferInnen. So definiert, ist die ArbeiterInnenklasse weder weiss noch männlich.

 

Gerade in der Schweiz zeigt sich in Ihrer Studie, dass Menschen mit Migrationshintergrund den Grossteil der Arbeiterklasse ausmachen.

Genau. Wir können in dieser Studie nicht genau sagen, woher die Menschen in diesen Berufen kommen. Das sind nicht alles POC (People of Colour, Anm. d. Red.) Aber wenn wir schauen, wie sich diese beiden Gruppen in den letzten Jahren verändert haben und wer heute unter prekäreren Verhältnissen arbeitet, dann sehen wir, dass es dort nicht eine Dominanz der weissen Männer gibt.

 

Okay, aber was ändert diese Erkenntnis konkret?

So einiges. Beim kulturellen Narrativ wird oft behauptet, der Arbeiter interessiere sich gar nicht für Gender- oder Gleichstellungsfragen. Ähnlich sieht es beim ökonomischen Narrativ aus: Wenn der Arbeiter nur ein Industriearbeiter ist, dann sind bestimmte Umweltmassnahmen wie die Energiewende eine ökonomische Bedrohung für diese Menschen. Wenn die ArbeiterInnenschaft jetzt aber deutlich diverser ist, dann sind die beiden Thesen, und somit auch die strategischen Schlüsse, die sozialdemokratische Parteien daraus ziehen, falsch.

 

Aber radikal rechte Parteien bezeichnen sich heute als die neuen ArbeiterInnenparteien – und haben damit Erfolg.

Es stimmt: Radikal rechte Parteien wie die SVP haben heute einen grösseren Anteil an ArbeiterInnen als früher. Das entscheidende aber ist, dass der mit Abstand grösste Teil dieser Leute vorher nicht sozialdemokratisch gewählt hat. Der eine Teil war vorher bei konservativen Parteien angesiedelt; der andere Teil hat früher schlicht nicht gewählt.

 

Wenn die Sozialdemokratie also nicht überproportional bei der ArbeiterInnenklasse verloren hat – wo dann?

Die sozialdemokratischen Parteien haben aus allen sozialen Gruppen WählerInnen verloren und an so ziemlich alle anderen. Das ist das eigentliche Problem der Sozialdemokratie: Es ist nicht so, dass sie an eine bestimmte Partei viele Stimmen verloren hat. Wenn wir eine Tendenz ausmachen können, dann, dass die sozialdemokratischen Parteien überproportional viele gebildete Frauen verloren haben, besonders an progressivere Partei- en wie die Grünen und an andere links-libertäre und sozialliberale Parteien. Diese Entwicklung hat sich vor allem in den letzten zehn Jahren verstärkt.

Doch das ist nur ein Teil der Geschichte. Eine genauso wichtige Frage ist, wen sozialdemokratische Parteien gewonnen haben und wen nicht. In den 1990er-Jahren hatten sie ein Hoch, konnten aber in der Folge kaum neue Leute für ihre Politik gewinnen, beson- ders auch keine jungen Menschen. Die harte Wahrheit ist, dass der Generationenwandel einen enormen Einfluss auf die Entwicklung der WählerInnenschaft hat. Nehmen wir den grossen SPD-Sieg 1998. Der liegt jetzt 23 Jahre zurück. Wenn die WählerInnen damals im Schnitt 45 Jahre alt waren, sind sie heute im Schnitt 68 Jahre alt. Das heisst wohl, dass heu- te gut ein Drittel der SPD-WählerInnen von damals tot ist.

 

Wo bleiben dann die jungen WählerInnen?

Die Antwort ist relativ einfach: Viele junge Menschen, die progressive Einstellungen haben, können sich schlicht nicht mit der Sozialdemokratie identifizieren. Hier ist es aber wichtig, den Schweizer Kontext zu verlassen, denn die SP ist im europäischen Vergleich gesellschaftspolitisch wahrscheinlich die progressivste Partei. In anderen europäischen Ländern ist das nicht so. Dort gibt es zum Beispiel häufig Grüne und andere links-libertäre Parteien, die gesellschaftspolitisch deutlich progressiver sind.

