«Die 5000 Portionen waren innerhalb von zwei Tagen verteilt»

Im Frühling stellte der 22-jährige, aus Guinea stammende Amine Diare Conde das Projekt «Essen für Alle» auf die Beine. Jeden Samstag verteilt er zusammen mit freiwilligen HelferInnen Essenspakete an Sans-Papiers, abgewiesene Asylsuchende und andere armutsbetroffene Menschen. Warum wir in der Schweiz endlich hinschauen und unseren Umgang mit Sans-Papiers überdenken müssen, erklärt er im Gespräch mit Fabienne Grimm.

 

Sie haben diesen Frühling während des Lockdowns die Aktion «Essen für Alle» ins Leben gerufen. Wie kam es dazu?

Amine Diare Conde: 2017 wurde mein Asylgesuch abgelehnt. Ich durfte nicht arbeiten, konnte keine Ausbildung machen und hatte nichts mehr zu tun. Für mich war das kein Leben. Deshalb habe ich angefangen, in der Autonomen Schule Zürich (ASZ) Freiwilligenarbeit zu leisten. In der ASZ konnte ich den Menschen endlich zeigen, wer ich wirklich bin. Hier hatte ich eine Aufgabe. Ich konnte andere Menschen unterstützen und mit ihnen meine Erfahrungen teilen. Bei meiner Arbeit lernte ich Menschen mit unterschiedlichsten Hintergründen kennen. Doch so verschieden ihre Geschichten auch waren, sie alle hatten gemeinsam, dass sie von der Gesellschaft aufgrund ihrer Herkunft abgelehnt wurden. Das ist mir damals erstmals so richtig bewusst geworden. Als dann Corona kam, machte ich mir sehr grosse Sorgen um meine Freundinnen und Freunde. Ich wusste, sie brauchen jetzt erst recht Unterstützung. Mir war klar, dass etwas gemacht werden muss.

 

Wie genau hat Corona die Situation von Sans-Papiers, Abgewiesenen und Obdachlosen verschlechtert? 

Mit dem Lockdown wurden z.B. viele der Orte geschlossen, wo Sans-Papiers, Abgewiesene und Obdachlose normalerweise auf die Toilette gehen können oder wo sie etwas zu essen bekommen. So auch die ASZ. Ausserdem haben Sans-Papiers  praktisch keinen Zugang zu medizinscher Versorgung. Gehen sie ins Spital, riskieren sie, später ins Gefängnis zu müssen. Corona kennt keine Grenzen, jeden kann es treffen. Vor dieser Realität konnte ich die Augen nicht verschliessen. Ich habe mich gefragt, wo die dringendsten Bedürfnisse der Menschen liegen. Aus eigener Erfahrung weiss ich, wie wichtig der Zugang zu Essen ist. Ohne Nahrung bringt dir alles andere nichts. Da kam mir die Idee mit «Essen für Alle».

 

Wie haben Sie es geschafft, diese Idee in die Tat umzusetzen? 

Ich war die ganze Zeit am Telefon, habe verschiedenste Firmen kontaktiert und sie gefragt, ob sie die Möglichkeit hätten, Lebensmittel zu spenden. Über eine Kollegin bin ich schliesslich auf die Firma «Menu and More» gestossen. Diese bereitet normalerweise Mahlzeiten für Schulen und Kitas zu. Weil diese allerdings aufgrund der Coronakrise geschlossen werden mussten, hatte «Menu and More» 5000 Portionen abzugeben. Über meine Kontakte habe ich dann die Nachricht verbreitet, dass die Mahlzeiten am nächsten Tag bei der ASZ abgeholt werden können. Ich war darauf vorbereitet, dass viele Menschen kommen würden, doch die Realität hat mich komplett überrascht.

 

Inwiefern?

Es war erschreckend zu sehen, wie viele Leute Hilfe brauchen. Die 5000 Portionen waren innerhalb von zwei Tagen verteilt. Als ich am dritten Tag in die ASZ kam, um aufzuräumen, standen hier um neun Uhr morgens bereits an die 300 Menschen. Ich wusste nicht, was ich machen soll. Ich war allein und hatte keine Nahrungsmittel. Aber ich brachte es schlicht nicht übers Herz, die Leute wegzuschicken. Also habe ich wieder telefoniert. Verschiedene Menschen und Vereine haben darauf Geld gespendet, mit dem ich Lebensmittel für den nächsten Tag kaufen konnte. Ich musste den Leuten dann sagen, dass sie am nächsten Tag wiederkommen mussten. Das war schwierig, aber es ging nicht anders. An diesem Tag wurde mir klar, dass ich das Projekt nicht mehr geheim halten kann, wenn ich die Menschen weiterhin mit Nahrungsmitteln versorgen will. Ich musste an die Öffentlichkeit. 

