Deutungshoheit

Tochter von, Geliebte von, Patientin von… Lucia Joyce (1907 – 1982) wurde, wenn nicht überhaupt vergessen, immer nur in Relation zu berühmten Männern erwähnt. Das soll sich ändern.

 

Die Quellenliste, die das feministische Kollektiv «Der grosse Tyrann» im Programmheft aufführt, ist viel länger als befürchtet. Nur halt Primärquellen wie ein Tagebuch gibts keine mehr. Vernichtet, aus Rücksicht auf den Ruf der Familie… Streit über die Deutungshoheit ist also programmiert, was für «Abgesang auf Lucia Joyce – Eine Wahnsinnsarie» gleich zum Regiekonzept erhoben wird. Die Kulturwissenschaftlerin Liliane Koch (auch Regie) erklärt, die Schauspielerin Wanda Wylowa verkörpert und setzt in Relation, der Opernsänger Niklaus Kost singt Arien aus der namensgebenden Donizetti-Oper und der Tänzer Simon Fleury bringt die körperliche Komponente ihrer verbrieften Tätigkeit als  Avantgardetänzerin im Paris der Belle Epoque mit ein. Einhelligkeit ist nicht so leicht herzustellen. Denn auch der individuellen Geltung während der Aufführung will Tribut gezollt werden. Wenn Niklaus Kost findet, er wäre jetzt dran und von den anderen auf einen späteren Zeitpunkt vertröstet wird, stellt dieser offensichtlich inszenierte Wettbewerb sehr physisch greifbar das dar, was unter Historiker­Innen auf der Recherche nach dem tatsächlichen Hergang geschehen könnte. Und was in der Realität in umgekehrter Richtung versucht worden war. Der Abend ist überaus lustbetont, wenngleich nicht zur Hauptsache lustig. Das verdeutlicht auch der Gastauftritt von Simone Fasnacht vom Netzwerk von Mental-Health-AktivistInnen «Madnesst», die aus eigener Erfahrung berichten kann, wo jemand mit zurückliegender Psychiatrieerfahrung in der Gesellschaft aneckt. Lucia Joyce wurde sehr früh von ihrer eigenen Familie pathologisiert und abgeschoben und Unterstützung für eine Gegenwehr war weit und breit keine erkennbar. Schliesslich galt ein Frauenschicksal lange Zeit als in vielerlei Hinsicht vernachlässigbare Grösse. Der Abend wird neben dem Inhalt auch formal ein klein wenig zur Materialschlacht, nicht nur während der sinnbildlichen Spurensuche unter dem Stanniolberg, der den Ruhm ihrer Umgebung darstellt, worunter ihr eigenes Glück mutwillig  begraben wurde, sondern auch in der Vielzahl der Kostüme von Maud Hélène Vuillemier. Könnte auch als Hinweis auf eine Sublimierung gelesen werden, also eine raumgreifend gewordene Unzufriedenheit über die angetroffenen Tatsachen darstellen, dass eine mehrfachbegabte Frau so einfach übergangen und in der Folge vergessen werden konnte.

 

«Abgesang auf Lucia Joyce – Eine Wahnsinnsarie», bis 16.10., Hyperlokal, Zürich

 

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