 

In der Studie identifizieren Sie vier idealtypische Strategien, die sozialdemokratische Parteien wählen können, um den WählerInnenschwund zu stoppen. Welches ist die am erfolgversprechendste?

Aufbauend auf einem Projekt der Universität Zürich unterscheiden wir vier idealtypische Themenprofile für sozialdemokratische Parteien: Neu-Links, Alt-Links, zentristisch und links- nationalistisch. Neu-linke Strategien verfolgen progressive Einstellungen gegenüber gesellschaftlichen Themen und priorisieren bei ökonomischen Fragen sogenanntes social investment, also bspw. Investitionen in Bildung, Weiterbildung oder Kinderbetreuung. Alt-Linke betonen vor allem klassische Sozialsstaats- und Umverteilungsthemen wie Rente oder Arbeitslosenversicherung. Parteien, die einen zentristischen Weg einschlagen, positionieren sich in beiden Dimensionen gemässigt, während linksnationalistische Strategien autoritäre Einstellungen bei gesellschaftlichen Themen wie Migration vertreten. Unsere Untersuchungen zeigen, dass potenzielle sozialdemokratische WählerInnen eine Mischung aus alt-linken und neu-linken Programmen gegenüber Strategien der politischen Mitte und linksnationalistischen Strategien bevorzugen.

 

Als Reaktion auf das Buch von Sarah Wagenknecht meinte SP-Co-Präsidentin Mattea Mey- er, sie könne sowohl für die Ehe für alle als auch den Mindestlohn sein. Ist das diese Mischung aus alt- und neu-linken Positionen?

Ja, aus meiner Sicht hat Frau Meyer recht: Wer sich als sozialdemokratisch versteht, sollte normativ für die Ehe für alle und für den Mindestlohn sein. Diese Idee, dass Themen wie Transrechte und Gleichstellung Elitethemen sind, kommt vom falschen Bild der ArbeiterInnenschaft. Oder anders gesagt: Natürlich haben die ArbeiterInnen Interesse an LGBTQ- oder Rassismus-Themen, schliesslich sind viele homosexuelle, trans- und nicht-weisse Menschen ArbeiterInnen.

 

Wenn also an dieser Erklärung über den Niedergang der Sozialdemokratie nichts dran ist: Warum hält sie sich so hartnäckig, auch unter SozialdemokatInnen?

Es gibt viele Gründe, warum Leute diese Narrative verbreiten, die gar nichts mit der Sozialdemokratie zu tun haben. Ein Grund ist sicherlich, dass sich mit Büchern zu dem Thema offensichtlich gut Geld verdienen lässt. Eine zweite Entwicklung, die ich beobachte, ist, dass viele alte, weisse Männer, die sich nostalgisch an eine alte Sozialdemokratie erinnern, ihren Statusverlust in einen Zusammenhang mit dem WählerInnenschwund stellen. Diskurse wie jener zur «critical race-theory» oder der dritten Welle der feministischen Bewegung stellen ihren Status als die grossen Welterklärer infrage. Ein Widerstand gegen diese Ideen und Bewegungen bedeutet dabei auch immer ein Erhalten des eigenen Status.

 

Aber es sind nicht nur alte SozialdemokratInnen, die progressive Gesellschaftspolitik für die Stimmverluste der Sozialdemokratie verantwortlich machen. Auch die NZZ und die ‹Weltwoche› schlagen immer wieder in die gleiche Kerbe.

Dass auch Akteure, die gar nicht mit der Sozialdemokratie zu tun haben, das Narrativ immer wieder verbreiten, hat wohl auch damit zu tun, dass die Rechte spürt, dass der Scheinkonflikt zwischen ökonomischer und postmaterieller Ausrichtung eine enorme Sprengkraft innerhalb der Linken hat. Damit soll auch eine weitere Diskursverschiebung nach rechts erreicht werden, was zum Teil ja auch erfolgreich ist. Heute sieht man ja, welche Ideen weit in die Gesellschaft hinein verbreitet sind, die früher unvorstellbar gewesen wären.

 

Tarik Abou-Chadi hat durchgehend von «Arbeiter*innen» gesprochen. Da das im aktuellen Layout des P.S. nicht vorgesehen ist, wird hier das Binnen-I verwendet.

 

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