 

Wieso haben Sie das Projekt zuerst geheim gehalten? 

Ich hatte grosse Angst, dass ich etwas mache, das den Behörden missfällt. Wenn du keine Aufenthaltsbewilligung hast, musst du immer auf der Hut sein. Du willst eigentlich keine Aufmerksamkeit erregen. Doch indem wir die Öffentlichkeit über unser Projekt informiert haben, konnten wir es am Leben halten. Nach einem Aufruf auf Facebook haben etliche Menschen Geld und Lebensmittel gespendet. Auch die Medien sind auf uns aufmerksam geworden. Das hat uns Aufwind gegeben. Bis zum heutigen Tag mussten wir nie mehr jemanden wegschicken, weil keine Lebensmittel vorhanden waren.

 

Waren Sie sich immer sicher, dass Ihre Idee funktioniert?

Gerade zu Beginn des Projekts war ich mir überhaupt nicht sicher, dass es funktionieren wird. Ich machte mir grosse Sorgen und hatte unzählige schlaflose Nächte. Aber ich habe nicht aufgegeben, denn ich bin stur (lacht). Ich hatte keinen Rappen in der Hosentasche und kein Auto, aber ich hatte Menschen, die mir vertrauten und die an mich glaubten. Das gab mir Kraft. Aber natürlich gab es immer wieder Schwierigkeiten.

 

Was waren die grössten Herausforderungen?

Wir konnten nicht einschätzen, wie sich die Coronapandemie entwickeln wird. Wir wollten die Gesellschaft und die Menschen, die zu uns kommen, nicht gefährden. Ich wollte unbedingt vermeiden, dass «Essen für Alle» zu einem Corona-Hotspot wird. Deshalb war es uns immer sehr wichtig, dass wir uns strikt an die hygienischen Vorgaben halten. Dies gilt auch heute noch. Jeder Person, die zu uns kommt, werden zuerst die Hände desinfiziert. Alle tragen Masken, die freiwilligen HelferInnen tragen ausserdem Handschuhe. Es gab aber auch andere Herausforderungen. Nachdem die ASZ wieder geöffnet wurde, mussten wir einen neuen Ort für die Essensverteilung finden. Vorher waren alle Büros der ASZ voll von Kartons mit Kartoffeln, Reis und Mehl. Das ging natürlich nicht mehr (lacht). Wir konnten das Projekt dann zum Glück in das «Sozialwerk Pfarrer Sieber» eingliedern. Jetzt verteilen wir das Essen in den SBB-Werkstätten.  

 

Welche Menschen nehmen das Angebot von «Essen für Alle» in Anspruch?

Das ist sehr verschieden. Es kommen viele Menschen mit Migrationshintergrund, aber auch viele Schweizerinnen und Schweizer. Es gibt Einzelpersonen, Jugendliche, aber auch sehr viele Familien mit Kindern. Uns ist es wichtig, dass jeder, der zu uns kommt, respektiert wird. Wir fragen nicht, woher jemand kommt oder wieso er hier steht. Die Leute sollen sich hier wohlfühlen, sie sollen die Hilfe, die sie brauchen, auch bekommen, ohne dass man ihnen ihre Würde nimmt. Ich wünsche mir, dass es sich für die Leute bei «Essen für Alle» fast so anfühlt, als würden sie in der Migros einkaufen gehen. Natürlich ist das nicht immer so einfach, denn teilweise müssen Leute hier sehr lange anstehen. Aber wir setzen alles da­ran, dass sich die Menschen bei «Essen für Alle» wertgeschätzt fühlen. Es geht um mehr als nur um die Verteilung von Lebensmitteln. Wir wollen die Menschen nicht einfach nur «füttern».

 

Das heisst?

Klar, «Essen für Alle» versorgt armutsbetroffene Menschen mit Nahrungsmitteln, doch das ist nur eine der drei Aufgaben, die das Projekt erfüllt. Mit «Essen für Alle» wollen wir den Menschen in der Schweiz auch aufzeigen, wie die Realität wirklich aussieht. Viele Leute haben keine Ahnung, wie viele armutsbetroffene Menschen es in unserem Land gibt oder wie das Leben von Sans-Papiers aussieht. Das wollen wir ändern! Zu guter Letzt bietet das Projekt Menschen auch die Möglichkeit, sich auszutauschen. Gerade dieser soziale Aspekt ist sehr wichtig. Sans-Papiers und Abgewiesene sind oftmals sozial isoliert. Bei «Essen für Alle» können sie andere Leute kennen lernen, Freundschaften schliessen und wichtige Informationen über Angebote erlangen. Wir pflegen eine Kultur der offenen Türen, des Austauschs und der Unterstützung. Dadurch haben die Menschen wieder Hoffnung. Dies betrifft auch unsere freiwilligen HelferInnen. Viele von ihnen sind selbst Abgewiesene oder Sans-Papiers und dürfen nicht arbeiten. Bei «Essen für Alle» können sie mitbestimmen, mitarbeiten und mitentscheiden. Hier haben sie eine Aufgabe.

 

Sie sagten eben, dass «Essen für Alle» die Realität aufzeigen will. Sind wir in der Schweiz blind für die Probleme armutsbetroffener Menschen?

Ich würde nicht sagen blind. Doch ich habe das Gefühl, dass viele Menschen denken, in der Schweiz müsse niemand Hunger leiden. Das stimmt einfach nicht. Alle SchweizerInnen wissen, dass es Sans-Papiers gibt, aber nur wenige interessieren sich dafür, wie die Alltagsrealität von Sans-Papiers tatsächlich aussieht. Viele denken auch, Sans-Papiers seien alle kriminell. Dabei vergessen sie, dass man in der Schweiz bereits als «kriminell» gilt, wenn man sich ohne Aufenthaltsbewilligung hier aufhält. Im Kanton Zürich leben über 19 000 Sans-Papiers. Wenn diese wirklich alle kriminell wären, könnten wir nachts nicht mehr ruhig schlafen. 

 

Wie kann man «Essen für Alle» am besten unterstützen?

Natürlich ist es schön, wenn man uns finanziell oder mit Lebensmittelspenden unterstützt. Aber langfristig wird das nichts ändern. Mein Wunsch ist, dass die Leute persönlich hier vorbeikommen, dass sie sich die Realität anschauen und sich mit den Leuten auf Augenhöhe austauschen. 15 Minuten reichen bereits. Danach wissen sie auch, was mit ihrem Geld gemacht wird. Zeit und Aufmerksamkeit zu schenken, ist die grösste Unterstützung.

 

Sie sind selbst in einer schwierigen Situation. Sie warten immer noch auf den definitiven Entscheid Ihres Härtefallgesuchs, das seit knapp einem Jahr läuft. Macht es Sie nicht wütend, dass Sie sich als Sans-Papiers um so viele Menschen kümmern müssen? Wäre das nicht die Aufgabe von anderen?

Ich weiss, dass es eigentlich nicht meine Aufgabe ist. Es ist die Aufgabe von uns als Gesellschaft. Aber unsere Gesellschaft ist vielleicht einfach noch zu wenig sensibilisiert. Ich habe einen anderen Blick auf das Ganze. Ich habe selbst erlebt, was es heisst, ohne Papiere in der Schweiz zu leben, ich habe es selbst erlebt, was es heisst Hunger zu leiden. 

 

Was muss sich Ihrer Meinung nach in Zukunft ändern?

Ich wünsche mir, dass die Menschen endlich hinschauen. Dass sie sich darüber informieren, was es heisst, als Sans-Papier oder Abgewiesener in der Schweiz zu leben. Diese Menschen haben oft sehr schlimme Erfahrungen gemacht. Sie haben Gewalt erlebt, werden ausgenützt und sind all dem schutzlos ausgeliefert. Sie können sich nicht wehren, haben keine Rechte und leben ständig in Angst. Es gibt Fälle von Sans-Papiers-Frauen, die sich versklaven müssen, damit sie ihre Wohnung nicht verlieren. Das ist furchtbar. Ich wünsche mir, dass sich diese Menschen in der Schweiz wohlfühlen und in Sicherheit leben können. Ausserdem möchte ich, dass Minderjährige Zugang zu Bildung haben. Es kann nicht sein, dass jemand zehn Jahre in der Schweiz lebt, ohne dass er sich weiterbilden kann! Ich bin jetzt fast sieben Jahre in der Schweiz und kann nichts machen! Mir sind die Hände gebunden. Zu guter Letzt wünsche ich mir, dass in einem Land wie der Schweiz niemand Hunger leiden muss. Es wäre doch einfach. Vor kurzem hat die Schweiz über den Kauf von Kampfjets abgestimmt. Mit einem Bruchteil dieses Geldes könnte man alle armutsbetroffenen Menschen in der Schweiz problemlos ernähren. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass wir das irgendwann schaffen.

 

Woher nehmen Sie Ihre positive Einstellung und Ihren Optimismus?

«Essen für Alle» gibt mir Hoffnung. Ich sehe hier eine grosse Solidarität. Wir haben jetzt die Chance, der Stadt und dem Kanton zu zeigen, dass es eine Lücke im System gibt. Es ist eine Chance für uns als Gesellschaft. Und auch eine Chance für jeden, der zu uns kommt, sich in die Schlange stellt und damit sagt: Ich bin armutsbetroffen und ich brauche Hilfe. 

 

Weitere Infos auf www.essen-für-alle.ch

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